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Wortmächtiger Leisetreter

Roman | Ingo Schulze: Das Wasser im August

Dieser Roman ist so ausschweifend, dass man ihn kaum greifen kann, aber um es gleich vorweg zu nehmen – er ist faszinierend von A bis Z. Ein Roman über das Entstehen von Literatur (ein Buch im Buch), ein Buch über Zuneigung und Verrat in der DDR, auch eine sorgsam »versteckte« Liebesgeschichte zwischen einem Jugendlichen und einer jungen Ärztin. Von PETER MOHR

WassermusterIngo Schulze, der erzählerische Seismograf für das Nachwende-Lebensgefühl im Osten der Republik, der mit seinem Bestseller Simple Storys (1998) Leser und Kritik beeindruckte, hat in seinem neuen grandiosen Roman wieder einmal den leisen, aber deutlich vernehmbaren Ton für die Menschen in den neuen Bundesländern gefunden. Auf drei Erzählebenen berichtet der 63-Jährige Schulze, der zuletzt mit seinem Roman Die rechtschaffenen Mörder (2020) für Furore gesorgt hatte, von einem Ausflug nach Mecklenburg, von den Schwierigkeiten beim Schreiben, vom Verschmelzen von Erinnerung und Fiktion. »Alle Figuren in diesem Buch sind Erfindungen«, schreibt Ingo Schulze im Vorspann.

Ein Schriftsteller aus dem Osten der Republik bekommt Post von der Frau eines Mitschülers, mit dem er einst Abitur gemacht hat. Sie bittet ihn nach Mecklenburg – zu einer Lesung als Überraschung zum 63. Geburtstag ihres Gatten. Als Geburtstagsüberraschung für diesen Manfred kommt der Erzähler der Rahmenhandlung im Juni 2025 zu einer Lesung in ein Hotel an einem Mecklenburger See. Eine diffizile Konstellation, denn zwischen den ehemaligen Mitschülern steht ein Verrat aus Dresdner Jugendtagen. Der Erzähler spürt den Reiz, seine fast fertige Novelle, die im Sommer 1979 ganz in der Nähe spielt, einem ausgesuchten Publikum vorzutragen. Seine Frau Barbara ist dagegen und herrscht ihn an: »Oder bist du käuflich?«

Die im Entstehen befindliche Novelle, über die Ingo Schulze, der seit November 2023 als Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtungvor steht, handelt vom 16-jährigen Thomas, der von pubertären Schüben beeinflusst zwischen Selbstzweifeln und Euphorie schwankt. Er will Schriftsteller werden und verbringt den August 1979 in einem Dorf bei Neubrandenburg bei den Malern Emmy und Paul.

Er arbeitet an einer autobiografischen Novelle über einen Schüler, der sich in einer Tanzschule in ein Mädchen verliebt, das aber in den Westen zieht – ein Maximalkonflikt in der DDR, nicht nur emotional, sondern auch politisch. Von der jungen Zahnärztin Sonja lernt er (und da wird es hoch poetisch), dass das Wasser im August viel weicher ist als im Juli. Beim Schwimmen entdeckt der junge Mann so etwas wie vollkommene Freiheit: »Er sah hinab – bis hinunter auf den Grund, über dem er allein und vollkommen nackt hing.«

Ingo Schulze erweist sich in diesem assoziativen, auf verschiedenen Zeit- und Erzählebenen changierenden Roman als gleichermaßen virtuoser wie raffinierter Autor. Am 18. September 2026 erhält Schulze für Das Wasser im August den mit 20000 Euro dotierten Uwe-Johnson-Preis.

»Was mich auch interessiert, ist, wie sich mein Blick auf die Vergangenheit verändert. Ich habe 1990 anders über die DDR gesprochen als 1995, wieder anders 2005, und heute ist mein Blick auch ein anderer. Aus gewissem Abstand geben historische Veränderungsprozesse diesem Weltenwechsel noch mal eine andere Bedeutung«, erklärte Ingo Schulze über sein Schreiben.

Das Wasser im August ist kein Buch mit erhobenem politischem Zeigefinger, es ist keine vordergründige politische Aufarbeitung, hier ist Platz für die »leisen Stimmen« aus dem Alltag. Schulze hat seine literarische Figur Thomas äußerst feinfühlig durch die literarische und sexuelle Entwicklung begleitet.
In einem Interview hatte Schulze kürzlich erklärt, dass er Hermann Brochs Roman Die Schlafwandler (1930) wieder gelesen hat. Darin heißt es: »Vieles war wie eine Melodie geworden, die man nicht vergessen zu können meint, und aus der man doch herausgleitet, um sie stets aufs neue schmerzlich suchen zu müssen.« Ingo Schulze hat sich wieder einmal als wortmächtiger Leisetreter in Szene gesetzt – ein Autor, der kein Megaphon benötigt und der seine »Botschaften« flüsternd an die Leser bringt.

| PETER MOHR

Titelangaben
Ingo Schulze: Das Wasser im August
Frankfurt/M.: S. Fischer 2026
313 Seiten. 26 Euro

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