Grenzüberschreitungen

Kinderbuch | Antje Damm: Das Nori sagt Nein!

Das Nori ist ein kleines, zotteliges Wesen, kaum größer als eine Maus, das ruhig und zufrieden in seiner Höhle lebt. Bis sein Leben von einem Moment auf den anderen auf den Kopf gestellt wird. Von ANDREA WANNER

Eine kleine mausähnliche Figur spaziert durch sehr hohe Grashalme und balanciert dabei eine Handtasche.Es könnte einfach so gut weitergehen, wie es ist. Bei Sonnenschein und leichtem Wind sammelt das Nori rote Beeren, die es besonders mag, und bringt sie ein seine gemütliche, mit Ofen, Tisch und Stuhl ausgestattete Höhle. Das könnte ein leckeres Essen werden, wenn sich nicht von oben ein ebenso lautes wie unheimliches Geräusch nähern würde. Und bei dem Lärm bleibt es nicht: etwas Großes, Schweres, Buntes wird in die Höhle geworfen, zertrümmert Tisch und Stuhl. Und als das Nori mutig nachschaut, wer das getan hat, wird es gepackt und entführt. Was für eine grässliche Situation.

Das Nori findet sich in einem Kinderzimmer wieder und wird von einer Riesin wie eine Puppe behandelt: Aber es ist ein lebendiges Wesen und irgendwann reicht es ihm. Ein lautes »Nein« signalisiert, dass jetzt endgültig genug ist. Ob das reicht?

Man fühlt sich bei Antje Damms Geschichte sofort an die Ballade ›Das Riesenspielzeug‹ von Adelbert von Chamisso erinnert, wo das Riesenfräulein beim Anblick eines pflügenden Bauern auch voller Begeisterung ausruft: »Ei! Artig Spielding! Das nehm‘ ich mit nach Haus!« Hier ist es nicht der Bauer, der sich zur Wehr setzt, sondern der Vater der Riesin, der sie zurechtweist und ihr erklärt, dass ein Mensch mitnichten ein Spielzeug sein. Und ein Nori?

Damm lotet aus, was es mit Selbstbestimmung auf sich hat und wie man eigene Grenzen setzt, gerade wenn ein anderer oder eine andere sie ignoriert. Sie wählt dafür eine lange nicht gesehene Technik: den Scherenschnitt! Das kunsthandwerkliche Verfahren zeigt lediglich die Silhouetten der Figuren und der Landschaft, filigrane Gräser und Blüten und die Reduzierung auf Schwarz-Weiß sorgen für jede Menge Dramatik. Nur ein paar Farbflecke gönnt Damm ihrer Geschichte: die leuchtend gelben Augen des Nori, die schillernde Buntheit der Murmel, die der Auslöser für alles ist, das Rot der Beeren, ein kleiner roter Traktor im Kinderzimmer, Blau das Tap-tap-Geräusch der Füße, eine gelbe Sonne und ein laut geschmettertes »Nein!« auf rotem Grund, der zu explodieren scheint.

Eine Bilderbuchüberraschung in jeder Hinsicht!

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Antje Damm: Das Nori sagt Nein!
Frankfurt am Main: Moritz 2024
48 Seiten, 16 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Ein merkwürdiges Gespann

Nächster Artikel

Liebeslügen zwischen Leipzig und Lagos

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Wenn ein Haus zu einem Stück Geschichte wird …

Kinderbuch | Thomas Harding: Das alte Haus an der Gracht

... und wenn dann noch diese Geschichte über ein Haus in ein wunderbares Buch verpackt ist, dann lohnt es sich, das Ganze einmal näher zu betrachten: Es ist nämlich ein ganz besonderes Haus, in Holland, in Amsterdam, an der Prinsengracht 263. BARBARA WEGMANN hat sich das Buch angeschaut.

Endlich geht’s bergab

Kinderbuch | Luc Blanvillain: Tagebuch eines Möchtegern-Versagers Eigentlich doch toll, wenn einem in der Schule alles zufliegt. Oder? Der zwölfjährige Nils hat da eine ganz andere Geschichte zu erzählen. Von ANDREA WANNER

Poetische Sprachbilder und spielerische Illustrationen

Kinderbuch | Der Kinder Kalender 2026

Kein Jahr ohne Kinderkalender, das ist klar. Auch der neue für das Jahr 2026 erzählt wieder schöne, traurige, witzige, erhellende Geschichten rund um die Sprache, die unterschiedliche Wahrnehmung unserer Welt und die wunderbare Vielfalt. Wie immer sind SUSANNE MARSCHALL und GEORG PATZER begeistert.

Weihnachten analog

Kinderbuch | Sophie Härtling (Hg.in): Die schönsten Lieder zur Weihnachtszeit Längst schon betätigen wir nur noch kleine Schalter und schon leuchten Lichter, duftet Gebäck, erklingen Lieder. Wir leben digital, vielleicht gibt es demnächst Weihnachten 3.0 und 4.0 mit Weihnachtsbaum-Hologrammen und statt des Weihnachtsmanns zischen Drohnen mit roten Zipfelmützen über die Dächer und schießen Geschenke in die Schornsteine. Man kann Weihnachten aber auch den heutigen Zeiten anpassen, ohne Traditionen aufzugeben. Und wo könnte man besser ansetzen als beim Singen? Sophie Härtling und Joëlle Tourlonias haben das Buch dazu kreiert. Von MAGALI HEISSLER

Drastische Erziehungsmaßnahmen

Kinderbuch | Will Gmehling: Molly Blume

Was macht man mit Eltern, die handysüchtig sind? Als Tochter schaut man sich das ein Weilchen an, merkt, wie das wahre Leben ohne die Eltern stattfindet – und ergreift dann passende Maßnahmen. ANDREA WANNER staunte amüsiert.