Irgendwie pathologisch

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Menschen | Waschkau / Bartoschek: Muss man wissen!

Ob es Ken Jebsen ist oder Jürgen Elsässer, Andreas Popp oder (ja, allen Ernstes) Xavier Naidoo – Verschwörungstheorien sind, spätestens seit Bestehen der neuen »Montagsdemos«, so beliebt wie nie. Ein im Vergleich zu den genannten eher harmloser Vertreter der Gattung Verschwörungstheoretiker war Rechtsesoteriker und Internetberühmtheit Dr. Axel Stoll. MARTIN SPIESS über das Interviewbuch ›Muss man wissen!‹ von Alexander Waschkau und Sebastian Bartoschek

Muss man wissen! Ein Interview mit Dr. Axel StollMit Dr. Axel Stoll mag es vielen so gegangen sein wie Sebastian Bartoschek, Mit-Autor des vorliegenden Buches: »Der ist doch nicht echt. Never!«, denkt er, als er Stoll in diversen YouTube-Videos sieht. In der Tat fällt es schwer, den hageren Mann mit zum Seitenscheitel gekämmtem Haar und Hitler-Bärtchen ernst zu nehmen. In charmantem Berlinisch palavert er von Neuschwabenland und Reichsflugscheiben, von Skalarwellen und freier Energie, von den Ariern vom Aldebaran und dem Dirac-Meer. »Das ist ›Switch‹«, denkt Bartoschek anfangs. Aber auch wenn die Videos sich zur Unterhaltung eignen: Stoll ist echt. Er meint das ernst. Oder vielmehr meinte. Denn Dr. Axel Stoll starb am 28. Juli dieses Jahres in seiner Wohnung in Berlin.

Im September 2013 trafen ihn die beiden Journalisten und Psychologen Sebastian Bartoschek und Alexander Waschkau zum Interview. Sie fragen sich, was das für ein Mensch ist, dieser Dr. Axel Stoll. Sie wollen ihn auf die Probe stellen, seine Ansichten hinterfragen und seine Theorien überprüfen.

»Wissen es und dürfen es nicht sagen«

Und so streifen sie im Gespräch alle Themen, die sie aus Stolls Videos kennen, lassen ihn erzählen, fragen nach – und Dr. Axel Stoll entlarvt sich so Stück für Stück selbst. Dem über 120 Seiten gehenden Interview nämlich sind ausführliche Fußnoten beigefügt, die die von Stoll getätigten Aussagen einordnen: tatsächliche Wissenschaftler zu Wort kommen lassen oder historische Fakten nennen. Das ist zwar manchmal etwas zu ausführlich oder gar unnötig, wenn man grundlegende Allgemeinbildung voraussetzt. Dennoch wird schnell klar: es lässt sich wenig von dem bestätigen, was Stoll als Wahrheiten verkauft: Hitler sei mit 78 in Chile verstorben, sagt er. »Dass die Hitlers Selbstmord begangen haben, können Sie vergessen!«

Fragen Bartoschek und Waschkau, warum die Nazis den Krieg verloren haben, wenn sie so hochentwickelte Technologie wie Flugscheiben hatten, sagt Stoll: Verrat. »Generäle. Militär.« Und der Grund? Geld: »Tja, wer weiß, wie hoch sie bezahlt wurden von den USA.«

Fragen sie, warum andere Physiker seine Theorien als nicht haltbar bezeichnen, sagt Stoll: »(…) die wissen es und dürfen es nicht sagen.«

Masse als Unwissende

Begleitet werden seine Ausführungen immer wieder von Floskeln, die unterstreichen, wie geheim das Wissen ist, das er da preisgibt: »wissen die wenigsten« oder das Titel gebende »muss man wissen«.

Als es um den Holocaust geht, ist etwa eine Seite geschwärzt, weil Stoll Aussagen trifft, »die den Holocaust relativieren, strafrechtlich relevant sind/sein könnten oder Inhalt eines indizierten Werkes sind.« Und auch, als es um Antisemitismus geht, ist eine Stelle geschwärzt, weil sie geeignet ist, »den Straftatbestand der Volksverhetzung zu erfüllen.«

Es geht ungeschwärzt weiter mit: »Das sind die Zionisten, die sind wirklich gefährlich.« Stoll sagt zwar auch, der »normale Orthodoxe« tue »keiner Fliege was zuleide«, aber die Zionisten wollen seiner Meinung nach » die Weltherrschaft. Auf alle Fälle. Die sitzen aber an den entscheidenden Hebeln, in den Banken, überall.« Jedoch auch hier kommt auf Nachfrage, ob er jemanden konkret nennen könne, nur ein: »Gar nicht. Die sitzen überall. Überall, das ist wirklich gefährlich.«

