Im Land der Spione gehen die Uhren anders

Roman | Mick Herron: Joe Country

Langweilig wird es in der »Slough House« genannten Außenstelle des britischen Inlandsgeheimdienstes nie. Dafür sorgt nicht nur deren ungehobelter Leiter Jackson Lamb, sondern auch die Tatsache, dass immer wieder neue gescheiterte Existenzen in diese »Abteilung für Ausschussware« versetzt werden. Diesmal ist es der von polnischen Exilanten in zweiter Generation abstammende Lech Wicinski. Kinderpornos will man auf seinem Dienst-Laptop gefunden haben, Dateien, von denen er nicht weiß, wo sie hergekommen sind. Ist es nur ein Vorwand, um den wissbegierigen Jungspion kaltzustellen? Während der Mann um die Wiederherstellung seiner Ehre kämpft, bekommen es Lambs Männer und Frauen wieder mit einem alten Feind zu tun und nicht alle von ihnen kommen aus dem kalten, verschneiten Wales zurück, wohin sie von ihm gelockt werden. Von DIETMAR JACOBSEN

Es ist schon eine merkwürdige Gesellschaft, die sich da in einer Seitenstraße des Londoner Stadtteils Finsbury in einem Gebäude, das »einem faulen Zahn in einem schlechten Gebiss« gleicht, Tag für Tag zusammenfindet, um in der Regel wenig Sinnvolles zu tun. Und doch gehören Catherine Standish, in deren Wohnung sich seit Neuestem wieder die Weinflaschen stapeln, Roderick Ho, der selbstverliebte Computer-Nerd, Louisa Guy, die immer noch einer alten Affäre nachtrauert, J.K.Coe, der schweigsame »Dreiviertel-Psychopath«, Shirley Dander, gerade aus einem Antiaggressions-Kurs kommend, und River Cartwright, nicht ganz so erfolgreicher Enkel eines einstigen Topspions, alle zum britischen Inlandsgeheimdienst MI 5. Da, wo der allerdings sein Hauptquartier hat, am Londoner Regent’s Park, will man von den »lahmen Gäulen« unter Großbritanniens Agenten am liebsten gar nichts wissen.

Aber schließen kann man die ungeliebte Dependance auch nicht. Denn Jackson Lamb, der der kleinen Gesellschaft vorsteht, oder besser: vorsitzt, denn er bewegt sich kaum hinter seinem Schreibtisch im vierten Stock hervor, kennt zu viele der dunklen Geheimnisse, mit deren Hilfe die Regent‘s-Park-Oberen rund um die endlich zur Generaldirektorin des MI 5 aufgestiegene Intrigantin Diana Taverner – natürlich wird sie hinter vorgehaltener Hand »Lady Di« genannt – an ihre Pfründen gekommen sind.

Schatten der Vergangenheit

Dummerweise allerdings passiert es immer wieder einmal, dass die Männer und Frauen aus dem »Slough House« ins Licht der Öffentlichkeit geraten. Dann muss Jackson Lamb höllisch aufpassen, dass von seiner Truppe nicht noch mehr Personen das Zeitliche segnen als bisher bereits. Was auch diesmal nicht ganz klappt. Allein man kann dem ungehobelten Patron nicht nachsagen, dass er sich nicht um seine Leute kümmert. »Seine Joes waren unantastbar«, lautet von jeher eine der Maximen. Und im Land der Spione, dem guten alten Joe Country, ist das schon fast so etwas wie ein Treuegelöbnis. Dem Lamb auch durchaus Nachdruck zu verleihen versteht, indem er gelegentlich seine Beine vom Tisch nimmt, mit den Füßen in die Schuhe schlüpft und sich höchstpersönlich an die Regelung von Dingen macht, die nur regeln kann, wer sein Geschäft und alle darin Verwickelten in- und auswendig kennt und weiß, wie er bei Bedarf  andere in Angst und Schrecken versetzen kann.

Der sechste Fall für Lamb und seine kleine Truppe beginnt im Übrigen mit einer Beerdigung. River Cartwrights Großvater, einst die Nummer 2 im Geheimdienst, zuletzt an zunehmender Demenz leidend, hat das Zeitliche gesegnet. Als zu seinem Begräbnis nicht nur die Prominenz aus dem Hauptquartier erscheint, sondern River auch seinen Vater, den Ex-CIA-Agenten Frank Harkness, unter den Gästen entdeckt, wird es brenzlig. Denn der Mann hat schon einmal für mächtig Stress gesorgt. Dass er nun schon wieder auftaucht und, wie sich schnell herausstellt, ein gefährliches, zu allem bereites Söldnertrio im Schlepptau hat, deutet darauf hin, dass etwas im Busch ist, das auch den Männern und Frauen aus dem Slough House schlaflose Nächte bereiten könnte.

