Maskerade II

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Maskerade II

Interessant, spottete Wette.

Wer sich auf dieses Thema einlasse, sagte Farb, öffne ein Faß.

So verstanden sei der US-Präsident fremdgesteuert, sagte Wette, ohne jeden Zweifel, sagte er, unübersehbar, nicht Herr seiner Sinne, er lachte, und als sei er vom Teufel geritten.

Wer sich auf dieses Thema einlasse, wiederholte Farb, öffne ein Faß, und man müsse dasselbe für den russischen Präsidenten gelten lassen, das Streben nach Macht – ebenfalls eine dämonische Kraft – werfe einen Menschen aus der Bahn und schädige den Charakter, er erkenne sich nicht wieder, er sei auf dem falschen Weg, er werde sich selber fremd.

Fremdbestimmt durch dämonische Energie, sagte Wette.

Schön und gut, wandte Farb ein, aber damit könne man letzten Endes alles erklären, man müsse diese Energien überall vermuten, was sei es dann noch wert.

Wichtig werde aber die Frage, wie damit umzugehen sei, sagte Wette, und vor allem, ob es möglich sei, im Vorwege etwas zu tun, ihr versteht, nicht naseweis und rückblickend zu erklären, lehrbuchmäßig, als hätte man Weisheit mit Löffeln gefressen, sondern wie damit umzugehen sei, ja, mit den dämonischen Energien, vorbeugend umzugehen, und es gehe keineswegs darum, etwa höhere Deiche zu bauen oder Menschen umzusiedeln, das sei deutlich geworden, sondern wie man die Dämonen beizeiten auf Abstand halten könne, ihre geballte Kraft schwächen, darum gehe es, und sobald man anfange, den Gedanken zu entwickeln, gewinne dieser ein Eigenleben, und es ergebe sich eins aus dem anderen.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf..

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne und überlegte, ob das nicht eine naive Sicht der Dinge sei.

Wette warf einen Blick nach dem Gohliser Schlößchen.

Man könne sich vorstellen, dass sich eine Aura bilde, sagte Annika, eine Atmosphäre mit gleichsam dämonischer Ausstrahlung, ausgehend von Personen oder auf Personen übergreifend, eine Gestimmtheit, die ebenso von einer Landschaft ausgehen könne, so oder anders, von einer wohltuend idyllischen Landschaft oder einem furchtbaren Unwetter.

Wette lachte. Da könne man zu Hause bleiben, einen Spaziergang aufschieben, eine Verabredung absagen.

Farb aß ein Stück von der Pflaumenschnitte.

Annika legte ihr Reisemagazin beiseite.

Er zweifle, sagte Farb, daß man diese Energien ins Leere laufen lassen könne, wie stelle man sich das vor.

Er frage sich, sagte Wette, ob sich nicht genau das zur Zeit abspiele, wenn man sich das Gewese um den amerikanischen Präsidenten ansehe, der mit kraß beleidigender Rhetorik aufschlage, in übelster Manier, ein Auftreten, das jedoch von den Gesprächspartnern nicht beachtet werde, die sich auf den sachlichen Gehalt konzentrieren und den dämonischen Unterton ignorieren würden, sie ließen ihn ins Leere laufen, und was geschehe – er beruhige sich, er zeige sich geläutert.

Nicht jeder könne sich diesen Umgangston herausnehmen, sagte Annika, es sei eben auch eine Machtfrage.

Wichtig werde sein, wie der Konflikt im Endeffekt ausgehe, sagte Tilman, zur Zeit spiele sich offenbar ein fundamentaler Wandel ab, am Ende werde der erwähnte Präsident zweifellos als Verlierer dastehen, in den USA drohe ein Bürgerkrieg, die Entwicklung sei kaum absehbar, und man werde zurecht fragen, welche Rolle die dämonischen Kräfte spielten, welchen Beitrag sie leisteten, ob sie sich zurückzögen und zumindest teilweise ebenfalls als Verlierer zu gelten hätten, oder ob sie in der Lage seien, zu eskalieren.

Sie staune, sagte Annika, weil es offenbar vorkomme, daß dämonische Kräfte geläutert würden.

Wette war amüsiert. Wenn man nur aufmerksam hinschaue, sagte er, und was man aus so einer irregeleiteten Figur wie der des Präsidenten trotz allem lernen könne.

