Das Leben ist ein Gespräch

Menschen | Vor 100 Jahren wurde der Georg-Büchner-Preisträger Tankred Dorst (am 19. Dezember) geboren

Seine Stücke werden immer noch gespielt, allerdings nicht mehr an den großen Bühnen. Über mehrere Jahrzehnte hat er die deutsche Theaterlandschaft geprägt. Tankred Dorst hat in der intensiven Zusammenarbeit mit seiner Frau Ursula Ehler Theatergeschichte geschrieben. Von PETER MOHR

»Er gehörte zu den bekanntesten und produktivsten Theaterautoren Deutschlands«, hieß es 2014, als ihm für sein Lebenswerk der Theaterpreis ›Der Faust‹ verliehen wurde. 2013 hatte das kongeniale Künstlerpaar seinen Wohnsitz von Schwabing nach Berlin verlegt.

»Unser Leben ist ein Gespräch.« So hat Tankred Dorst 2005 die Beziehung zu seiner langjährigen Lebensgefährtin und Co-Autorin Ursula Ehler beschrieben, die er Anfang der 70er Jahre bei der Arbeit am Fernsehfilm ›Sand‹ kennengelernt hatte. Die Konversation scheint immer noch äußerst fruchtbar zu sein, denn Dorst gehört trotz seines fortgeschrittenen Alters noch immer zu den produktivsten deutschsprachigen Theaterautoren. 2005 war ›Die Wüste‹ in Dortmund uraufgeführt worden, 2008 ›Künstler‹ in Bremen. Dazwischen hatte der Vollblut-Theatermann bei den Richard-Wagner-Festspielen 2006 in Bayreuth beim ›Ring des Nibelungen‹ künstlerisch die Fäden gezogen. Eine achtbändige Werkausgabe (mit nicht weniger als 50 Theaterstücken) liegt inzwischen im Suhrkamp Verlag vor. Zuletzt war 2009 die Erzählung ›Glück ist ein vorübergehender Schwächezustand‹ erschienen, in der keineswegs zufällig Richard-Wagner-Motive eine zentrale Rolle spielen.

»Das Verruchte weckt und beschäftigt die Phantasie. Der Anstand glättet sie«, hatte Tankred Dorst vor 25 Jahren in seiner Büchner-Preis-Rede erklärt. »Saustücke«, pflegte seine hochgebildete Mutter die Stücke ihres Filius‘ zu nennen. »Das mag irgendwie ein Stachel in mir sein, der mich immer antrieb, es Mama zu zeigen«, so der Dramatiker.

Tankred Dorst, der am 19. Dezember 1925 im thüringischen Oberlind bei Sonneberg als Spross einer gutsituierten Fabrikantenfamilie das Licht der Welt erblickte, schaffte 1961 mit seiner ›Großen Schmährede an der Stadtmauer‹ den Durchbruch – ein stark an Brecht orientiertes Stück. Die Auseinandersetzung mit der Historie, mal stark an der Realität angelehnt, mal mit Anleihen aus der Märchenwelt leicht verfremdet, zieht sich wie ein roter Faden durch das opulente Oeuvre.
Auf dem Höhepunkt der Studentenunruhen setzte Dorst dem Revolutionsdramatiker Ernst Toller (1893–1939) mit dem nach ihm benannten Stück ein literarisches Denkmal. Er zeichnet in diesem vielgespielten Drama den von politischen Wirren geprägten Lebensweg des Schriftstellers und Verfechters der Räterepublik nach.

Zu Unrecht sah sich Dorst wiederholt dem Vorwurf ausgesetzt, reines Dokumentartheater zu inszenieren – auch im Kontext des 1973 uraufgeführten Stückes ›Eiszeit‹, das sich mit dem Leben des dem Faschismus zugeneigten norwegischen Nobelpreisträgers Knut Hamsun befasst. »Das Böse ist etwas Beunruhigendes, das wohl alle Menschen fasziniert. Das steckt ganz einfach im Menschen drin. Ich habe mich in mehreren Stücken wie z. B. im ›Korbes‹ auch immer ganz konkret damit beschäftigt«, hatte Dorst erklärt.

Immer noch von großer Aktualität ist der in Zusammenarbeit mit seiner Lebensgefährtin Ursula Ehler entstandene Zyklus um eine durch die Teilung Deutschlands getrennte Großbürgerfamilie (›Dorothea Merz‹, ›Auf dem Chimborazo‹ und ›Die Villa‹). Diese Stücke dienten auch als Vorlagen für äußerst erfolgreiche Fernsehspiele.

Theater um des Theaters willen war ihm stets ein Gräuel. Tankred Dorsts Stücke trugen eine unverwechselbare Handschrift, bestimmt von einer Synthese aus ausgeprägtem Geschichtsbewusstsein, klassischen Märchen und immer stärker verblassenden Utopien. »Die gescheiterte Utopie, das Misslingen, das ist unser Thema«, so der Dramatiker einst über seine eigene Arbeit.

2006 feierte Dorst mit seiner Neuinszenierung von Wagners ›Ring des Nibelungen‹ in Bayreuth sein spätes Debüt als Opernregisseur. Er war als Ersatz für Lars von Trier eingesprungen, der seine geplante Inszenierung plötzlich abgebrochen hatte.

Der Frankfurter Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier charakterisierte den Büchner-Preisträger, der von den Intendanten und Regisseuren Peter Zadek und Peter Palitzsch stark gefördert wurde und einst vom Marionettentheater den Weg auf die großen Bühnen fand, mit den prägnanten und absolut treffenden Sätzen: »Dorst ist als Dramatiker immer Historiker. Er hat die Seite der Geschichte im Blick, die im Dunkel liegt. Dorst führt Prozesse vor, aber keine Urteile.« Am 1. Juni 2017 ist Tankred Dorst im Alter von 91 Jahren in Berlin gestorben.

Mit einer Lesung aus ›Herr Paul‹ erinnert das Münchener Residenztheater am 17. Dezember an Tankred Dorst.

| PETER MOHR

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