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Lesestoff

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Lesestoff

Was Annika gerade lese, fragte Farb.

Pearl S. Buck, sagte Tilman, sie lebte von 1892 bis 1973, doch wie komme Annika auf diese Autorin.

Sie sei mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet worden, 1938, sagte Farb, ihr Werk sei nicht unumstritten.

Ihr werde ein in Teilen triviales Niveau vorgehalten, erklärte Tilman.

Sie lese ›Drachensaat‹, sagte Annika, ›Dragon Seed‹, 1942, das Geschehen spiele während des chinesisch-japanischen Krieges, der im Juli 1937 durch einen Zwischenfall südöstlich von Beijing ausgelöst worden sei, sie lese Pearl S. Buck gern, sagte sie, und sei fest entschlossen, mehr von ihr zu lesen.

Sie sei mit einem Missionar verheiratet gewesen, ergänzte Tilman, und hatte eine Professur für englische Literatur in Nanking inne. Nach ihrer Scheidung sei sie nach Amerika zurückgekehrt und habe später ihren Verleger geheiratet.

Annika lächelte und schenkte Tee nach, Yin Zhen, sie hatten wie üblich das Service mit dem Drachenmotiv aufgedeckt, rostrot, sie besaßen es seit einigen Wochen auch mit lindgrünem Drachen.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Sahne.

Weshalb sie sie lese, wiederholte Annika, eine gute Frage, sagte sie, doch das sei nicht mal so im Handumdrehen erklärt.

Farb strich die Sahne auf seiner Pflaumenschnitte glatt.

Tilman warf einen Blick nach dem Gohliser Schlößchen.

›Drachensaat‹ spiele in einer anderen Zeit und in einer anderen Kultur, sagte Annika, und sei dennoch hochaktuell.

Vielleicht gerade deshalb, sagte Farb und aß ein Stück von seiner Pflaumenschnitte.

Manchmal verhalte es sich so, sagte Tilman und nahm sich einen Marmorkeks.

Die Moderne, wie wir sie kennen – stets ihrer Zeit voraus, mindestens, und schnell, rasend schnell, unaufhaltsam – werde in ›Drachensaat‹ heruntergebrochen, sagte sie, die Abläufe seien heftig verlangsamt, der Autorin gelinge es, ein hochdramatisches Geschehen wie den erwähnten Krieg unaufgeregt zu entwickeln, aus einer stabilen Basis heraus, dörfliche Landwirtschaft, eine in feste Rollen gefügte Familie, die der weit gestreuten Handlung Stabilität verleihe, jeder habe seinen Platz, zentraler Schauplatz sei ein abgelegenes Dorf, keine Hektik, kein medial verstärktes Getöse, keine technologischen Luftschlösser, die Autorin konzentriere sich auf die menschliche Verstrickung und auf die nach und nach von außen hereinbrechende Not.

Tilman lächelte. Einfach erzählt, sagte er.

Einfach erzählt, wiederholte Farb, und zwar nicht in der gewöhnlichen Form, daß ein Konflikt durchgespielt werde, der maximal originell angelegt sei und psychologisch unterfüttert, sondern der Krieg breche als ein Verhängnis über eine harmonische Dorfgemeinschaft herein, und wie Tilman sagte, einfach erzählt, es gebe keinen Gewinner, keine gefeierten Helden, die Dinge eskalierten unweigerlich, die Dörfler würden zu Opfern des Geschehens, so oder so, ausnahmslos.

Und die Autorin bemühe kein literarisches Dekor, sie biedere sich nicht an modische Strömungen an, sagte Annika, sie streue keine unerwartete Überraschung ein, um die Handlung voranzutreiben, keine aufdringlichen Effekte, keine atemberaubende Dramatik, keine grotesken Szenarien, nichts, nein, wie ich sagte, die Dinge eskalieren unweigerlich.

Aber sie eskalieren, sagte Tilman.

Das höre sich für manche Ohren so an, als würde sie mächtig Langeweile verbreiten, spottete Farb und tat sich einen zweiten Löffel Schlagsahne auf.

Im Gegenteil, widersprach Annika, die Inhalte würden den Leser  nicht loslassen.

Also weniger der Krieg, fragte Farb.

Doch, gewiß, auch der Krieg, selbstverständlich der Krieg, aber der habe einen Vorlauf, in dem das ländliche Leben geschildert werde, in Kontrast gesetzt zum städtischen Leben und selbst im Kulturbruch befindlich, ein alles prägendes Thema, so wickle sich die jüngste Schwester noch äußerst traditionell ihre Füße, während die ältere Schwester – was für Frauen, »Weiber«, verpönt sei – gelernt habe zu lesen, der Leser werde mit einem fundamentalen Umbruch im Selbstverständnis der Geschlechter konfrontiert, da werde allerdings nichts gegen einander aufgerechnet, sondern man respektiere einander, Bucks Romanfiguren seien eine wie die andere liebevoll gezeichnet.

Zu schön, um wahr zu sein, spottete Farb.

Ob er denn eine grundlegend andere Kultur von vornherein mißbillige, hielt ihm Annika vor, das grenze doch an Rassismus. Die barbarische Invasion des japanischen Militärs löse jedenfalls in der Dorfgemeinschaft Entsetzen aus, der Roman werde zu einem flammenden Appell gegen den Krieg.

›Drachensaat‹, ergänzte sie, führe den Leser durch diverse Entwicklungsstufen: die dörfliche Gemeinschaft, den Einbruch des Krieges in Stadt und Land, die Welt der Partisanen, erwachendes und sich behauptendes weibliches Selbstbewußtsein, praktizierter Widerstand im Alltag, rückständige Atmosphäre in einem Kloster, utopische Momente eines von Zwängen freien Lebens.

Jede Leserin und jeder Leser, sagte sie, möge selbst überlegen, ob ihnen das gelegentlich konstatierte ›Eingreifen des Himmels‹ als kohärent oder als trivial oder gar kitschig erscheint, ob Details im sprachlichen Duktus, etwa der durchgehende Gebrauch des Wortes »Weiber«, als unzeitgemäß, gar als Fälle für ›Cancel culture‹ zu werten sind oder doch als authentischer Ausdruck einer fremden Kultur und ob generell die Breite der Darstellung noch anspruchsvoll und vertretbar oder eher schon überfrachtet ist – für sie, resumierte Annika, sei ›Drachensaat‹ eine anregende Lektüre gewesen, und ›Die gute Erde‹, ein Roman, der als das gelungenste Werk von Pearl S. Buck gelte, stehe als nächstes auf ihrer Liste.

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