Deutsche Spione, britische Royals und kampferprobte Söldner

Und genauso ist es. Nur wissen am Anfang noch die Wenigsten, dass sich das Auftauchen von Harkness und seiner 3-Mann-Armee einer royalen Verfehlung verdankt. Denn ein in der Erbfolge des britischen Königshauses gottseidank nicht auf den vorderen Plätzen zu findender, dennoch aber zum illustren Kreis der Royals zählender Tunichtgut hat wieder einmal Ärger gemacht. Und zwar die Sorte von ans Kriminelle grenzendem Verdruss, die sich nicht unter den Teppich kehren lässt, weil es einen Zeugen gibt, der für sein Stillschweigen Geld verlangt. Und dass, obwohl er sehr genau weiß, auf welch gefährliches Spiel er sich da einlässt.

Mick Herron ist ein Meister im Verknüpfen von Handlungssträngen. Auch wenn es am Anfang seiner Romane immer danach aussieht, als entwickelten unterschiedliche Erzählfäden völlig unabhängig voneinander ihre je eigene Geschichte und Dynamik – irgendwann docken sie alle doch aneinander an. Und gewöhnlich ist es einer von Lambs »lahmen Gäulen«, über den die Fäden zusammenlaufen. Diesmal hat der Autor diese für die Geschlossenheit des Romans wichtige Funktion Louisa Guy anvertraut. Sie war die Geliebte von Min Harper, den es im vierten Band der Reihe, Spook Street (2017, deutsch 2021), im Dienst erwischt hat. Als sich dessen Frau nun plötzlich bei Louisa meldet und sie darum bittet, sie bei der Suche nach ihrem verschwundenen Sohn zu unterstützen, nimmt das die immer noch unter dem Verlust ihres Geliebten Leidende sehr ernst. Denn etwas für den Vermissten zu tun ist für sie fast so etwas wie ein Vermächtnis des Toten zu erfüllen.

Showdown in Kälte und Schnee

Allein Mins Sohn Lucas – versierte Herron-Leser ahnen es schnell – ist niemand anderer als jener Zeuge royalen Fehlverhaltens, den Harkness und seine Männer möglichst lautlos von der Bühne verschwinden lassen sollen. Und das macht das Erzählbukett schließlich rund und die Mission, zu der sich Louisa und ein paar andere schließlich Richtung Wales aufmachen, um den jungen Mann aus den Klauen seiner Verfolger zu retten, umso gefährlicher. Wenn sich irgendwo am erzählerischen Rand dann auch noch eine Erklärung dafür findet, warum man den polnisch stämmigen Lech Wicinski vom Regent’s Park zu den »Slough Horses« verbannt hat, obwohl der mit den Kinderpornos auf seinem Dienst-Laptop nun wirklich nichts zu tun hat, legt das wahrscheinlich schon eine kleine Spur zum nächsten Abenteuer von Lambs Außenseitern. Helfen tut es dem armen Mann freilich nicht mehr viel.

Auch in Joe Country gelingt es Herron wieder fabelhaft, sein Personal im ersten Kapitel einzuführen, indem er erzählerisch die wurmstichigen Treppen im Slaugh House hinauf- und hinabeilt, in einem Stockwerk nach dem anderen das Licht anknipst und uns hineinschauen lässt in die Köpfe der dort Sitzenden, ihre Probleme anreißt, noch zu Erzählendes vorbereitet und in den Vorgängerbänden bereits Erzähltes erinnert. Bis er im obersten Stock der »Abteilung für Ausschussware« angekommen ist und der dort residierende Jackson Lamb, nachdem die „vier T-Fragen“ gestellt sind – »Wer zum Teufel, was zum Teufel, wo zum Teufel und warum zum Teufel?« –, seine Männer und Frauen ausschwärmen lässt, auf dass sie mit ihren Taten dem Guten zum Sieg verhelfen, auch wenn das Erreichen dieses Ziels mehr oder weniger dem Zufall überlassen bleibt.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Mick Herron: Joe Country. Slow Horses. Bd. 6
Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer
Zürich: Diogenes Verlag 2023
480 Seiten. 18 Euro
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