In Love and War

Wer den Namen Hemingway erwähnt, wird mit jedem Gegenüber sofort ins Gespräch kommen. »Wer sich auch nur für eines der folgenden Themen interessierte, interessierte sich auch für ihn: Weltkriege, Guerillakämpfe, Angeln, Stierkämpfe, Boxen, El Greco, Picasso und Hieronymus Bosch, Radrennfahren, die Tierwelt Afrikas, den Mittleren Westen, die Florida Keys, Kuba, Castro, Marlene Dietrich, Hollywood und Gary Cooper, Ingrid Bergman, Alkohol, Gewehre, Literatur (!), Gertrude Stein und Ezra Pound und Virginia Woolf.« Doch noch weit darüber hinaus reicht Michael Kleebergs neuer Roman Achilles in Taormina, der ein neues Licht auf die Schriftsteller-Legende wirft. Von INGEBORG JAISER

Gemeinsamkeiten verbinden: da ist einer, der »Reisen, die bildende Kunst und gutes Essen liebt, und den der Krieg fasziniert.« Der jedoch aufgrund seiner starken Kurzsichtigkeit nicht in die Armee aufgenommen wird, sondern lediglich als Ambulanzfahrer fürs Rote Kreuz tätig ist. Als genauso fehlsichtig und dem Alkohol zugetan wie sein großes Vorbild Ernest Hemingway, erweist sich Dr. Kleeberg, der unzuverlässige Ich-Erzähler, Literaturwissenschaftler und Protagonist dieses fulminanten Schelmenromans.

Call me Stein

Unversehens, dank geschickt lancierter Kunstgriffe, purzelt dieser Kleeberg mitten hinein in Verehrung und Rezeption des großen Meisters. Denn die betagte Landlady seines Zimmers in Gulfport (wie er dort hingelangt, ist eine Story für sich) entpuppt sich als jene Agnes von Kurowsky, die 1918 einst als Krankenschwester in Mailand den jungen Ernest Hemingway gepflegt und als seine große Liebe im Roman In einem anderen Land Eingang gefunden hat. Von hier aus öffnet sich ein Netzwerk von ehemaligen Weggefährten, Mitstreitern, Förderern und Mentoren, das Kleeberg stetig pusht und auf eine breit angelegte Tour d`Horizon durch Amerika und Europa führt, immer auf den Spuren Hemingways, seines Lebens und Wirkens.

Vom Forscherdrang getrieben, reist Kleeberg nach Chicago zu »Horney Bill« (einem frühen Weggefährten), nach London zu Martha Gellhorn (eine der Ehefrauen Hemingways), nicht zuletzt nach Hamburg ins Rowohlt-Archiv. Denn besonders interessant erscheinen die Verbindungen nach Deutschland. Neben den bekannten Freundschaften (vielleicht gesellt sich eine bislang unbekannte hinzu?) kokettierte Hemingway immer auch ein bisschen mit der Sprache, nannte sich scherzhaft gerne Hemingstein oder einfach nur Stein.

Verbürgtes und Erfundenes

Selbstredend entwickelt sich dieser Kleeberg zum geschätzten Kenner der Szene und anerkannten Spezialisten, den es reizt, Hemingway gegen den Strich zu interpretieren. Ließe sich rütteln am tradierten Mythos des Frauenhelden und Lebemanns, Stierkämpfers, U-Boot- und Großwildjägers? In einem Mix aus Verbürgtem und Erfundenen vermengt der Roman Reisebeschreibungen, Interviews und Begegnungen mit literaturwissenschaftlichen Exkursen und biographischen Eckpunkten.

Die Anrufung all der Gewährsleute, Kontaktpersonen und literarischen Publikationen hält jeder Überprüfung stand, so dass sich der Leser angesichts der klugen Jonglage mit Versatzstücken widerstandslos um den Finger wickeln lässt. Denn »wenn man ein Schriftsteller ist (und dazu muss man nichts veröffentlich haben), dann verwischen die Grenzen zwischen dem Tatsächlichen und dem Hypothetischen, dem Eigenen und dem der anderen, denn was man nachfühlen und imaginieren kann, das hat man selbst getan oder erlitten.«

Mythen und Legenden

Wie viel (oder wenig) der 1959 in Stuttgart geborene, heute in Berlin lebende und mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnete Schriftsteller Michael Kleeberg mit seinem trügerischen Alter Ego Kleeberg gemein hat, darf jeder Leser selbst eruieren. Die zahlreichen literaturhistorischen, profund recherchierten Details und essayistischen Anklänge in diesem Roman werden selbst bekennende Hemingway-Aficionados noch in Erstaunen versetzen. Kann so auch Hemingways letztes Geheimnis gelüftet werden? Man darf sich überraschen lassen. Doch eines ist klar: In der klassischen griechischen Mythologie hat es Achilles nie bis nach Sizilien geschafft.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Michael Kleeberg: Achilles in Taormina
Ein Leben auf der Suche nach Hemingways letztem Geheimnis
München: Penguin 2026
335 Seiten, 28,00 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
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