/

Große Träume in roten Gummistiefeln

Nomen est omen. Eigentlich ist das „Hotel Pia“ ein Strandhotel. Doch als Junos Vater die Nerven verliert, stürzen „S“ und „T“ ab, übrig bleibt ein „Randhotel“, das aus der Zeit gefallen ist und mit den modernen Unterkünften vor Ort nicht mehr mithalten kann. Es steht kurz vor der Pleite. Alle scheinen sich damit abzufinden – nur die junge Juno nicht. Von ANDREA WANNER

Ein buntes Team gegen den Ruin

Aber wie rettet man ein Hotel? Juno, die bei dem anhaltenden Regenwetter stets in viel zu großen, roten Gummistiefeln unterwegs ist, bleibt optimistisch. Mit ihrer Zuversicht steckt sie bald auch Köchin Adelheid und Buchhalter Janek an. Doch die Rettung ist komplizierter als gedacht. Statt zahlungskräftiger Gäste aus den Luxusresorts lockt die forsche Protagonistin ein illustres, bunt gemischtes Team aus ungewöhnlichen Individualisten an. Das Haus hat definitiv schon bessere Tage gesehen, und nach dem Besuch des Finanzamts sieht die Zukunft der alten Villa düster aus. Entweder findet Juno schnell eine geniale Lösung, oder das Hotel wird verkauft. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, bei dem plötzlich ungeahnte Hilfe auftaucht.

Feinfühlig erzählt mit kulinarischen Lichtblicken

Sprachlich ungewöhnlich und aufmerksam beobachtend begleitet Julia Willmann ihre tatkräftige Heldin durch ein aussichtslos wirkendes Unterfangen. Das Schöne daran: In kleinen Momenten blitzen immer wieder Lichtblicke auf. Für den Notfall gibt es außerdem Adelheids berühmte Klappstullen – eine kulinarische Spezialität des Hauses. Das „Hotel Pia“ bietet keinen modernen Luxus. Sein unverwechselbarer, leicht eingestaubter Zauber geht jedoch auf Junos früh verstorbene Mutter zurück. In jedem Detail steckt Liebe und Sorgfalt. Wenn es gelingt, diese Magie wiederzubeleben, müsste der Funke auf alle überspringen – vielleicht sogar auf die unnachgiebige Finanzbeamtin.

Hoffnungsvolle Kunstwerke in Grau und Rot

Jens Rassmus steuert die Illustrationen bei: kleine Kunstwerke in Grautönen mit gezielten roten Akzenten, die auch mal eine ganze Seite einnehmen dürfen. Rot wie Junos Gummistiefel, rot wie die Vorfreude auf ein Haus voller glücklicher Sommergäste. Eine Utopie? „Viele sind wir“, wird Pablo Neruda eingangs als Motto zitiert. Und wenn viele an einem Strang ziehen, wird das Unmögliche machbar. Ein feinsinniges, sprachlich starkes Mutmachbuch über Zusammenhalt, das durch seine charmanten Charaktere und wunderschönen Illustrationen das Herz erwärmt.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Julia Willmann: Sommer am Rand der Welt
Mit Bildern von Jens Rassmus
Wuppertal: Peter Hammer Verlag 2026
224 Seiten, 17 Euro
Kinderbuch ab 9 Jahren

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Absturz und Neuanfang

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Slapstick, Zuckerguss und – moralisch wackelig

Kinderbuch | Ute Wegmann: Hoover / Birgit Schlieper: Eine Macke kommt selten allein   Für andere da sein, aus Liebe handeln, etwas aufs Spiel setzen für andere, das sind Beweggründe, bei denen einer warm wird ums Herz. Wenn die dazugehörigen Geschichten zudem witzig, voller Tempo und Liebe sind, muss einfach alles in Ordnung sein! Bis man genauer hinsieht und entdeckt, dass der Zweck hier ganz selbstverständlich die Mittel heiligt. Da wackelt die Moral dann doch deutlich unter all dem Zuckerguss. Von MAGALI HEISSLER

Unendliche Möglichkeiten

Kinderbuch | Amanda Mijangos: ErZähl mir etwas

Zählen und Erzählen sind eng miteinander verbunden, da beide strukturieren, Sinn stiften und Informationen ordnen. Während das Zählen Mengen und Reihenfolgen festlegt, kontextualisiert das Erzählen Fakten, macht Daten erlebbar. Klingt kompliziert? In dem Bilderbuch von Amanda Mijangos erlebt man das auf ganz spielerische Art, freut sich ANDREA WANNER.

Bildungs(un)lust

Kinderbuch | Christian Gutendorf: Manfred muss mit Ferien stehen vor der Tür. Da haben so manche bildungsbeflissene Eltern sicherlich Pläne, welche Kulturgüter den lieben Kleinen nahezubringen sind. Museum, Burg oder Ausgrabungsstätte? Manfred Vaters hat sich jedenfalls für einen Tagesausflug mit seinem Sohn die höchste Kirche der Welt vorgenommen. Ein Vergnügen besonderer Art, meint ANDREA WANNER.

Nimmermüde

Kinderbuch | Kjersti Annesdatter Skomsvold: Alle schlafen (bis auf Bo)

Zugegeben: Bilderbücher, in denen die kleinen Heldinnen oder Helden keine Lust haben ins Bett zu gehen, gibt es wie Sand am Meer. So wie es auch vermutlich unzählige Kinder gibt, die das gut nachvollziehen können. Und trotzdem macht die Geschichte von Bo einfach Spaß, findet ANDREA WANNER

Wer A sagt …

Kinderbuch | Willy Puchner: ABC der fantastischen Prinzen Vor einem Jahr suchte Prinz Willem eine Frau. Sechsundzwanzig fabelhafte Prinzessinnen marschierten auf. Eine Hochzeit gab es nicht. Aber wer A sagt, muss auch B sagen, daran hielt sich Willy Puchner und erzählte die Geschichte im ›ABC der fantastischen Prinzen‹ zu Ende. Mit einem Haken. Von MAGALI HEISSLER