Ein junges Mädchen lässt sich in einer kleinen Stadt fünf Wörter auf ihr Bein tätowieren: James, Joshua, Elliot, Oliver, Billy. Fünf Namen – die ihrer Brüder, die angeblich tot sind. Sie will es nicht glauben und macht sich zusammen mit Krekel, ihrem jüngsten Bruder, auf die Suche nach ihnen. Von ANDREA WANNER
Annet Schaaps packender Märchenroman greift literarische Vorlagen auf. ›Die sechs Schwäne‹ findet sich in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm in der Ausgabe von 1812 und ähnelt stark den Märchen ›Zwölf Brüder‹ und ›Sieben Raben‹. Auch erinnert er an das dänische Märchen ›Die wilden Schwäne‹ von Hans Christian Andersen (1845), in dem Prinzessin Elisa elf Brüder retten muss, die von einer bösen Stiefmutter in Schwäne verwandelt wurden. Die Bedingungen dafür sind hart: Elisa muss elf Panzerhemden aus brennenden Brennnesseln weben und darf kein einziges Wort sprechen.
Nun steht eine neue Version von Eliza in einer Hafenstadt, im Schlepptau ihren kleinen Bruder, der ängstlich und etwas zurückgeblieben wirkt, nur einen Arm benutzen kann. Bei seiner Geburt starb die Mutter, weshalb der Vater ihn nie sehen wollte. Elisa hat sich um ihn gekümmert. Dann kam eine neue Mutter ins Haus, eine Hexe, der der Vater hörig ist. Sie hat dafür gesorgt, dass die fünf ältesten Jungen verschwanden. Und Elisa hat eine neue Aufgabe: Die Brüder finden und retten.
Dafür muss sie zu den Weißen Klippen, weit draußen im Meer, wohin sich kaum ein Fischer traut. Ein Wagnis, das Mut und eisernen Willen erfordert, grenzenlose Aufopferung mit einem Ziel vor Augen, für das es sich lohnt, das eigene Leben zu riskieren.
Der Roman erstreckt sich über mehr als 450 Seiten und bietet ein unglaubliches Abenteuer, packend und gekonnt erzählt. Eliza ist eine beeindruckende Heldin, die unbeirrt ihren Weg geht. Ihre Figur zieht die gesamte Aufmerksamkeit auf sich. Daneben gibt es weitere Figuren, die detailliert – oft mit feinem Humor – beschrieben werden. Überraschend ist, dass der niederländische Originaltitel aus dem Jahr 2025 ›Krekel‹ lautet; den Titel hätte man sich auch in der deutschen Ausgabe gewünscht. Eliza ist stark, doch Krekel durchläuft die eigentliche Entwicklung: Er lernt, wer er ist. Und der überraschende Schluss der Geschichte lässt vieles noch einmal in neuem Licht erscheinen.
Titelangaben
Annet Schaap: Eliza und der Ruf der Schwäne
(Krekel, 2025). Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart
Stuttgart: Thienemann 2026
464 Seiten, 16 Euro
Jugendbuch ab 11 Jahren

