»Es ist wie Spiegel …« – Kollegahs letztes Album

Musik | Kollegah: Still King

Ohne Ankündigungen veröffentlichte Kollegah am 14. Juni 2024 eine neue Single inklusive aufwändigen Video. Wer sich mit seiner Diskografie auskannte, wurde bei dem Singlenamen Sigma sofort hellhörig. Das nach wie vor erfolgreichste klassische Deutschrap-Album King von 2014 zeitigte als erste Singleauskopplung Alpha. Das Outro hieß Omega. Und Fans kamen nun mit Sigma voll auf ihre Kosten: in Text und gar Videoumsetzung knüpfte es an Alpha an, nur reifer, erwachsener, entspannter, versöhnender. Am Ende des Videos erschien die Einblendung, welche Fassungslosigkeit auslöste: das angekündigte Album sollte das letzte sein. Grund genug, dem Album mit den Ohren des Medienhistorikers zu lauschen. Es geht hierbei nicht darum, Kunst bewerten zu wollen. Kunst ist subjektiv. Es geht um eine neutrale Einordnung des letzten Kollegah-Albums in dessen Werdegang. Von DR. DANIEL MEIS

Ende einer langen Reise

Ein Porträtfoto des KünstlersWenige Rapper sind so produktiv wie Kollegah. Massenweise Features, Freetracks und Singles, fünf Kollaboalben, 13 Soloalben, zwei Kollabo-Mixtapes, sieben Solo-Mixtapes, drei Kollabo-EP, sechs Solo-EP, drei Kompilationen, drei Sampler in nur 20 Jahren. Wer behauptet, der selbsternannte »Weltmonarch« habe immer nur die gleichen Stile vorzuweisen, findet in der breit angelegten Diskografie eine unterhaltsame Widerlegung.

Amüsante Disstracks gegen sich selbst? Felix Blume vs. Kollegah (2023) bringt selbst Kritiker zum Lächeln. Bis ins Extremste gesteigerte Selbstironie? Die drei Hoodtapes (2010, 2016, 2018) würden als Verfilmungen unter Komödien gelistet. Storytelling? Das Dschungelabenteuer (2015) ist faktisch ein Hörbuch. Philosophische Gedankenspiele? Universalgenie (2014) bewegt sich in geistigen Höhen, die schon durch ihren Sprachschatz das Vokalbelrepertoire der meisten Zeitgenossen übersteigen. Representer höchsten lyrischen Niveaus? Warum hasst du mich (2014) ist ein Musterbeispiel für Representer. Motivationssongs? Du bist Boss (2014) hört man weit über die Rap-Community hinweg. Radikaler Battle-Rap jenseits des Sagbarkeitsraumes bis hin zum Verbot? Vor allem der dritte JBG -Teil (2017) setzte Maßstäbe.

Felix Blumes Diskografie und Kunstfigur sind weder Einheitsbrei, noch homogen. Rezipiert werden jedoch meistens die härteren Battle-Rap-Alben wie Platin war gestern (2018) oder auch die bewusst mehrdeutig gehaltenen sozial- und politikkritischen Stücke wie das Album Free Spirit (2022). Und so besitzt auch das neue Album Still King Alleinstellungsmerkmale. Unerkennbar ist natürlich die Anknüpfung an King (2014). Kollegah bezeichnet King selbst als sein bestes Album, auch finanziell war es sein endgültiger Durchbruch, setzte Trends und ist unter den klassischen Deutschrap-Alben bis heute das mit Abstand erfolgreichste. Zur Zeit steht es kurz vor Doppel-Platin. Zehn Jahre später kam jetzt also Still King. Schon der Titel bedeutet ein Markenzeichen. Der selbsternannte »Boss« spielte stets mit Bezeichnungen wie »Imperator«, »Kaiser«, »König«, »Lord«, »Weltmonarch« und vielen mehr. Hier aber zaubert Kollegah kein neues Wort hervor oder nutzt einfach die alten weiter. Er stellt dem »King« schlicht das »Still« voran. Statement gesetzt. Anspruch des Albums ist folgerichtig laut Sigma: » Dropp ein Album, setz auf King nochmal die Krone drauf wie’n Papst«. Und das hat er definitiv vollbracht.

