Going wild mit Martin Lechner

Roman | Martin Lechner: Die Verwilderung

Gibt es Lebenslagen, in denen Verwildern der einzige Ausweg ist? Die so außer Kontrolle geraten sind, dass ihnen mit herkömmlichen Mitteln nicht mehr beizukommen ist? Gelesen von SIBYLLE LUITHLEN

In dem Leben der 17-jährigen Marlies funktioniert nichts: Sie übernachtet in der Tiefgarage, weil sie die Sex-Geräusche ihrer Mutter und deren Liebhaber nicht mehr aushält, hat über 11000 Euro Schulden, da sie mit dem Golf ihrer Mutter nachts in eine Bushaltestelle gekracht ist, dazu ohne Führerschein, und der reiche Schnösel Flo, der ihr einmal einen hölzernen Kuss in den Mund gedrückt hat und an dem seitdem alle ihre Hoffnungen hängen, ghostet sie.

Obwohl sie das ganze Schuljahr gebüffelt hat, ist ihr Zeugnis mittelmäßig, und anstatt am Swimmingpool von Flos Ferienhaus in Südfrankreich zu liegen, soll sie das Haus ihrer Großmutter nach deren Testament durchsuchen, in dem diese angeblich den Gärtner als Erben eingesetzt hat. So wollen es die Mutter und Wolfram. Und als würde das nicht reichen, hat Marlies sich den linken Zeigefinger in der Autotür des Golfs geklemmt, und seitdem ist er zu einer strammen lila Wurst angeschwollen. Als Marlies mit ihrer verwirrten und streitlustigen Großmutter im Café Vetter Kuchen isst, passiert es: Ihr Zeigefinger platzt auf, und unter dem heraus-quellenden rötlich-schwarzen Schleim zeigt sich die schwarze Spitze einer eisernen Kralle.

Diese Kralle ist es, die von nun an Marlies‘ Leben und dementsprechend die Romanhandlung bestimmen wird. Sie ist das sichtbare Zeichen ihrer Andersartigkeit, ihrer komplett fehlenden Anschlussfähigkeit und droht, ihr das Leben in der Gesellschaft endgültig unmöglich zu machen. Zudem hat die Kralle ihre eigene Agenda und torpediert Marlies‘ Bemühungen, nachsichtig und vernünftig zu sein. Marlies ist nun eine öffentliche Gefahr, doch niemand außer ihr weiß davon. Als Leser*in begeben wir uns mit ihr auf einen Höllenritt durch medizinische und esoterische Welten auf der Suche nach Rettung, ein Wettlauf gegen die Zeit, den sie verliert. Verlieren muss. Doch hat sie wirklich verloren?

Der in Berlin lebende Martin Lechner, der zuletzt 2021 den Roman Der Irrweg veröffentlicht hat, macht sich in Die Verwilderung auf die Suche nach dem Tierischen in uns. Wer sein literarisches Universum kennt, findet in seinem dritten Roman einiges an Bekanntem wieder: die fiktive Stadt Linderstedt, die in der Verwilderung wenig spezifische Züge trägt, eine verzweifelte Mutter, eine orientierungslose junge Person, die nach ihrem Platz sucht.

Doch Marlies ist viel wütender als die Protagonisten der früheren Romane, sie geht nicht in den Mäandern ihres Innenlebens verloren, sondern streitet und kämpft: mit ihrer Mutter, mit Flo, mit Wolfram, mit sich selbst, am wenigsten vielleicht mit ihrer Großmutter, die wirre Reden führt, noch immer um ihren im Krieg gefallenen Mann trauert und auf ihre alten Tage anfängt, Zigarre zu rauchen. Vor allem aber finden wir Martin Lechners barocke und leuchtende Sprache wieder, der es gelingt, all dem Leben einzuhauchen: den zahlreichen und aus unterschiedlichen sozialen Welten stammenden Figuren, ihren Häusern und Gärten und Haustieren, ihren Beziehungen, dem überbordenden Innenleben der Ich-Erzählerin Marlies. Eine der großen Stärken des Romans sind seine Dialoge, allen voran die surrealistischen zwischen Marlies und ihrer dementen Großmutter:

