Eine einzigartige Künstlerin

Menschen | Drei empfehlenswerte Bücher zum 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker

Sie war eine der solitären Künstlerpersönlichkeiten ihrer Zeit und eine Außenseiterin: in Bremen, in Worpswede, in Paris, in der Provinz und in der Weltstadt. Als Paula Modersohn-Becker im Jahr 1907 mit einunddreißig Jahren viel zu früh starb, wussten nur wenige, wie wegweisend ihr Werk war. Heute gilt sie als eine der bedeutendsten Künstlerpersönlichkeiten Deutschlands. Seit 1927 erinnert das Paula-Modersohn-Becker-Museum in Bremen an sie, gegründet als weltweit erstes Museum, das dem Werk einer Malerin gewidmet ist. Ihr Werkverzeichnis umfasst 734 Gemälde. Von DIETER KALTWASSER

Eine Zeichnung die das Porträt einer Frau zeigt Ihr unbedingtes künstlerisches Wollen, ihre Selbstzweifel, ihr tragisch früher Tod nach der Geburt ihres Kindes, ihre fluchtartigen Reisen von Worpswede nach Paris sowie die schwierige Ehe mit Otto Modersohn, vieles davon ist dokumentiert in ihren Tagebüchern und Briefen. Boris von Brauchitsch betrachtet in seiner neuen lesenswerten Biografie »Paula Modersohn-Becker« Leben und Werk der Künstlerin unvoreingenommen und quellennah. Er studierte Kunstgeschichte, Archäologie und Geschichte in Frankfurt, Bonn und Berlin. Promotion im Bereich Künstlerische Fotografie bzw. Fotografiegeschichte. Er verfasste unter anderem Biografien herausragender Künstler (Caravaggio, Leonardo da Vinci, Adolphe de Meyer, Gabriele Münter u. a).

Einen besonderen Schwerpunkt der neuen Biografie bildet naturgemäß die Künstlerkolonie Worpswede: Geschildert werden die »Gemeinsamkeiten der Künstler, ihre Freundschaften und Rivalitäten, ihre gegenseitige Unterstützung, aber auch Geringschätzung und Missgunst.« Für von Brauchitsch ist die Gleichsetzung von Künstlerkolonien mit einer »Schule« abwegig. Denn Worpswede zeige beispielhaft, wie breit gefächert die Positionen einzelner Künstler ausfallen konnten.

Geboren wurde Minna Hermine Paula Becker in Dresden-Friedrichstadt am 8. Februar 1876 als drittes von sieben Kindern. Zwölf Jahre später zog die Familie nach Bremen um. Als Zehnjährige wurde Paula in einer Sandgrube mit anderen Kindern der Familie verschüttet. Dabei erstickte ihre gleichaltrige Cousine. Paula schrieb Jahre später an den Dichter Rainer Maria Rilke: »Dieses Kind war das erste Ereignis in meinem Leben. Sie hieß Cora […]. Wir lernten uns mit neun Jahren kennen und liebten uns sehr. Sie war sehr reif und klug. Mit ihr kam der erste Schimmer von Bewusstsein in mein Leben.« Auf dieses traumatische Erlebnis wurde, so ihr Biograf, »wiederholt Paulas ausgeprägter Wille zurückgeführt, kompromisslos ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und in (fast) allen entscheidenden Punkten keinerlei Zugeständnisse zu machen.«

Ab der letzten Oktoberwoche 1892 durfte Paula an der Londoner St. John’s Wood Art School Zeichenkurse belegen. Auf Wunsch des Vaters besuchte sie das Lehrerinnenseminar in Bremen mit Abschluss im Herbst 1895; danach erhielt sie Zeichenunterricht bei dem Bremer Künstler Bernhard Wiegandt.

Die 21-jährige Paula Becker fasste den Entschluss, Malerin zu werden, gegen den Willen ihrer Familie, die ihr Egoismus vorwarf. »Ihr müsst mich schon alle mit meinem Egoismus nehmen, ich werde ihn nicht los, er gehört zu mir wie meine lange Nase«, beharrte sie auf ihrem Vorsatz. Sie war sich schon zu dieser Zeit der Konsequenzen bewusst, die ein Ausbruch aus dem bürgerlichen Ambiente haben würde. So notierte sie in ihr Tagebuch: »Ich glaube aber, wenn man es zu etwas bringen will, so muss man seinen ganzen Menschen dafür hingeben.« Später fügte sie hinzu: »Ich arbeite mit einer Leidenschaft, die alles andere ausschließt.« In diese Zeit fiel auch ihr erster Aufenthalt in Worpswede, wohin sie im September 1898 zog. Im selben Jahr begann die Freundschaft mit der angehenden Bildhauerin Clara Westhoff, der späteren Ehefrau von Rainer Maria Rilke, mit dem diese in ein Nachbardorf von Worpswede zog. Beide Künstlerinnen ergänzten sich aus Rilkes Sicht aufs Schönste.