Stil und Struktur

Lyrisch hat er sich selbst um einiges übertroffen. Seit seiner RBA-Teilnahme ist man Wortspiele, Reimketten und Mehrfachbedeutungen gewohnt, aber sie wurden mit der Zeit immer raffinierter. Ein Schub lässt sich um 2011 mit dem Album Bossaura feststellen, 2014 dann mit King und 2021 mit dem ZHT 5. Rein sprachlich ist Still King aber schlicht das stärkste Album. Gleiches gilt für die Ausdrucksstärke der Stimme. Klar und deutlich, nachdrücklich und betont presst der Text durch die imposanten Beats. Das Album bietet dabei alles: Aufbauschend wie bei Sigma oder Still King , gefühlsbetont wie bei Blessed oder Mama , ruhig wie bei Prime (Outro) oder Larger Than Life. Beim Abmischen wurde offensichtlich sowieso sehr gut gearbeitet.

Dazu passt auch, dass Kollegah immer Alben abliefert, die nach wie vor einheitliche Kunstwerke darstellen. Es sind keine Playlist-Alben, die marktgerecht das Streaminggeschäft anpeilen, sie sind von Anfang bis Ende Alben im früheren Sinne. Dass Kollegah den Trend immer kürzerer Laufzeiten ebenfalls nicht mitgeht, reiht sich in diese Beobachtung nur ein. Still King weist 19 Songs auf. Die dazugehörige T.O.N.I. Style EP hält ebenfalls 19 Stücke parat. Und selbst das ist wieder einmal typisch Kollegah: Statt ein zehn Lieder umfassendes und 30 Minuten zählendes Album zu veröffentlichen, bringt er wieder einmal ein Doppelalbum mit sage und schreibe 38 Tracks und 2 Stunden, 19 Minuten Laufzeit.

Dass er inhaltlich wie strukturell mit Still King nicht dem von ihm reichlich kritisierten Mainstream entspricht, betont er dabei gerade als Markenzeichen und Stärke. Oder wie es in Sigma heißt: » Es geht nur noch um die passende Singleauswahl wie im Tinder-Saustall/Hauptsache, Schrott an die Kinder rausknall’n/Keine Ecken, keine Kanten wie mein Swimmingpool-Ball«. Tatsache ist jedoch, dass sich ein Kollegah dies erlauben kann. Die Fangemeinschaft ist riesig, seine Fähigkeiten überragend. Ein Newcomer hingegen kann sich dem Mainstream nur schwer entziehen, will er vorankommen.

Still King ist aber offensichtlich sowieso nicht darauf angelegt, Rekorde zu knacken oder extreme Verkaufs- wie Streamingzahlen zu erreichen. Anders als etwa bei King 2014, JBG 3 2017 oder zuletzt La Deutsche Vita 2023 gab es keine werbetechnisch brilliant aufgebaute Promophase. Still King ist schlicht als Abschluss einer Saga intendiert. Kommerziell ging es Kollegah bekanntermaßen sowieso nie um Gewinnmaximierung. Trap etwa blieb eine spaßige Ausnahme in Form der Nafri Trap EP (2018), Herzschmerzmelodien stellten gelegentliche Einzelfälle dar wie bei Du (2011). Das letzte Album soll einen Abschluss darstellen, eine Platte für den eigenen Spaß und für die Fans, Altes und Neues verbinden, eben nur auf höchstem Niveau.

