Ein verhängnisvoller Fehler und seine Folgen

Roman | Samuel W. Gailey: Die Schuld

Alice O’Farrell hat einen Fehler gemacht. Einen Fehler, der dem 4-jährigen Bruder der elf Jahre Älteren das Leben kostete. Sechs Jahre später erträgt die junge Frau das Schweigen und die unausgesprochenen Vorwürfe nicht mehr und verlässt über Nacht ihr Elternhaus. In Harrisburg findet sie eine Anstellung als Barfrau in einem schmierigen Stripclub. Nach einer der vielen Nächte, die sie ohne Alkohol nicht mehr übersteht, wacht sie im Bett des Clubbesitzers Terry auf. Ohne zu wissen, wie sie am Vorabend hier landen konnte. Nur eines merkt sie sofort: Der Mann, der neben ihr liegt, lebt nicht mehr. Mit den über 90.000 Dollar – die ebenfalls reichlich vorhandenen Drogen lässt sie liegen –, die sie bei ihm findet, glaubt sie, irgendwo weit weg einen Neuanfang machen zu können. Doch das Geld gehört dem kleinwüchsigen Drogenboss Sinclair. Und der nimmt sofort ihre Spur auf. Von DIETMAR JACOBSEN

Blumen vor einer MauerMit Samuel W. Gailey hat der Stuttgarter Polar Verlag einen Autor für die deutschen Leserinnen und Leser entdeckt, der in seiner Heimat – Gailey wuchs in einer kleinen Stadt im Nordosten Pennsylvanias auf und lebt heute mit seiner Frau und seiner Tochter auf Orcas Island – bereits mit Cormac McCarthy und Michael Connelly verglichen wird. Die Schuld – im amerikanischen Original The Guilt We Carry (2019) – ist der zweite von bisher drei Romanen des Autors.

Von der englischsprachigen Kritik wurde er vor allem aufgrund der Tiefe seiner Figurenzeichnung und des spannend und gekonnt geschilderten Zusammenhangs von Schuld und Erlösung in Bezug auf seine Hauptfigur Alice O’Farrell hoch gelobt. Alice hat einmal in ihrem Leben einen verhängnisvollen Fehler gemacht, der einem kleinen Jungen, ihrem Bruder Jason, auf den die Fünfzehnjährige einen Abend lang aufpassen sollte, das Leben kostete. Seitdem ist nichts mehr, wie es war.

Eine neue Chance?

Als Barfrau in einem schmierigen Lokal in Harrisburg sucht sie sechs Jahre später Vergessen und ein neues Leben. Alkoholexzesse prägen ihren Alltag. In den Nächten quälen sie Schuldgefühle. Und doch verteidigt sie ihre Würde gegen all die Zumutungen und den Unflat, mit denen sie die männlichen Gäste eines Etablissements konfrontieren, in dem der Bodensatz der Gesellschaft verkehrt. Bis sie eines Morgens im Bett ihres Chefs Terry Otis aufwacht ohne zu wissen, wie sie dort hingekommen ist, und merkt, dass der Mann neben ihr nicht mehr lebt.

Kurz darauf liegen vier weitere Leichen in dem Wohnwagen. Zwei Gangster und zwei von Alice herbeigerufene Polizisten haben sich in einem grotesken Shootout gegenseitig das Leben genommen. Und wieder einmal muss die inzwischen 21-Jährige fliehen. Nur dass sie diesmal einen ebenso hartnäckigen wie rücksichtslosen Verfolger an den Fersen hat. Denn Drogenboss Sinclair will um jeden Preis die 91.000 Dollar zurück, die Alice bei Terry gefunden hat und von denen sie hofft, dass sie ihr den Weg in ein neues Leben eröffnen können.

Davonlaufen ist keine Lösung

Sinclair, ein Terrier, kleinwüchsig, hochintelligent und beredt, der sich selbst die Hände nicht schmutzig macht – dafür hat er seinen Mann fürs Grobe namens Phillip, »lächerlich groß und breit«, ganz das Gegenteil seines Bosses, dessen »schmale Finger mit den perfekt manikürten Nägeln« nur dazu da zu sein scheinen, die Bedeutung seiner stets wohlüberlegt gesetzten Worte gestisch zu unterstreichen –, braucht nicht lang, um herauszubekommen, dass Alice sich auf den Weg in ihre Heimatstadt Wilmington gemacht hat. Von dort aus will sie weiter zu dem Mann, der ihr schon einmal, als sie auf ihrer ersten Flucht nach dem Tod des kleinen Bruders war, geholfen hat.

