Es lohnt sich

Kinderbuch | Monika Urbich: Warten auf Aneleh

Warten hat viele Aspekte. Es kann eine Zeit der Ungeduld und Frustration sein, es kann als Zeitverschwendung wahrgenommen werden, als Respektlosigkeit von dem, auf den man wartet. Es kann aber auch Erwartung – da steckt es ja schon drin – und Vorfreude in sich tragen, Geduld und Achtsamkeit fördern, es kann eine Zeit der Muße sein – und vielleicht findet man wie die kleine Eule und der Blobfisch sogar etwas ganz Unerwartetes. ANDREA WANNER wartete gespannt auf das Ende des Bilderbuchs.

Eine Eule, ein Fisch in einem Wasserglas und zwei Katzen sitzen auf dem Erdboden unf blicken Richtung HorizontDie kleine Eule und der Blobfisch warten an der Bushaltestelle auf Aneleh. Aber die lässt auf sich warten. Bushaltestellen, so möchte man meinen, sind geeignete Warteorte. Im Allgemeinen hängen da sogar Fahrpläne, denen man entnehmen kann, wann der nächste Bus zu erwarten ist. Das gibt es an dieser Haltestelle nicht. Es kommt auch kein Bus. Umso merkwürdiger ist es, dass eine sich nähernde Erscheinung ohne Bus Aneleh sein könnte. So wird der elegante Kater, als der sich das Wesen entpuppt, auch gleich gefragt: Bist du Aneleh?« Offensichtlich wissen weder die kleine Eule noch der Blobfisch, der eigentlich nicht redet, auf wen sie genau warten. Wer ist Aneleh?

Wladimir und Estragon warten in Samuel Becketts Theatersatire auf Godot und es bleibt unklar, wer er ist und ob er jemals auftaucht. Der Eule und dem Blobfisch ist vor lauter Warterei auch schon ein bisschen langweilig und die Eule überlegt bereits, ob nicht wenigstens ein Streit eine gute Abwechslung wäre. Aber jetzt ist ja auch der Kater da, der seinen Namen nicht verrät, dafür aber eine Geschichte erzählt. Und am Ende des ersten Wartetages kommt schließlich ein m Maulwurf mit der Botschaft vorbei, dass Aneleh heute nicht mehr komme, dafür aber an nächsten Tag.

Nein, da taucht sie auch nicht auf. Dafür Rosmarie, eine Wildkatze und die Freundin des Katers. Und so warten sie halt zu viert und irgendwann lacht sogar der sonst eher griesgrämige Blobfisch. Und so wird weitergewartet, die Nachricht des Maulwurfs zur Kenntnis genommen, dass Aneleh ein weiteres Mal nicht kommt und am dritten Tag genauso gewartet. Mit Picknick, Gesprächen und allerlei Quatsch. Tja, so vergeht die Zeit. Es dauert, zögert sich weiter hinaus, erstreckt sich über viel längere Zeit als gedacht. Aber eigentlich ist das gar nicht schlimm.

Das Buch von Monika Urbich, einer Historikerin, ist im Verlag der ›blaue reiter‹, einem Verlag für Philosophie, erschienen. Die Historikerin deutet vielleicht darauf hin, dass man den Namen rückwärts lesen muss. Dann ergibt sich Helena. Macht das Sinn? In der griechischen Mythologie ist Helena die Tochter von Zeus und Leda, bekannt für ihre außergewöhnliche Schönheit und als Auslöserin des Trojanischen Krieges. Nein, auf die warten die Vier ganz sicher nicht. Vielleicht hilft der etwas komplizierte und durchaus philosophische Gedanke des Katers angesichts der konzentrischen Kreise, die durch das Hicksen des Blobfisches an der Oberfläche des Wasserglases entstehen. Der meint, das alles, was gesagt oder getan wird, in der Mitte von etwas stehe und dass das, was danach passiert, nur eine Folge davon sei. Rosmarie übersetzt das für die kleine Eule: »Stell dir mal vor: die Nachricht, dass Aneleh kommt. Das ist der Mittelpunkt, also sozusagen das Hicksen vom Blobfisch. Du und der Blobfisch, ihr beide kommt her und wartet. Das ist der erste Kreis. Der Kater kommt hinzu, ihr freundet euch an und erzählt Geschichten: der nächste Kreis. Der Kater bringt mich mit, wir lernen uns kennen, und daraus entsteht etwas Neues: noch ein Kreis.«

Ja, dem stimmt nicht nur der Kater zu. »Nichts, was geschieht, geht verloren.« Also warten wir weiter, trinken vielleicht Tee und vertreiben uns die Zeit mit den amüsanten Illustrationen von Ute Olms, die das Buch begleiten und die vier liebenswerten Freunde zum Leben erwecken, die Emotionen widerspiegeln und ein sehr heiter stimmendes Schlussbild zaubern.

Und ganz am Ende wird doch noch ein Geheimnis gelüftet: Wir erfahren den Namen des Katers.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Monika Urbich: Warten auf Aneleh
Mit Illustrationen von Ute Ohlms
Hannover: der blaue reiter 2025
48 Seiten, 15,90 Euro
Kinderbuch ab 6 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Was macht einen Freund aus?

Nächster Artikel

Going wild mit Martin Lechner

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Glücksmomente

Kinderbuch | Marei Schweizer: Das Glückswörterbuch

Glück ist ein warmer Moment, der für einen Augenblick mit dem eigenen Selbst versöhnt. Auslöser dafür sind ganz unterschiedliche Dinge. Marei Schweitzer hat 62 Glückswörter in einem kleinen Buch gesammelt, die ANDREA WANNER ein Lächeln ins Gesicht gezaubert haben.

Katzen, ein Junge und ein Goblin

Kinderbuch | Lafcadio Hearn / Anita Kreituse: Der Junge, der Katzen malte

Nicht alle Menschen sind für die Arbeit als Bauer geschaffen. Manche sind zum Maler geboren, manche auch dann noch mit nur einem Motiv. Wie der kleine Junge, der obsessiv immer nur Katzen malte. Was ihm dann einmal das Leben rettete. Von GEORG PATZER

Einfach anders

Kinderbuch | Melanie Laibl: Gwendolyn macht's andersrum

Gwendolyn ist ein sehr selbstbewusstes Mausemädchen und mit einem »Papperlapieps« wischt sie die Einwände, die ihre Freunde gelegentlich haben, vom Tisch und macht, wozu sie Lust hat. ANDREA WANNER freute sich an den zehn vergnüglichen Vorlesegeschichten.

Fernweh und Heimweh

Kinderbuch | H. Knoblich, M. Mair: Xaver im Uhrenland Ist man zu Hause, sehnt man sich in ferne Länder. In fernen Ländern angekommen, denkt man auf einmal sehnsüchtig an zu Hause. Ganz besonders an Weihnachten. Wie es dazu kommt und wie es sich anfühlt, erzählen Heidi Knoblich und Martina Mair sowohl spannend als auch überzeugend in ihrer neuen Weihnachtsgeschichte. Von MAGALI HEIẞLER

Hand und Flosse winken sich zu

Kinderbuch | Linde Faas: Der Junge und der Wal

Freunde können so viel miteinander erleben. Spielen, tauchen, dahingleiten. Vor allem wenn der eine ein Junge, der andere ein Wal ist. Ein farbmächtiges Bilderbuch erzählt diese Geschichte. Von GEORG PATZER