Geschichten über Einsamkeit und Liebe

Roman | Elizabeth Strout: Erzähl mir alles

Sie gilt als Chronistin des amerikanischen Alltags. Nun hat die Pulitzer-Preisträgerin Elizabeth Strout die unsentimentale, ruhige Erzählweise ihrer bisherigen Romane aufgebrochen und wagt sich an einen Kriminalfall. Erzähl mir alles, bittet der Anwalt den Mordverdächtigen, der verunsicherte Ehemann seine Frau, die Schriftstellerin ihr Gegenüber. Von INGEBORG JAISER

»Wir glauben gern, dass wir unser Leben unter Kontrolle haben, aber das stimmt manchmal nur bedingt. Die, die vor uns kamen, haben die Weichen für uns gestellt.« Schon früh in Erzähl mir alles fällt dieser folgenschwere Satz, der alle Verwirrungen und Verstrickungen auf den kommenden 350 Seiten vorwegnimmt. Dabei passiert gar nicht so viel Neues, denn für die meisten Elizabeth-Strout-Fans fühlt sich dieser Roman wie ein Wiedersehen mit alten Bekannten an. Mit der etwas verhuschten, sensiblen Schriftstellerin Lucy Barton (ein Alter Ego seiner Schöpferin, die ihr mit schelmischem Witz ein »Sie sieht gar nicht aus wie auf den Umschlagfotos« andichtet?) und der resoluten, pensionierten Mathematiklehrerin Olive Kitteridge – zwei Protagonistinnen aus früheren Romanen, die jetzt erstmals aufeinandertreffen. Natürlich in Crosby, jenem fiktiven Küstenstädtchen in Maine, dem Inbegriff provinziellen Lebens im äußersten Nordosten der USA.

Alte Bekannte

Während Olive Kitteridge zu allem und jedem unverblümt ihre Meinung äußert – so hinreißend, dass Mit Blick aufs Meer (2010) mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet worden ist – hält sich die erst während der Pandemie mit ihrem Ex-Mann William zugezogene Lucy Barton (Am Meer, 2024) eher vorsichtig abwartend zurück. Halt und Erdung bieten ihr die regelmäßigen wöchentlichen Spaziergänge mit ihrem Vertrauten Bob Burgess, einem ruhigen Mittsechziger in Altersteilzeit als Anwalt.

Um diese zentralen Figuren herum wirkt Elizabeth Strout ein loses Geflecht aus menschlichen Beziehungen, aus Freunden, zufälligen Bekannten, ehemaligen Klassenkameraden, Partnern, geschiedenen Eheleuten, Nachbarn, Kollegen, weitläufigen Verwandten. Jeder hat hier sein Päckchen zu tragen, keiner wird verschont von familiären Tragödien, Krankheiten, Einsamkeit und zurückgewiesener Liebe. Denn darum geht es in diesem Roman. Von ihren Mitmenschen wahrgenommen und wertgeschätzt fühlen sich nicht mehr viele. Doch: »Wenn du den Leuten zuhörst, verraten sie dir früher oder später, wer sie sind. Du musst nur zuhören, dann sagen sie es dir.« Glaubt zumindest Lucy.

Sündenträger

So lauscht sie geduldig den Geschichten, die ihr Olive Kitteridge zuträgt, in der Annahme, daraus könne Literatur entstehen. Doch neben den scheinbar alltäglichen und banalen Stories tut sich Ungeheuerliches auf. Eine alte Frau verschwindet und Bob wird mit der Verteidigung eines Mordverdächtigen betraut. Ein unerwarteter Spannungsfaktor in einer sonst in lockeren Episoden dahinplätschernden Handlung. »Erzähl mir alles«, drängt Bob seinen Klienten angesichts all der Geschichten um Missbrauch, Alkoholabhängigkeit, Suizid und Mord, all der Versäumnisse und Missverständnisse. Soll hier ein »Sündenträger« für die Verfehlungen anderer herhalten? Fühlt sich an wie Schuld und Sühne, Stolz und Vorurteil.

Gespaltenes Land

Aus dem Stand heraus landete Erzähl mir alles auf den vorderen Rängen der Bestsellerlisten, was der treuen Strout-Leserschaft und ihrer Vorliebe für detaillierte Charakterstudien zuzuschreiben ist. Doch auch wenn sich der aktuelle Band ohne Kenntnis der vorhergehenden lesen lässt, könnten Neulinge möglicherweise die Orientierung verlieren in diesem figurenreichen Roman, der hauptsächlich auf ungesagten Gefühlen und alten Verletzungen basiert, auf vagen Gesprächen, in denen für manchen Geschmack allzu häufig die Augen zusammengekniffen und ein Finger erhoben wird. Viel bedeutungsvoller erscheinen die versteckten Zeichen eines gespaltenen Landes, die Wunden der vergangenen Corona-Pandemie, die Spuren von Armut und Ausgegrenztheit, die ungesehenen Obdachlosen, die »hinterm Walmart im Wald leben«. Oder drastischer formuliert: »Wenn Bob über den Zustand seines Landes nachdachte, dann sah er dieser Tage einen riesigen Sattelschlepper vor sich, der den Highway entlangrumpelte und ein Rad nach dem anderen verlor.«

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Elizabeth Strout: Erzähl mir alles
Deutsch von Sabine Roth
München: Luchterhand 2026
392 Seiten. 25 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

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