»Ich habe eine Partitur, nach der ich lebe, jedenfalls wenn ich schreibe: Wenn man vor der Wand steht, wenn es nicht weiter geht, muss es irgendwo anders weitergehen«, hatte Alexander Kluge schon 2003 in seinem Band ›Die Lücke, die der Teufel lässt‹ erklärt. Dieser Satz beschreibt äußerst treffend Kluges Energie, seine Umtriebigkeit, seinen eisernen Willen, neue Wege zu erforschen, neue Zusammenhänge zu ergründen – alles abseits des intellektuellen und künstlerischen Mainstreams. Von PETER MOHR

Im umfangreicheren ›Buch der Kommentare‹ befasste sich Kluge auch ausführlich mit der Präsidentschaft von Donald Trump und dem blutigen Ende im Januar 2021. Alexander Kluges Selbstironie, sein kaum zu bändigender Bildungshunger, aber auch seine spielerische, kindliche Leichtigkeit, die er sich bis ins hohe Alter bewahrt hat, haben ihn zu einem absoluten Solitär in der Intellektuellenszene des letzten Jahrhunderts werden lassen.
Die Umtriebigkeit des intellektuellen Multi-Talents Alexander Kluge war bewundernswert. Als Schriftsteller, Filmregisseur, Filmtheoretiker, Leiter der Produktionsfirma ›Kairos-Film‹ und Mitgründer der ›DCTP‹, scharfsinniger Essayist, Dozent an der Filmhochschule, Kulturtheoretiker, TV-Moderator und Fernsehproduzent sammelte der promovierte Jurist und Adorno-Schüler Meriten. Dabei schwamm er nie auf den Wogen des Zeitgeistes mit, sondern ruderte bisweilen auch kraftvoll gegen den Strom und gab viele neue kulturelle Impulse.
Alexander Kluge, der am 14. Februar 1932 in Halberstadt als Sohn eines Arztes geboren wurde, setzte nach seinem Jurastudium als Schriftsteller in den 1960er Jahren noch vor Peter Weiss und Heinar Kipphardt ganz auf die dokumentarische Collage (›Lebensläufe‹, 1962). Als Regisseur, der einst bei Fritz Lang volontiert hatte, revolutionierte er den deutschen Film und galt zusammen mit Edgar Reitz und Peter Schamoni als Wegbereiter des Autorenfilms. Und Ende der 1980er Jahre, als von vielen Kulturpessimisten der Untergang der Fernsehkultur durch das Privatfernsehen vorausgesagt wurde, produzierte Kluge für diverse kommerzielle Sender anspruchsvolle Kulturmagazine (›10 vor 11‹, ›MitternachtsMagazin‹, ›Primetime‹), die er sich gut honorieren, aber nicht zensieren ließ.
»Ich bin anti-belletristisch. Ich glaube nicht an Hochkunst. Sondern an eine relativ triviale Art des Erzählens«, erklärte Alexander Kluge 2007 in einem Interview mit der ›Neuen Zürcher Zeitung‹. Das klingt stark nach Understatement, denn der Georg-Büchner-Preisträger des Jahres 2003 erzählte alles andere als »trivial«. Seine assoziative Prosa, seine Sammlungen bisweilen aphoristisch zugespitzter Gedankensplitter kommen wie ein freischwebendes, gigantisches, reflektierendes Oeuvre daher. Literarische und methodische Parallelen sind im deutschen Sprachraum selten, allenfalls beim 2001 tödlich verunglückten WG Sebald zu konstatieren. Kaum zu glauben, dass der große Experimentierer und Dokumentarist Kluge in jungen Jahren Thomas Mann verehrt hatte. Er schrieb einst über seinen Besuch Anfang der 1950er Jahre in Kilchberg: »Ich wagte nicht, an der Haustür zu klingeln. Was hätte ich als Grund meines Besuchs vorbringen sollen?«
Kluge lieferte weder festgefügte Weltbilder noch griffige Storys, sondern versuchte, Erfahrungen zu vermitteln (»Eigentlich brauchen wir einen Atlas unserer Erfahrung.«) und aus einem assoziativen Bildermeer und dokumentierten Fakten Zusammenhänge zu konstruieren. »Wir leben nicht in einer Gegenwart. Wir leben gleichzeitig in einer Vergangenheit, einer Zukunft und in der Möglichkeitsform, in einem Konjunktiv«, schrieb er 2006 in seinem Band ›Tür an Tür mit einem anderen Leben‹. Am Mittwoch ist Alexander Kluge, der große künstlerische Einzelgänger und intellektueller Freigeist, in München im Alter von 94 Jahren gestorben.
| PETER MOHR
| Titelfoto: Martin Kraft, MJKr01635 Alexander Kluge (NRW-Empfang, Berlinale 2020), CC BY-SA 4.0