Insofern sind bei den 38 Titeln auch kaum klassische Singlehits zu finden, sondern eher atmosphärische Tracks und massenweise Insider. Vor allem wirft Kollegah mit Reminiszenzen um sich, die gerade Fans in Verzückung versetzen sollten, die schon vor der ersten Goldauszeichnung dabei waren. Gleiches gilt für diverse Abschlüsse von Markenzeichen und Songfortsetzungen. Von Sigma war bereits die Rede. Die Bezüge zu Alpha (2014) sind künstlerisch rund umgesetzt. Still King steht in direkter Linie zu King (2014). Kanzleraura liefert den Abschluss der unvergleichlichen Aura-Tradition von Bossaura (2011), Königsaura (2014), Kaiseraura (2016), Zuhälteraura (2021) und Lordaura (2023). El Rey Del Mundo Serenade stellt eine direkte Fortsetzung dar von Dealer (Prelude), Vom Dealer zum Star, Star (Afterlude) (2007) wie Mois (Skit) und Von Star zu Dealer (2019). Four Seasons fasst zusammen und schließt gleichzeitig ab die nachdenklichen Sommer (2006), Herbst (2008), Winter (2015) und Frühling (2021). Triumpflächeln knüpft an Siegerlächeln (2016) an. Du bist King wird nur verständlich durch Du bist Boss (2014). Keine F’s verweist auf Ich geb kein Fuck (2006). T-Files steht strukturell in Verbindung mit Z-Files (2004). Das Prime (Outro) lieg in einer inzwischen 18jährigen Tradition eines Großteils der Outros seit dem Boss der Bosse -Tape 2006.

Hinzu kommen etliche Zeilen, welche Déjà-vus en masse hervorrufen. Und grundsätzlich ist die gesamte T.O.N.I. Style EP eine einzige Analogie in Albumlänge. Ein solches Doppelalbum ist nicht auf Rekordeinnahmen ausgerichtet. Es schwelgt in Erinnerungen, nimmt die Fans auf eine Reise in die Vergangenheit mit, schreibt dabei die Saga weiter und beendet sie zugleich auf dem künstlerischen Höhepunkt.

Auch die Featureauswahl schlägt in die gleiche Kerbe. Auf dem Album Still King ist Favorite zu hören, auf der T.O.N.I. Style EP sind gar Chissman, Shiml und Boz vertreten. Asche darf ebenfalls nicht fehlen. Aber warum Farid Bang, Majoe oder auch Sun Diego nicht auf dem letzten Kollegah-Album sind, erschließt sich nicht.

Es stellt sich unweigerlich die Frage, ob es wirklich das letzte Album sein soll: Spielerische und mehrdeutige Hinweise auf ein JBG 4 liefern Kollegah und Farid Bang regelmäßig, und auch Bossaura 2 mit Sun Diego war eigentlich ein jahrelanges künstlerisches Anliegen Kollegahs. Sowohl auf Songs von Still King , als auch in den wenigen Promoaktionen nach Sigma deutet Kollegah an, dass es tatsächlich das letzte Album sei. Ein sprachgewandter Künstler wie er wird diese Worte mit Bedacht gewählt haben. Fallen auch Kollaboalben darunter? Was ist mit Features? Und wie sieht es mit Mixtapes oder EP aus? Er lässt es offen. Aber seine Ansage ist klar: Zeit mit der Familie geht vor, zu viel ging davon in den letzten Jahren verloren. Zudem will er ausdrücklich einen Cut vornehmen, wenn er auf höchstem Niveau arbeitet, und nicht erst nach einigen weiteren Jahren sinkender Qualität aufhören. Dass er weiterhin solche Kunstwerke liefern könnte, steht für den Beobachter jedoch außer Frage. Und wie so oft bliebt im Outro der augenzwinkernde Hinweis auf den Spiegel…

