Erleuchtung garantiert

Roman | Amélie Nothomb: Die unmögliche Rückkehr

Jedes Jahr veröffentlicht die hochproduktive belgische Schriftstellerin Amélie Nothomb einen neuen Roman, der meist in deutscher Übersetzung im Diogenes Verlag erscheint. Ihr aktuelles Werk kreist um Die unmögliche Rückkehr in ein Sehnsuchtsland, das gleichermaßen von Nostalgie wie Euphorie erfüllt ist. Die Begleitung durch eine enge Freundin intensiviert noch die Gefühle: »Gemeinsam funktionieren wir wie ein erschreckend effektiver Ekstasenbeschleuniger.« Von INGEBORG JAISER

Zwei große Themen bestimmen Amélie Nothombs Leben und Schreiben: familiäre Verstrickungen und die Vertreibung aus dem Paradies, das in ihrem Fall in Japan liegt. »Jeder Ortswechsel ist eine Verirrung. Ich weiß, wovon ich spreche, ich habe mein Lebtag nichts anderes gemacht. Meine Diplomateneltern zogen ständig um – mit ihren jedes Mal noch tiefer traumatisierten Kindern im Schlepptau. Statt mich daran zu gewöhnen, wurde ich gegen Reisen allergisch.«

In einer Vielzahl ihrer autobiographischen Romane hat Nothomb den japanischen Garten Eden und die meist ernüchternden Rückkehrversuche verewigt. Möglicherweise viel spielerischer und raffinierter, als dies die literarische Welt wahrnehmen wollte. Denn wurde die in Fernost aufgewachsene Diplomatentochter wirklich 1967 in Kobe geboren (wie sie selbst behauptet) – oder vielleicht doch schon ein Jahr früher im schnöden belgischen Etterbeek? Mag der Sehnsuchtsort Japan nur als literarischer Mythos existieren?

Wallfahrt ins gelobte Land

Während Nothombs Romane Mit Staunen und Zittern (1999) die abtörnenden Erfahrungen in der japanischen Berufswelt und Der japanische Verlobte (2010) die Fallstricke einer interkulturellen Liebesbeziehung schildern, wird Die unmögliche Rückkehr durch eine überraschend gewonnene Reise ermöglicht. Mit der Fotografen-Freundin Pep Beni, die in ihrer unverblümten Direktheit wie der Gegenentwurf zum stets höflichen Japaner wirkt und für die nötige Prise Aufregung in der sonst eher besinnlich meditativen Reise steht.

Was bei Pep Beni für Schnappatmung sorgt (»ein ausgeprägtes Stendhal-Syndrom«), gleicht für Amélie Nothomb einer wehmutsvollen Pilgerfahrt mit Hommage an ihren erst vor wenigen Jahren verstorbenen Vater (»wir haben die vorauseilende Nostalgie erfunden«).

Tempel, Teeplantagen und Tattoos

Über eine Woche touren die ungleichen Freundinnen durch das Land der aufgehenden Sonne, durch Tempel und Teeplantagen, das Einkaufsviertel Omotesandō und heiße Onsen-Bäder, aber auch durch abgelegene Parks, ein Kaninchen-Café und Wanderwege mit Ausblick zum hartnäckig vom Nebel verhüllten Fuji – also eher: zum buddhistischen Nichts. Nebenbei wird der Geruch von Tatami-Matten heraufbeschworen, die Zähigkeit einer salzigen Pflaume oder das berauschende Jadegrün eines Seidenmoirékleides. Kurzum: »Die Anzeichen für Kensho, im Zen als „vorübergehende Erleuchtung“ beschrieben, vermehren sich.«

In der Verdichtung auf weniger als 150 Seiten streift diese Wallfahrt weniger die traditionellen Sehenswürdigkeiten als ein Sehnsuchtsgefühl, gleicht dieser Reisebericht weniger einem Roman (dessen verwirrendes Etikett er trägt) als einem Appetizer, der eine leidenschaftliche Lust auf Japan weckt. Angereichert durch philosophische Betrachtungen über das Reisen und das Wesen der Nostalgie. Den bekannt herben Unterton und bissigen Humor der Autorin vermisst man hier vollkommen. So ist Die unmögliche Rückkehr das sanfteste Buch Amélie Nothombs: leicht und duftig wie ein Seidenschal, edel wie ein frischer Matcha-Tee.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Amélie Nothomb: Die unmögliche Rückkehr
Aus dem Französischen von Brigitte Große
Zürich: Diogenes 2026
131 Seiten. 24 Euro
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| Leseprobe
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