Farb aß von seiner Pflaumenschnitte.

Tilman warf einen Blick auf das Gohliser Schlößchen.

Annika legte ihr Reisemagazin beiseite.

Man wüßte gern, sagte Farb, unter welchen Umständen eine solche Läuterung sich Raum verschaffe und ob und auf welche Weise der Mensch das unterstützen könne.

Schwierig, sagte Wette, doch wenn man erst anfange darüber nachzudenken, schweiften die Gedanken wie von selbst von einem zum anderen, unerschütterlich auf ihrem Weg, zum Beispiel werde man unweigerlich fragen, ob es auch gutwillige Kräfte gebe und wo die gegebenenfalls zu finden seien und ob so etwas wie ein Kampf zwischen Gut und Böse entstehe.

Eher nicht, sagte Farb.

Was dann, sagte Wette.

Vielleicht Engel, fragte Farb.

Tilman griff zu einem Marmorkeks, er hatte gar nicht gewußt, daß es wieder Marmorkekse gab.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Ein Symbol für Freiheit, Flucht und Hoffnung

Nächster Artikel

Nachtleben

Weitere Artikel der Kategorie »TITEL-Textfeld«

Brüche

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Brüche

Nicht mit mir, sagte der Ausguck, er ertrage diese Art Gäste nicht, sie störten in der Ojo de Liebre.

Harmat empfand die Besuche als lehrreich, Ramses gebe eine gute Figur ab, und Bildoon war überzeugt, daß man auf diese Weise die Welt kennenlerne. Weshalb nicht, sagte er, solange man eh nicht auf Walfang gehen könne, sei die Zeit nicht vertan.

Sie seien lebendig, sagte Crockeye.

Der King of Rock 'n' Roll würde ihn interessieren, sagte Touste, Gramner habe ihn kürzlich erwähnt.

Tilmans Engel

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Tilmans Engel

Es würden weit mehr Engel existieren, als man gemeinhin annehme, versicherte Tilman. An den Abenden, sagte er, spüre er sie wie Katzen, die sich auf seinem Bauch niederließen, nur daß es eben keine Katzen seien, und sie würden schnurren vor Wohlbehagen, nur daß das eben nicht hörbar sei.

Eine Tür

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Eine Tür

Du bist lustig, Tilman. Eine Tür zum Planeten? Wie sei das gemeint? Werde Eintritt verlangt, gebe es Türhüter?

Sie wartete nicht auf Antwort und trank Tee.

Immerhin, der Gedanke sei nicht ohne Reiz, denn was der moderne Mensch umsonst bekomme, das respektiere er nicht immer, und vor der Autorität eines Türhüters zöge er sogar den Hut, stimmt`s? Doch, ja, glaube ich schon.

Anne schenkte Tee nach. Noch der Yin Zhen gewann, wenn sie ihn aus diesen Tassen trank, das Drachenservice war unersetzlich

Johanna

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Johanna

Manches, sagte LaBelle, hast du ständig vor Augen und verstehst es dein Leben lang nicht.

Daß Labelle das Wort ergriff! Thimbleman staunte. Das nächtliche Lagerfeuer in der Ojo de Liebre löste die Zungen, und dafür sei es gut, überlegte er, beim Walfang eine Pause einzulegen.

Er stamme aus Frankreich, sagte LaBelle, in Rouen sei er aufgewachsen, und was ihm sein Leben lang in Erinnerung bleiben werde, sei das Gedenken an die heilige Johanna.

Heilig?, fragte Harmat.

Im Volk gelte sie als der Engel Frankreichs, sagte LaBelle, fünfzehntes Jahrhundert, sie habe das Land von der englischen Besatzung befreit.

Von Sut und Chopin

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Von Sut und Chopin Der Ausguck streckte sich im Sand und räkelte sich. Er hatte lange herumgeturnt, er war erschöpft, Salto, Handstandüberschlag, nichts Neues für ihn, doch hier, in der Ojo de Liebre, war es unvergleichlich. Thimbleman stand auf und kam Schritt für Schritt aus dem Wasser. Schwimmen, was für ein Unfug, dachte der Ausguck. Unmöglich. Wer ginge denn freiwillig ins Wasser.