Modersohn-Becker probierte sich zum einen ständig aufs Neue aus«, so der Autor, »zum anderen beschritt sie zwischen allen Stilen ihrer Zeit ihren ganz eigenen Stil. »Sie war keine Spätimpressionistin und ebenso wenig eine Realistin, keine Fauve, keine Nabi und keine Frühexpressionistin«, schreibt der Kunsthistoriker Uwe M. Schneede. Und doch hat sie, schließt ihr Biograph, »von all diesen Richtungen etwas in ihr Werk einfließen lassen.«

»Alles Überflüssige raus!«, so erinnerte sich Otto Modersohn, war die Devise ihrer Kunst, das sollte auch für ihre spartanischen Unterkünfte in Paris »und vielleicht auch für ihr Leben gelten«, so ihr Biograf. Für sie war der Roman »Niels Lyhne« von Jens Peter Jacobsen das, was sie mit den Mitteln der Malerei zu erreichen versuchte: »Es ist ein eigenartiges Buch mit seiner subtilen Durchbildung. Und so einfach dabei, so lebend. Leben mit glühenden Farben, mit Sonnenschein und Nachtigallennächten, dazwischen eine feine, säuselnde Musik, die des Menschen Ohr ahnt und versteht.« Subtil und einfach, so sollte auch ihre Malerei sein. Trotz aller Zweifel war sie voller Überzeugung, mit ihrer künstlerischen Arbeit auf dem richtigen Weg zu sein und konnte im Mai 1906 an ihre Mutter schreiben: »Ich glaube, ich habe etwas vollbracht, was gut ist.«

Über ihren Tod hinaus blieb sie gegenwärtig, auch für Rainer Maria Rilke. In seinem »Requiem für eine Freundin« schreibt der Freund und Dichter: Ich habe Tote, und ich ließ sie hin und war erstaunt, sie so getrost zu sehn, so rasch zuhaus im Totsein, so gerecht, so anders als ihr Ruf. Nur du, du kehrst zurück; du streifst mich, du gehst um, du willst an etwas stoßen, dass es klingt von dir und dich verrät. O nimm mir nicht, was ich langsam erlern. …«

»Paula Modersohn-Becker trifft Else Lasker Schüler«

Gemäde, das die Autorin zeigtIn diesem Buch treten die bekanntesten Werke von Paula Modersohn-Becker in einen Dialog mit den Gedichten der expressionistischen Lyrikerin Else Lasker-Schüler. Was beide Frauen eint, ist die Kunst, mit wenigen Linien oder Worten das für sie Bedeutende auszudrücken. Sowohl die Dichterin wie auch die Malerin wissen, dass sie etwas zu sagen haben, beide verwirklichen sich in ihrer Kunst. Ihr Selbstverständnis, erfahren wir von der Herausgeberin in ihrem konzisen Nachwort zum Buch, »gepaart mit der Radikalität ihrer Lebensentwürfe, macht ihre wegweisende Modernität aus, die bis heute zutiefst beeindruckt.« In beiden Künstlerinnen artikuliert sich eine Generation, »die zutiefst inspiriert ist und im Kommenden ein tieferes Versprechen sieht als in der vermeintlichen Sicherheit von Traditionen.« Dafür werden sie heute als Avantgardisten gefeiert.

