Postbote mit besonderen Gaben

Kinderbuch | Susana Peix: Der Postbär, der nicht lesen konnte

754 Millionen Menschen können weltweit nicht lesen und schreiben, zwei Drittel davon, so sagt eine Studie, sind Frauen, in Deutschland sind es geschätzt 12 Prozent der Erwerbstätigen. Das ist eine ganz schön erschreckende Zahl. Aber was hat damit Emil, der knuddelige, pausbäckige Bär zu tun, der im Eichenwald die Post austrägt? BARBARA WEGMANN hat ihn auf seiner Tour begleitet.

Ein Bär in Postbotenuniform fährt auf einem Fahrrad durch einen herbstlichen Wald und hält dabei einen Brief in der HandEr liebt seine Arbeit über alles, radelt stets nach dem Frühstück los, mit einer Tasche voller Briefe an die Tiere im Wald. Was für ein schöner Beruf! »Emil ist ein besonderer Postbote: Er kann nicht lesen.« Ach herrje! Gekritzeltes auf allen Briefen, jede Handschrift ist anders, jeder Buchstabe sieht anders aus, das ist aber auch schwer! Wer soll daraus auch schlau werden. Emil lässt sich davon nicht beeindrucken und gleicht die Schwäche durch eine Stärke wieder aus. Emil hat einen »guten Geruchssinn. Wenn die Tiere des Eichenwaldes ihm einen Brief überreichen, nutzt er seine feine Nase, um den Empfänger zu finden.« Na, das soll ihm erst einmal jemand nachmachen!

Es sind putzige Bilder, mit der die in Barcelona lebende spanische Illustratorin Sara Sánchez die berührende Geschichte bestückt: Der große, tapsige Bär, der schon mal eine ganze Seite in Anspruch nehmen kann, sein gutmütiges, rundes Gesicht, die dicke Posttasche über der Schulter, im Herbst und Winter, wenn der Sturm durch den Eichenwald fegt, einen dicken Schal um den Hals. Jeden Tag erledigt er seine Strecke mit dem Rad. Da ist ein winzig kleiner Brief für ein Marienkäfer-Mädchen, der jährliche Brief von Cousine Emma Eule an Udo Uhu, zweimal im Monat gibt es Post für Familie Wildschwein, das Neuste vom Wanderverein. Und natürlich die tägliche Post für Susi Spitzmaus. Post von ihren Kindern, »die über die ganze Welt verstreut leben. Es sind eine ganze Menge!« Alles kann Emil erschnuppern, »erriechen«, alles duftet ganz individuell und er weiß stets genau, für wen die Post bestimmt ist.

Ganz sicher spiegelt sich in der Geschichte vom Postbär Emil auch die Passion der Autorin wider. Die Spanierin Susana Peix, die, gerne zwischen Fantasie und Wirklichkeit pendelt, nimmt ein gesellschaftliches Problem in ihre Geschichte auf: es gibt viele, viele Kinder, die entweder gar nicht lesen oder schreiben können – und selbst zu Ende der Grundschulzeit nicht richtig lesen können. Sie setzt sich für die Förderung von Kindern mit Leseschwierigkeiten und für Behinderten ein. Auch sie alle sollen irgendwann die Freude und die Faszination erleben, ein Buch lesen zu können, und damit Geschichten zu erleben. Denn, wenn man lesen kann, eröffnet sich eine ganz neue Welt!

Tja, und was macht Emil mit dem einen, letzten Brief, den er heute auf seiner Tour noch in der Tasche hat? Ein Brief, der so verlockend nach frisch gebackenen Keksen duftet. Bei der Bäckerei von Matti Maulwurf will man aber den Brief nicht haben, Mila Maus will ihn auch nicht, ja, für wen ist er denn nur? Letztlich noch ein Versuch: er klopft bei Oma Maus an die Tür. »Da bist du ja endlich«, sagt sie zu dem verdutzten Bär, auf den hier eine große Überraschung wartet.

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Susana Peix: Der Postbär, der nicht lesen konnte
(l cartero que no sabía leer, 2024). Aus dem Spanischen von Karin Will
Illustriert von Sara Sánchez
Hamburg: Jumbo 2026
40 Seiten, 16,99 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren

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