Der über 60-jährige Elton Parsons hatte die 15-Jährige in verwahrlostem Zustand auf der Straße gefunden, sie mit zu sich nach Hause genommen und sich in der nächsten Zeit wie ein liebevoller Vater um sie gekümmert. Kein Wunder, dass er es ist, der ihr in der Not als Erster einfällt. Und als sie diesmal wieder vor seiner Tür steht, ist ihr Problem sogar noch größer geworden. Denn auf der Bahnfahrt hat sie einem Mädchen in Bedrängnis geholfen, dessen Not sie an ihr eigenes Schicksal erinnerte. Und war die 15-jährige Delilah, die ihren eigenen übergriffigen Vater erschossen hatte, fortan nicht mehr losgeworden.

Roadmovie und Thriller in einem

Die Schuld ist Roadmovie und Thriller in einem. Samuel W. Gailey hat mit Alice O’Farrell eine starke Frauenfigur erschaffen, die seit 6 Jahren mit einer Schuld belastet ist, von der sie glaubt, dass sie ihr für den Rest ihres Lebens nicht mehr entkommt.  Allmählich erkennt sie jedoch, dass man auf die Dauer auch mit ständigem Weglaufen nichts ändert, sondern sich dem stellen muss, was einen belastet. Indem sie auf ihrer Odyssee durch die USA Verantwortung für einen zweiten Menschen übernimmt, sich um ein Mädchen auf der Flucht so kümmert, wie sie sich um ihren kleinen Bruder hätte kümmern sollen, als ihre Eltern ihr vertrauten, ist das ein erster Schritt zurück in ein Leben, das sie für immer verloren glaubte. Eine Sühne, die zählt, ein Stück auch des Weges, der letzten Endes zur Aussöhnung mit ihren Eltern führen könnte.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Samuel W. Gailey: Die Schuld
Aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf
Stuttgart: Polar Verlag 2024
308 Seiten. 26 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Trailer zum Buch

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Perfektionismus im Garten

Nächster Artikel

Maar’scher Hokuspokus

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Jakob Francks zweiter Fall

Roman | Friedrich Ani: Ermordung des Glücks In Friedrich Anis Roman Ermordung des Glücks spielt zum zweiten Mal nach Der namenlose Tag (2015, Deutscher Krimipreis national 2016) der Münchner Ex-Polizist Jakob Franck die Hauptrolle. Diesmal ist ein elfjähriger Junge ermordet worden – und während sich die Mutter im Schmerz vergräbt und der Vater Rachepläne schmiedet, weil er glaubt, den Täter zu kennen, versucht Anis Held alles Menschenmögliche, um zu verhindern, dass aus Unheil noch größeres Unheil erwächst. Von DIETMAR JACOBSEN

Trutschn und Teutonen

Roman | Tonio Schachinger: Echtzeitalter

Von erster Liebe, despotischen Lehrern und reclamgelber Pflichtlektüre handelt Tonio Schachingers Echtzeitalter, ein moderner Bildungsroman im besten Wortsinn, der den allgegenwärtigen Generationenkonflikt um virtuelle Ausflüge in den Kosmos der Gaming-Szene erweitert. Und da wir uns in Wien befinden, kann es ganz schön oarg werden. Von INGEBORG JAISER

Schreibend ein neues Leben beginnen

Roman | Friedrich Christian Delius: Die Liebesgeschichtenerzählerin »Viel wichtiger war, dass sie nach dreißig Wartejahren endlich zum richtigen Schreiben kam und die Zeit als Tippse von Doktorarbeiten aufhörte und mit der Schreibmaschine ein neues Leben beginnen konnte«, heißt es über die Protagonistin Marie von Schadow (verheiratete von Mollnitz), die sich Ende der 1960er Jahre am Strand von Scheveningen dazu entschließt, ihre Familiengeschichte, genauer: drei exemplarische Beziehungen, zu rekonstruieren. Den neuen Roman von F.C. Delius Die Liebesgeschichtenerzählerin hat PETER MOHR gelesen.

Trauen darf man wirklich keinem

Roman | Garry Disher: Moder

»Plane fürs Optimum, erwarte das Schlechteste, beachte die Fluchtwege«, ist nach wie vor Wyatts Devise. Garry Dishers Gangster ohne Vornamen, aber mit Überzeugungen hat sich in seinem neunten Abenteuer in Sydney niedergelassen. Mit heißen Tipps für gewinnbringende Coups versorgt ihn der im Gefängnis sitzende Sam Kramer bei seinen Freigängen. Dafür kümmert sich Wyatt um dessen Familie. Bis die gut funktionierende Tour eines Tages schiefgeht und ein paar andere von Wyatts nächstem Coup Wind bekommen. Von DIETMAR JACOBSEN

Romanze am Rhein

Roman | Hanns-Josef Ortheil: Der Typ ist da Was verbindet Köln mit Venedig? Wieso pilgert ein italienischer Restaurator in den rheinischen Norden? Welche wundersamen Verwandlungen treten ein, wenn man sich in eine Stadt vertieft? Hanns-Josef Ortheil hat eine mystische, spirituell angehauchte Hommage auf seine Geburtsstadt geschrieben und verkündet kurz und knapp: ›Der Typ ist da‹! Von INGEBORG JAISER