»Weil sie eine Ratte ist«, fauchte sie und biss so kräftig in den Toast, dass die Marmelade dunkelrot heruntertropfte, »ein geldgeiles Aas.«
»Himmel, Gromi, wie redest du denn«, ich steckte das Handy weg, »und von wem überhaupt?«
»Von deiner Mutter«, wieder schnappte sie nach ihrem Toast (…) »und ich kann reden, wie ich will.«
»Natürlich kannst du das, aber hör mal, wie wäre es, wenn wir heute, also, wir zwei, wenn wir einen schönen Spaziergang machen«, sagte ich vorsichtig, um sie abzulenken. Und auch mich selbst. Denn meinen Plan, das Unheil zu ignorieren, so wie es im Traum gelungen war, hatte ich noch keine Minute lang durchgehalten.
»Einen Spaziergang, nein, wohin?«
»Zum Beispiel in den Wald«, sagte ich sanft, allerdings zu sanft, denn sie verstand mich nicht.
»Alt, wer ist alt, meinst du mich, ich bin nicht alt!«, rief sie und rubbelte den Marmeladenklecks ins Tischtuch.
»Den Wa-hald«, wiederholte ich singend.
»Ach so, den Wald, nein, nicht in den Wald, ich hasse den Wald«, behauptete sie, obwohl sie den Wald immer geliebt hatte, »lieber in den Kunstverein, in eine Ausstellung, diese hier«, sie warf mir die Hessische Presse hin, ein fast komplett mit Werbung vollgedrucktes Lokalblatt, aus dem ich die Öffnungszeiten raussuchen sollte.
»Schade«, sagte ich erleichtert, nachdem ich nachgeschaut hatte, »die Ausstellung lief nur bis gestern.«
»Gut, dann fahren wir gleich los«, sagte sie und sah mich fröhlich an.

Das Tierische als Metapher für das Wilde, Unkontrollierbare in uns, für etwas, das weder durch die Medizin noch durch die allgegenwärtige Therapie in den Griff zu bekommen ist, hat einige große Romane hervorgebracht: Zu erwähnen sei der Klassiker Der Kuss der Spinnenfrau von Manuel Puig, in dem eine Frau sich in einen Panther verwandelt, sobald sie liebt, und  gezwungen ist, ihre Liebhaber zu reißen oder – aktueller – der autobiographische Roman der französischen Anthropologin Nastassja Martin Ans Wilde glauben, in dem sie von einem Bären schwer verletzt wird und sich von diesem Moment an dem lokalen Glauben nach in ein Mischwesen verwandelt.

Bei Martin Lechner gewinnen Tiere, die uns alltäglich umgeben, eine unheimliche Präsenz, denn sie durchschauen Marlies dort, wo sich ihre Mitmenschen durch Handschuhe oder Verbände über ihre tierische Kralle hinwegtäuschen lassen, sie erkennen sie als ihresgleichen: Krähen, streunende Katzen, der Nachbarshund. Sie erinnern uns an eine Welt, die wir die meiste Zeit ignorieren, die jedoch als Möglichkeit immer vorhanden ist, als Mahnung daran, wie dünn der so genannte Firnis der Zivilisation ist. Lesenswert ist der Roman aber auch einfach, weil er äußerst unterhaltsam und geistreich und tragisch und immer wieder auch lustig ist, weil wir Marlies sehr nahekommen, und weil Martin Lechner uns ein Happy End erspart und uns doch mit einem tröstlichen Ausgang entlässt.

| SIBYLLE LUITHLEN

Titelangaben
Martin Lechner: Die Verwilderung
Wien, Salzburg: Residenz Verlag 2025
392 Seiten. 28 Euro
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| Mehr zu Martin Lechner in TITEL kulturmagazin

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