Würdiger Abschluss

Insgesamt wirkt das Album locker, druckbefreit, entspannt. Verkrampftes Erzwingen von Atmosphäre oder lustlose Zeilen finden sich nicht. In der Stimme ist eher der Spaß an der Kunst herauszuhören. Allgemein finden sich auf dem Album ungewöhnlich viele authentisch wirkende Bezüge. Felix Blume hat seine Kunstfigur Kollegah heterogen aufgebaut und schützt das eigene Privatleben inklusive seiner Familie ungewöhnlich stark. Selbst bei Interviews lässt er selten die Kunstfigur beiseite, spielt gar immer wieder mit dem weithin verbreiteten Narrativ, Kollegah sei exakt übereinstimmend mit Felix Blume. Sicher, an Felix Blume wird viel Kollegah sein, aber Felix Blume wird nicht das Narrativ Kollegahs spiegeln.

Bislang gab es jedoch höchstens mal hin und wieder Songs, welche dieses Bild komplett durchbrachen und die authentische Privatperson zeigten. Am berühmtesten dürfte der an seine Ehefrau gerichtete Song Infinitum (2019) sein. Dass zahlreiche Hinweise in Songs auf seine Ehefrau Tatsachen wiedergaben und kein Storytelling darstellten, wurde aber offiziell nie bestätigt oder dementiert. Auf Still King hingegen finden sich nicht weniger als vier entsprechend interpretierbare Stücke, zuzüglich diverser Strophen und Zeilen auf weiteren Songs des Albums. Auch das ohne jede Ankündigung gleichzeitig mit Still King veröffentlichte Zugabe – Kollegah Unplugged auf YouTube zeigt den selbsternannten »Boss der Bosse« in Interviews und Videoaufnahmen nicht als Kollegah, sondern als Felix Blume.

Hierzu passt der breite Raum, der auf dem Album für Dank an die Fans und Realtalk besteht. Er fällt viel größer aus, als die ohnehin schon ausgiebigen Danksagungen früherer Alben. Ebenfalls dazu passt ein Umstand, den Kollegah in einem Interview während der King -Promophase für sein 2014er Album erläuterte: Er wollte auf diesem wenig bis gar nicht dissen, weil er das Album auch noch in zehn Jahren ohne frühere Streitigkeiten hören möchte. Ähnliches hat er sich offenbar auch für Still King vorgenommen. Es können zwar Seitenhiebe zu RIN und Ufo361 interpretiert werden, und Kitty Kat wie Laas erhalten ein paar humoristische Kommentare ab, doch ansonsten gibt es nur zwei Rapper, die tatsächlich angegriffen werden. Dass herbere Verweise auf Bushido nicht fehlen, verwundert nach den Ereignissen 2017 in München nicht. Und dass Shindy jede Menge kleinere wie größere Attacken abbekommt, kann nach seinem Disstrack 2023 auch nicht überraschen. Bei beiden ist das Tischtuch mit Kollegah zerschnitten, daher ist es für ihn offensichtlich auch unproblematisch, sie auf seinem letzten Album anzugreifen.

Was bleibt? Definitiv eines der stilistisch besten Kollegah-Alben, wenn nicht gar das beste. Wie gesagt: Kunst ist subjektiv. Aber lyrisch, musikalisch und konzeptionell ist Still King Kollegahs Schaffenshöhepunkt. Dass sich Wegbegleiter Farid Bang nicht auf dem Album befindet, wird vielen Fans einen erheblichen Einschnitt bedeuten. Aber sonst erscheint es wie ein nahezu perfekter abgerundeter Abschluss einer Musikkarriere, die 2003 in der RBA begann und 2024 mit einem überragenden Fazit aller Alben endet. Kommen künftig noch Singles? Der legendäre Spiegel lässt grüßen.

| DR. DANIEL MEIS

Titelangaben
Kollegah, Still King (inkl. T.O.N.I. Style EP)
Alpha Music, 2. August 2024
Physisch, digital und im Streaming sowie als Box überall erhältlich.
Spotify: Still King auf Spotify
Amazon music: Still King auf Amazon
YouTube Music: Still King auf YouTube

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