Absturz und Neuanfang

Jugendbuch | Raphaëlle Calande: Ismaels tausend Leben und dazu ein paar Rezepte

Ismael hat Mist gebaut. Seit Jahren ist der 15-Jährige unglücklich. Jetzt hat eine Lehrerin das Fass zum Überlaufen gebracht. Aus Trauer wurde blinde Wut – Ismael rastet komplett aus. Und jetzt? Ist das das Ende oder vielleicht der Anfang von etwas ganz Neuem? ANDREA WANNER ist eingetaucht in eine kulinarische und emotionale Rettungsgeschichte.

Der freie Fall

Ismael rutscht nicht ab – er stürzt mit Höchstgeschwindigkeit. Aus dem einst unauffälligen Kind ist längst ein wandelndes Pulverfass geworden. Er hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Das Einzige, was die unbändige Wut in ihm für kurze Zeit betäubt, ist der exzessive Griff zum Essen. Wenn der Druck zu groß wird, mutiert Ismael zum Jäger. Er plündert den Kühlschrank, schlingt wahllos Fast Food, Süßigkeiten und Reste in sich hinein. Es ist eine verzweifelte, zerstörerische Ersatzbefriedigung – ein wortloses Stopfen der inneren Leere, während seine Welt in Schutt und Asche versinkt.

Zuhause findet er keinen Halt: Die Mutter ist depressiv und geistig abwesend, die Schwester studiert erfolgreich, und der Vater sitzt im Knast. So ein Schicksal könnte auch Ismael drohen. Seine Startchancen in Frankreich sind mit seinen Dreads und der dunklen Haut seines polynesischen Vaters ohnehin nicht die besten. Die Einzige, die immer an ihn geglaubt hat, war seine Großmutter. Doch die ist tot – und Ismael gibt sich, wie für so vieles, selbst die Schuld.

Kulinarische Schocktherapie in Lyon

Die Rettung kommt in Gestalt seines Onkels, der die Reißleine zieht. Statt in die Schule geht es für Ismael vorerst nach Lyon, um auf sein Disziplinarverfahren zu warten. Dort landet er als Praktikant im ›Baron Perché‹, einem der besten Restaurants der französischen Gastronomie-Hauptstadt. Der Junge ist total überrumpelt. Mit allem hätte er gerechnet, nur nicht mit der harten Realität einer Sterneküche. Begriffe wie brauner Fond, Pochieren, Sauce Bérnaise, Brigade oder Rondeau fliegen ihm um die Ohren. Doch trotz des anfänglichen Schocks packt Ismael der Ehrgeiz. Er will sein Bestes geben. Ein entscheidender Motivationsfaktor: Céleste. Ihr Name bedeutet »die Himmlische« – und genau so kommt sie Ismael auch vor.

Ein literarisches Menü, das auf der Zunge zergeht

Dieser Roman zergeht dem Publikum wahrlich auf der Zunge. Raphaëlle Calande schlägt mühelos den Bogen von der Haute Cuisine zur urbanen Graffiti-Kunst. Dabei spart sie Themen wie Autismus, Rassismus und Feminismus nicht aus. Die Geschichte ist mal albern, mal zärtlich, mal traurig, aber immer voller Tiefgang. Durch wechselnde Perspektiven und eine frische, innovative Sprache holt das Buch junge Leserinnen und Leser perfekt ab. Völlig zu Recht hat die Jury des Deutsch-Französischen Jugendliteraturpreises dieses Debüt im Jahr 2025 ausgezeichnet.

Was Ismael in den wenigen Wochen seines Praktikums erlebt, verändert ihn grundlegend. Er entdeckt neue Facetten des Lebens, begegnet den unterschiedlichsten Charakteren und fühlt sich seit Ewigkeiten wieder wahrgenommen und integriert. Reicht das für eine echte Kehrtwende? Raphaëlle Calande, die sich auch im echten Leben für Jugendliche mit Schulschwierigkeiten engagiert, begleitet ihren Helden feinfühlig auf der Suche nach seinem Weg. Dazu gibt es einen coolen Soundtrack in Form einer Playliste und als geniales Schmankerl wartet am Ende sogar ein Rezept zum Nachkochen. Fantastisch!

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Raphaëlle Calande: Ismaels tausend Leben und dazu ein paar Rezepte
(Les milles vies d’Ismaël, 2024)
Aus dem Französischen von Edmund Jacoby
Berlin: Jacoby & Stuart 2026
384 Seiten, 20 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren
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