Die Unmöglichkeit des Spiegelbilds

Jugendbuch | Ludwig Volbeda: Kein Bild von mir

Jip soll für die Schule ein Selbstporträt zeichnen. Doch das Projekt scheitert – und das liegt keineswegs an mangelndem zeichnerischen Talent. Die Blockade ist tiefgründiger und wirft eine existenzielle Frage auf: Was ist dieses »Selbst«, das da zu Papier gebracht werden soll? Der niederländische Autor und Illustrator Ludwig Volbeda seziert in seinem Jugendroman genau diese Leere zwischen Fremdwahrnehmung und innerer Wahrheit. Von ANDREA WANNER.

Ungelesene Briefe als Ventil

Zeichnung eines MaikäfersStatt zum Zeichenstift greift Jip zum Füller. Es entstehen Briefe an einen Klassenkameraden – Zeilen, die niemals abgeschickt werden sollen, aber gerade deshalb als Schutzraum für die geheimsten und intimsten Gedanken dienen. Jip schreibt sich in diesen Ferien, an deren Ende das Porträt fertig sein muss, systematisch alles von der Seele. Das Buch gliedert sich in zehn Tage, die jeweils mit einer feinen Zeichnung als Kapitelüberschrift beginnen. Es sind visuelle und gedankliche Fragmente, die von Insekten, Käfern und Spinnen handeln, von scheinbar überflüssigen Dingen und von der Kunst. Sie erzählen von genauen Naturbeobachtungen, Biologie ist ein möglicher Studienwunsch, ebenso wie von bedrückenden häuslichen Situationen und Momenten der Ausgrenzung.

Das Gefängnis der binären Welt

»Bist du ein Junge oder ein Mädchen?« – diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch Jips bisheriges Leben. Eine Antwort darauf gibt es (noch) nicht. Volbeda beweist bei dieser subtilen Coming-of-Age-Story ein außerordentliches Geschick: Lange Zeit bleibt völlig unklar, welches Geschlecht Jip biologisch oder gesellschaftlich zugeschrieben wird. Auch der Name selbst bietet keinen Ankerpunkt; »Jip« ist ein im niederländischen und friesischen Raum beliebter Unisex-Vorname. Jip verweigert die Einordnung, doch die scheinbar simple Kunstaufgabe bricht die mühsam aufrechterhaltene Fassade auf und löst eine tiefe Identitätskrise aus. Wo ist der eigene Platz in einer Welt, die unerbittlich in Schubladen denkt?

Das Labyrinth der Vermeidung

In dieser emotionalen Ausnahmesituation scheint das Einigeln im eigenen Zimmer, den Blick starr an die Decke gerichtet, der Rückzug an geheime, einsame Orte und das Schweigen das einzig Mögliche. Doch diese Vermeidungsstrategien werden nicht auf Dauer helfen, dem enormen inneren Druck und der Angst vor Ablehnung zu entkommen. Wie ein labyrinthisches Rätsel reihen sich die kurzen Texte aneinander. Schritt für Schritt legen sie allmählich den Kern des Problems frei – und bleiben doch über lange Zeit faszinierend geheimnisvoll und undurchschaubar.

Das Buch ist ein leises, aber erzählerisch gewaltiges Plädoyer für das Recht, noch keine Antworten auf die Fragen der eigenen Genderidentität zu haben. Damit ist es ein Mutmachbuch für alle, die sich außerhalb der Norm bewegen – und vielleicht sogar fast eher ein Roman für Erwachsene als ein Jugendbuch.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Ludwig Volbeda: Kein Bild von mir
(Oever, 2024). Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Hildesheim: Gerstenberg 2026
224 Seiten., 18 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren
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