Zwischen Vorurteil und Realität

Sachbuch | Giovanni Cocco: Neapel

Ich gebe es zu: Neapel steht auf meiner Liste der noch zu besuchenden Städte ziemlich weit oben. So begebe ich mich erst einmal auf fotografische Reise, folge dem oft prämierten italienischen Fotografen Giovanni Cocco durch diesen eindrucksvollen Bildband. BARBARA WEGMANN

NEAPEL, wie das schon klingt, verführerisch, attraktiv, ein bisschen mysteriös, auf jeden Fall ein Abenteuer, eine Reise, eine Zeit wert. Schon bei den ersten Seiten wird mir aber auch klar: ich habe Vorurteile im Kopf, Neapel, die Stadt der Mafia, des Mülls, der Vulkane, die Stadt voller Geschichte und Vergangenem, die Stadt mit ungewisser Zukunft. Was ist Realität, was ein Vorurteil?
Neapel ist die Stadt der Gegensätze, eine Stadt, die sich nicht so leicht einordnen lässt. Letztlich: eine Stadt der Widersprüche, gelegen vor betörender Mittelmeerkulisse, eingerahmt von Ischia und Capri im Golf von Neapel.

Neapel, die Stadt der Künstler, die »von der Schönheit und Einzigartigkeit Neapels und vor allem vom einmaligen Licht der Stadt fasziniert« waren und sind. Neapel, die Stadt der großen sozialen Unterschiede, und die mystische Stadt, die sich irgendwie so gar nicht ins gesamte italienische Gefüge einfügen mag; man spricht Neapolitanisch, was stark von »normalem« Italienisch abweicht. Vielleicht »die italienischste Stadt aller Städte«, so heißt es. »Das Alter der Stadt macht ihren Zauber aus, das Wissen, das schon über 100 Generationen an ihren Ufern gestanden und aufs Meer geblickt haben, dass es in ihren Tiefen Dinge aus der Vergangenheit gibt, die es noch zu entdecken gilt, dass sich das Leben hier Schicht um Schicht übereinandergelegt hat und sich unerwartet vor einem aufblättern kann, heute oder in Zukunft.« So beschreibt es das Vorwort.

Viele Male besuchte Giovanni Cocco diese drittgrößte Stadt des Stiefels, einen ganz persönlichen Blick auf die Stadt sollten seine Fotos ergeben und: Das tun sie in der Tat, sehr beeindruckend, sehr ansprechend, sehr atmosphärisch. Es sind keine Reiseprospekt-Fotografien, kein Hochglanz, nichts Gestelltes, Organisiertes, Geplantes, nichts Lautes verkünden sie. Es scheint, als seien die Fotos bei Spaziergängen, beim Flanieren entstanden. Viele Momentaufnahmen, Stimmungen, verschiedene Tageszeiten, verschiedene Blickwinkel, verschiedene Lichtsituationen, mit denen Cocco professionell spielt. Da sind auch nur wenige Touristen, meist ist es still, es sind die Nebengassen, die leeren Treppen, der Blick in Fenster, Menschen, die zur Arbeit gehen oder ihren Feierabend in einem Straßencafé verbringen, Heiligenfiguren, alte Gebäude mit Geschichte und Tradition, flächendeckende, neue Wohnblocks, anonym irgendwo in den Außenvierteln. Jugendliche, die den Abend in Kneipen oder Clubs verbringen. »Tanzen bis zur Erschöpfung. Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch, viele müssen sich mit kleinen Jobs durchschlagen. Das Nachtleben lässt viele Unwägbarkeiten des Alltags vergessen.

Seine Fotografien erläutert Cocco im Anhang mit kurzen Untertexten, Infos, die im Hauptteil des sonst textlosen Bildbandes auch gestört hätten, die Bilder sind persönlich, sind so unmittelbar, so nah. Hier wird keine Stadt verherrlicht oder bejubelt, es sind eher leise Bilder, die Sonne sucht man vergebens. Aber, selbst wenn man noch nie in Neapel war, vermitteln die in der Tat besonderen Bilder das Gefühl, als wäre man hier irgendwie ein Stück weit zu Hause, Vertrautheit trotz der Gegensätze, trotz der Vulkan-Gefahr, trotz der sozialen Probleme, trotz der Vorurteile, die man hatte. Eine realistische Fotoreise durch die Stadt, eindrucksvoll und vielleicht viel näher am neapolitanischen Puls als manch anderes Stadtporträt.

»Der Tanz auf dem Vulkan dürfte der vielleicht abgegriffenste, doch treffendste Begriff für das Lebensgefühl der Neapolitaner sein, das Wissen, dass es jeden Moment vorbei sein kann mit der eigenen Existenz, dass das Verderben unter deinen Füßen lauert, dass die Erde tanzt, wie man hier sagt, wenn sie sich bewegt, und dass aus dem Tanz urplötzlich ein Totentanz werden kann …« Wunderbare Fotografien, die diese Schicksalsergebenheit einer Stadt widerspiegeln.

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Giovanni Cocco: Neapel
Hamburg: mare Verlag 2023
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132 Seiten, 58, 00 Euro

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