Zum dritten Mal lässt Ralf Thiesen seinen aus Berlin ins Ostpreußische abkommandierten Kommissar Aaron Singer gemeinsam mit dem ortsansässigen Kollegen Heinrich Puschkat und einem kleinen Team rund um Königsberg und das Frische Haff ermitteln. Bekamen es die beiden höchst unterschiedlichen Männer in Die Toten von Königsberg (2024) und Krähen über Königsberg (2025) mit dem Wiederaufleben gefährlicher nationalistischer Strömungen zu tun, konfrontiert ihre dritte Mission sie diesmal mit Kräften, deren Profitgier nicht nur auf Kosten der Natur geht, sondern die mit den giftigen Rückständen aus ihren Industriebetrieben auch noch tödliche Pläne für den nächsten großen Krieg haben. Von DIETMAR JACOBSEN
Wilhelm Levrink ist tot. Gerade noch hatte der Unternehmer geplant, das Ostseebad Kahlberg auf der Frischen Nehrung zu einem Konkurrenten des mondänen Zoppot zu machen, da findet man ihn mit eingeschlagenem Schädel im Ostseeschilf genau an der Grenze zwischen West- und Ostpreußen. Erst nach Hinzuziehung eines Landvermessers steht fest, dass für die Ermittlung in diesem Mordfall der junge jüdische Kommissar Aaron Singer gemeinsam mit seinem Kollegen Heinrich Puschkat aus dem 80 Kilometer entfernten Königsberg zuständig ist. Die beiden haben mit ihrem kleinen Team bereits zwei brisante Mordserien mit Bravour aufgeklärt. Und im Falle des toten Levrink, der zwar aus der Gegend stammt, mit seinen Tourismus-Plänen aber nicht nur die ortsansässigen Fischer an den Rand des Ruins zu treiben drohte, kristallisieren sich auch ziemlich bald erfolgversprechende Spuren heraus. Aber so einfach, wie es zunächst scheint, ist der Fall dann doch nicht.
Ein toter Unternehmer
Mit dem aus Berlin, wo er zur erfolgsverwöhnten Gruppe um den die Polizeiarbeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts revolutionierenden Regierungs- und Kriminalrat Ernst Gennat gehörte, nach Königsberg abkommandierten jüdischen Kommissar Aaron Singer hat der aus dem Bergischen Land stammende Ralf Thiesen (Jahrgang 1964) eine interessante Figur geschaffen. Der Mann sieht sich nach Die Toten von Königsberg (2023) und Krähen über Königsberg (2024) nun bereits zum dritten Mal mit einem Verbrechen konfrontiert, das seine tieferen Ursachen in den verheerenden Folgen des Ersten Weltkriegs und den zunehmenden Bestrebungen reaktionär-extremistischer Kräfte hat, die Ergebnisse des Versailler Vertrags von 1919 zu revidieren.
Denn was zunächst wie ein militante Formen annehmender Widerstand ostpreußischer Fischer gegen ihre Existenz bedrohende Bestrebungen, den wachsenden Tourismus zu einer Haupteinnahmequelle des strukturschwachen Landstrichs an der Ostseeküste zwischen Danzig und Königsberg zu machen, aussieht, erweist sich spätestens in dem Moment, wo es Singer und Puschkat mit einem weiteren Mord zu tun bekommen, dem der gerade frisch mit Maximiliane Mattern, auf die auch der zugezogene Kommissar Singer in den ersten beiden Bänden der Serie ein Auge geworfen hatte, verlobte Chemiker Henri Dobriner zum Opfer fällt. Dass man es dabei mit einer aus einem Eifersuchtsanfall resultierenden Kurzschlusshandlung der frisch verlobten jungen Frau zu tun hat, glaubt niemand, der Maximiliane Mattern kennt. Für Aaron Singer ist stattdessen sofort klar, dass dieser neuerliche Mord mit der ersten Tat zusammenhängt und man alles in allem vor einem Konflikt steht, der tiefer in die Geschichte hinabreicht und die Kriminalisten mit Kräften konfrontiert, die ihre Ziele mit allen Mitteln durchsetzen und deren Beziehungen in höchste Kreise hineinreichen.
Mord aus Eifersucht oder politisches Kalkül?
Dobriner, der sich gerade anschickte, aus dem an der Königsberger Albertinus-Universität neugegründetem Institut für Landschaftsforschung und Naturschutz eine Institution zu machen, die ein Mitspracherecht in allen Fragen der wirtschaftlichen Entwicklung vor Ort für sich reklamierte, scheint mit seinem ökologischen Eifer nämlich offenbar die Pläne von Kräften gestört zu haben, die schnellen Profit auch dann zu machen gedenken, wenn zu dessen Erlangung die Achtsamkeit gegenüber der Natur hintanstehen muss. Und wenn sich bei der Einleitung von giftigen Industrieabwässern in den bei Kaliningrad in das Frische Haff mündenden Pregel als Nebenprodukt noch für den nächsten großen Krieg, den man im Geheimen schon vorbereitet, brauchbare Stoffe gewinnen lassen – welcher deutsche Patriot sollte da etwas dagegen haben?
Mit Schatten über Königsberg hat der sich seit über 30 Jahren mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts beschäftigende Ralf Thiesen erneut einen gut lesbaren, spannend erzählten und sorgfältig recherchierten Roman vorgelegt, der das nach 1945 teilweise an Polen, teilweise an die Sowjetunion angegliederte Ostpreußen in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen als historischen Hintergrund besitzt. Wie seine beiden Vorgänger spielt auch Thiesens dritter Königsberg-Roman im Jahr 1924. Seit den Ereignissen, die im Mittelpunkt von Krähen über Königsberg standen, sind gerade einmal zweieinhalb Monate vergangen.
Natur und Gesundheit vs. Profit und Wiederaufrüstung
Und wieder bewegen sich die Kommissare Singer und Puschkat, die bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Charaktere inzwischen spürbar einen besseren Draht zueinander gefunden haben und auf ihre je eigene Weise hochprofessionell zu Werke gehen, auf sehr dünnem Eis. Denn mit ihren Ermittlungen kommen sie Kräften auf die Spur, deren Pläne nicht nur gegen die Auflagen des Versailler Vertrags verstoßen, sondern auch die Gesundheit der ortsansässigen Bevölkerung gefährden. Dass an der Seite der beiden Kriminalisten und ihres kleinen Teams auch die mutige Maximiliane Mattern versucht, den wahren Mörder ihres Verlobten – weil zunächst alles auf sie als die Mörderin hindeutete, saß sie für eine Weile im Gefängnis – zu stellen, bringt in den letzten Romanteil noch einmal eine Menge Action. Und vielleicht sogar ein Wiederaufleben der mit ihren Verlobungsplänen erkalteten Beziehung zu Aaron Singer.
Titelangaben
Ralf Thiesen: Schatten über Königsberg
München: Wilhelm Goldmann Verlag 2026
448 Seiten. 14 Euro
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