Fragen Bartoschek und Waschkau, warum ihm denn niemand glaube, sagt Stoll den magischen Satz, der sinngemäß auch auf den Demonstrationen der Montagsverschwörer immer wieder gerne gesagt wird: »Die meisten Menschen haben das Hinterfragen verlernt. (…) Gucken Sie sich die Masse mal an. (…) Aber man kann auch was Positives sehen. Immer mehr wachen langsam auf.«

Die Masse als Unwissende, als Schlafende auf der einen, man selbst und der kleine Kreis von Verschwörern, die die Wahrheit kennen, auf der anderen Seite. Das ist schon irgendwie pathologisch.

Fingerdick aufs Brot streichen, wie arm dran er ist

Wie genau, das überprüfen die Autoren im zweiten, fast wichtigeren Teil des Buches: einem Check, ob Stoll an irgendeiner psychischen Erkrankung oder Störung leidet. Das Ergebnis: Dr. Axel Stoll ist (oder eben war) nicht verrückt. Aber er litt, so die Diagnose, an einer psychischen Störung: Pseudologia phantastica, dem »Drang zum pathologischen, also krankhaften, Lügen und Übertreiben.«

Sie argumentieren: »Betrachten wir Herrn Dr. Stoll einmal nüchtern, dann ergibt sich ein eher trauriges Bild. Er lebt von staatlichen Geldern ein eher bescheidenes Leben in einer ›Platte‹ in Berlin. Seine akademische Karriere kann man als gescheitert bezeichnen. Seine Tätigkeit als Autor und Journalist beschränkt sich auf wenige Bücher und einige Schriften, die er z. T. im Eigenverlag (heißgebundene Kopien) vertreibt. (…) So ungewöhnlich und verrückt die Geschichten des Dr. Axel Stoll auch wirken mögen, sie dienen der Aufwertung seines eher unscheinbaren Lebens. Bisweilen wirkte der ältere Herr, auf den wir an einem Samstag in September trafen, sympathisch und fast gebrechlich.«

Dennoch fragen sich Bartoschek und Waschkau, ob sie Stoll im Interview hätten härter angehen und deutlicher darauf hinweisen müssen, dass seine Theorien nicht haltbar und seine Ansichten zum Teil geschichtsrevisionistisch sind. Sie argumentieren, dass »das nicht der Weg für ein Interview wäre«, und sie haben Recht damit. Denn was wäre damit gewonnen? Einen ältlichen Mann ohne wissenschaftliche Karriere, geschieden und in bescheidenen Verhältnissen lebend, vorführen? Ihm fingerdick aufs Brot zu streichen, wie arm dran er ist?

Ein ungemein wichtiges Buch

Die einzige nicht nachvollziehbare Argumentation der Autoren ist die, dass Stolls Gefährlichkeit darin bestehe, »dass er nicht ernst genommen wird« und damit »die Schärfe des Fokus auf das NSL-Forum« nachlasse. Das Neuschwabenland-Forum (eine von Stoll mit gegründete Gruppe, die der Meinung ist, die Nazis hätten bis heute einen Stützpunkt in der Antarktis) versammelt zwar auch verurteilte Volksverhetzer, aber Stolls (am Ende unfreiwillig unterhaltsame) YouTube-Videos machen eher auf das Vorhandensein derartiger Gruppierungen aufmerksam, als dass sie sie verharmlosen.

Außerdem ist »Lachen«, wie der deutsch-türkische Kabarettist Serdar Somuncu einmal so treffend über seine Lesereise mit »Mein Kampf« gesagt hat, »wichtig, weil es auch von Zwängen befreit.«

»Muss man wissen!« ist am Ende in vielerlei Hinsicht nicht nur ein gutes, sondern außerdem ein ungemein wichtiges Buch, weil es die Figur Axel Stoll (und andere wie ihn) seziert: ihn durch ein journalistisches Gespräch wie durch eine psychologische Analyse demaskiert und entlarvt. Muss man lesen.

| MARTIN SPIESS

Titelangaben
Alexa Waschkau, Alexander Waschkau und Sebastian Bartoschek: Muss man wissen! Ein Interview mit Dr. Axel Stoll
Mit einem Vorwort von Holger „@Holgi“ Klein
Hannover: jmb 2013
224 Seiten. 8,95 Euro