//

Lifestyle

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Lifestyle

Wir sind längst überschwemmt, erstickt, ertrunken, sagte Wette, wir haben es lediglich noch nicht bemerkt.

Taub, spottete Farb, taub.

Unfähig, sagte Wette, die Welt um uns herum noch wahrzunehmen, wenngleich wir über umfassende Meßdaten verfügen.

Wir speichern sie ab, sagte Farb, und tun das vornehmlich unter Ausrufen des Entsetzens.

Wette lachte. Wir sind erschrocken, fürchterlich erschrocken, zu Tode erschrocken.

Stets auf der Höhe der Zeit, sagte Tilman, unsere Daten sind äußerst präzise, wir promovieren und habilitieren, wir wissen Bescheid, wir können erklären, wir erteilen lückenlos Auskünfte.

Wette schenkte Tee nach, Yin Zhen, sie hatten wieder das Service mit dem Drachenmotiv aufgedeckt, rostrot, Tilman hatte es aus Beijing mitgebracht, wo er einen Halbmarathon auf der Großen Mauer gelaufen war, ich erwähnte das mehrfach, ich komme darauf zurück.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf und überlegte, ob er dazu nicht lieber eine Tasse Kaffee tränke, genieße man Yin Zhen nicht sowieso besser ohne Pflaumenschnitte.

Annika warf einen verträumten Blick auf das Gohliser Schlößchen.

Wir sind entsetzt, sagte Farb, wir sehen den Waldbränden zu, die über den Planeten ziehen, den Orkanen und den Überflutungen, die die gewachsene Infrastruktur zerstören, und wir wissen,  daß es  sich nicht um Launen des Planeten oder des Klimas handelt, sondern um die Lebensweise des Menschen, die diese Reaktionen hervorruft.

Wir legen Gedenkminuten ein, spottete Wette, wir sind erschüttert, wir jammern und klagen, besorgte Politiker verordnen Evakuierungen für Hunderttausende, die jedoch schon nach wenigen Stunden in Staus feststecken, nein, mehr fällt den Politikern dazu nicht ein, es ist ein Elend.

Es handle sich um die Lebensweise des Menschen, wiederholte Farb, die diese Reaktionen des Planeten hervorrufe, eine Evakuierung sei wenig hilfreich.

Sie trauen sich nicht, sagte Wette, die Politik sei feige, sie stecke mit den Verursachern unter einer Decke, sie mache gemeinsame Sache mit ihnen.

Hilfe! Hilfe!

Farb erschrak.

Wette lachte.

Hilfe! Hilfe!

Nichts von Bedeutung, sagte er, einfach eine namenlose Figur, sagte er, sie sei auf der Flucht und spuke bald hier, bald dort durch Erzählungen, im Nu sei sie verschwunden, sogar am Toten Meer sei sie einmal aufgetaucht, es heißt sie habe dort mit Sergej aus Murmansk Backgammon gespielt, und nein, kein Walfänger, und niemand wisse, woher sie komme und wann sie wieder erscheinen werde, sagte er.

Welch Durcheinander, schimpfte Annika.

Farb aß von seiner Pflaumenschnitte.

Tilman rückte näher an den Couchtisch, um eine schmerzfreie Sitzhaltung einzunehmen.

Der Mensch sei nicht in der Lage, mit den Reichtümern des Planeten  angemessen umzugehen, sagte Tilman, und was er Ökonomie nenne, sei eine euphemistische Umschreibung für Herrschaft und versteckte Gewalttätigkeit, ohne die er offenbar nicht leben könne, seine Geschichte schreibe eine ununterbrochene Folge kriegerischer Auseinandersetzungen, für Mord und Totschlag, es sei ein Elend und eine Grundlage für das, was er Wachstum und Fortschritt nenne.

Ja, gewiß, spottete Farb, der Mensch könne damit leben, er habe sich eingerichtet und lasse Abertausende Opfer zurück.

Auf Heldenfriedhöfen, ergänzte Wette.

Wir seien überschwemmt, erstickt, ertrunken, wiederholte Farb, wir hätten es lediglich nicht bemerkt.

Taub, spottete Wette, taub.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Glanz und Leiden

Nächster Artikel

Was macht einen Freund aus?

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Zeitenwende

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Zeitenwende

Wir wissen herzlich wenig, sagte Farb, doch wir bilden uns wunder was darauf ein.

Und wer weiß, ob all unser derzeitiges Wissen nicht von Grund auf irreführend ist.

Gut möglich, Tilman.

Eine neue philosophische Theorie verlangt, das Konzept von Seele gänzlich anders darzustellen, das werde massive Auswirkungen auf unser Selbstbildnis haben, der Mensch werde gleichsam neu definiert.

Interessant, sagte Annika und blätterte in ihrem Reisemagazin.

Lebensgefährlich

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Lebensgefährlich

Ob das schwer zu verstehen sei.

Gut gefragt, Farb.

Doch sei das nicht jedem bekannt.
Das sollte man annehmen.

Vorsorge

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Vorsorge

Weshalb niemand über Vorsorge redet, das verstehe, wer will.

Sie reden nicht über Vorsorge? Die aktuelle Debatte liegt falsch?

Sie reden darüber, die Extreme auszubremsen, Farb, sie wollen den CO2-Ausstoß begrenzen und streiten über Zahlen.

Das wäre keine Vorsorge?

Nein, das ist der Versuch, eine rasante Entwicklung zu entschleunigen, ohne die zugrundeliegenden irrigen Abläufe anzutasten.

Vielleicht dennoch ein unumgänglicher Versuch?

Abwarten

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Abwarten

Ihre Tagesläufe hatten sich verändert, was sollte man auch tun, solange es galt, die Wunden zu kurieren.

Warten sei angesagt, sagte der Ausguck, geduldiges Warten, morgens oder nachmittags schwamm er mit Thimbleman in der Lagune, sie angelten Fisch, den sie bei Gramner in der Kombüse ablieferten, sie staunten über die Wale, und es schien, als würde nach und nach ihre Angst vor den riesigen Tieren nachlassen.

Man gewöhne sich, sagte der Ausguck.

Schwebend am Abgrund

Kurzprosa | Sarah Raich: Dieses makellose Blau

In diesem Band, der elf kurze Erzählungen der 1979 geborenen Schriftstellerin Sarah Raich versammelt, ist vieles blau: der Himmel, die Augen eines Babys und die eines Mannes, der kaum noch lebt, das Blaulicht, das ihn abholen soll, fünf leuchtende Vogeleier, die Anzeige in einem Auto, über das jemand bald die Kontrolle verlieren wird. Oft ist das Blau trügerisch, wie etwa der Himmel der – relativ kurzen – Titelgeschichte, der nur »eine Hülle zwischen ihnen und der Wirklichkeit ist, der Düsternis des Weltalls und den brennenden Sternen.« Die Frau, die in dieser Geschichte mit ihren Söhnen einen nachmittäglichen Spaziergang macht, hat sich angewöhnt, ihrem Sohn auf seine Fragen das zu antworten, »was nach den vielen Filtern, die sie für ihn zwischen ihre Gedanken und ihre Worte legt, noch übrigbleibt.« Von SIBYLLE LUITHLEN