»Auf Paulas Spuren«

Foto einer Frau vor dem Gemälde  eines kleinen norddeutschen Hauses mit Reetdach und Bauerngarten.Kein anderer Ort ist mit der Künstlerin und dem Menschen Paula Modersohn-Becker enger verbunden als Worpswede am Rande des Teufelsmoors. Das Buch von Kurt Teumer betrachtet die Zeit, welche die Malerin in dem Dorf am Weyerberg zwischen 1897, als sie zum ersten Mal in Worpswede war, und dem Jahr 1907 verbrachte, als sie dort unerwartet in ihrem Haus an der Hembergstraße starb. Dabei liegt das »Hauptaugenmerk nicht auf der Chronologie der Ereignisse«, so Teumer, »vielmehr wird der Akzent auf solche Themen gesetzt, die das Leben und Handeln Paula Modersohn-Becker prägten und ihre Persönlichkeit auf eine neue Weise sichtbar machen.« Zudem erfahren wir vom Autor, was von dem im Buch Beschriebenen auch heute noch vorhanden ist; aktuelle Fotos dienen hierzu als Belege. Worpswede ist immer eine Reise wert!

| DIETER KALTWASSER

Titelangaben
Boris von Brauchitsch: Paula Modersohn-Becker
Biografie
Berlin: Insel Verlag 2025
251 Seiten, 26 Euro
| Leseprobe

Paula Modersohn-Becker trifft Else Lasker Schüler
Ditzingen: Philipp Reclam jun. Verlag 2025
144 Seiten, 28 Euro
| Leseprobe

Jürgen Teumer: Auf Paulas Spuren
Paula Modersohn-Becker in Worpswede 1897-1907
Bremen: Carl Schünemann Verlag 2025
116 Seiten, 15 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Bemerkenswerte Gegenwart

Nächster Artikel

Unendliche Möglichkeiten

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Geschichten über Pierrot

Musik | Pierrot in der Musik und im Musiktheater Der Pierrot, 1816 aus dem Pedrolino der Commedia dell’arte entwickelt, entsprang der Fantasie des Pantomimen Jean-Gaspard Deburau. Eigentlich gab es solche Figuren, die zu Zirkus-Weißclown wurden, schon im Straßentheater des 15. Jahrhunderts. Eine einfache Figurine für’s Volk. Der Sänger Alexsander Wertinski erfand einen schwarzen Pierrot. Von TINA KAROLINA STAUNER

Immer mitgemischt

Menschen | Zum Tod des Schriftstellers Peter Schneider

Peter Schneider gehörte gemeinsam mit Friedrich Christian Delius und Uwe Timm zu den Schriftstellern, die die 68er Bewegung aktiv beeinflusst haben und durch die ihr politisches Denken und Handeln und auch ihre Literatur in jungen Jahren geprägt wurde. Von PETER MOHR

Anything could happen at any time

Menschen | Interview: Daniel Berehulak (Teil I) Daniel Berehulak ist einer der meistdekorierten Foto-Journalisten unserer Zeit. Er berichtet aus über 60 Ländern – über Kriege im Irak und in Afghanistan, den Prozess gegen Saddam Hussein, Kinderarbeit in Indien, das Leben nach dem Tsunami in Japan und aus Manila. FLORIAN STURM sprach mit ihm über die rigorose Anti-Drogen-Politik des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte.

Kino der Poesie

Menschen | Film | Abbas Kiarostami Ich erinnere mich noch genau daran, als uns das Kino von Abbas Kiarostami zum ersten Mal vor Augen kam. Es war Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger Jahre, als Ayatollah Chomeini, die Fatwa gegen Salman Rushdie und sein Buch ›Die satanischen Verse‹ aussprach und weltweit jeder bedroht wurde, der Rushdie lobte, verteidigte oder ihm Unterschlupf gewährte. Es schien, als sei das europäische Mittelalter mit Bannbulle und dem von jedermann tötbaren »Vogelfreien« in die globale Moderne eingebrochen. Von WOLFRAM SCHÜTTE

Am Ende gibt es nur den Sturz

Menschen | zum 90. Geburtstag des Schriftstellers Martin Walser am 24. März »Es gibt keine Stelle, wo Jungsein an Altsein rührt oder in Altsein übergeht. Es gibt nur den Sturz.« Diese aphoristisch zugespitzte, ernüchternde Lebensbilanz zog Martin Walser in seinem 2016 erschienenen Roman ›Ein sterbender Mann‹, der ebenso wie sein im Januar erschienenes Werk ›Statt etwas oder Der letzte Rank‹ als künstlerische Gratwanderung zwischen Erzählung, Philosophie, Autobiografie und selbstironischem literarischen Verwirrspiel daher kommt. Dem traditionellen Erzählen hat Walser den Rücken gekehrt. Seine Sprache ist seitdem noch klarer und präziser geworden. Von PETER MOHR