Mit dem Djerba-Visum auf dem Schirm der NSA

in Roman

Roman | Christoph Keller: Übers Meer

In Christoph Kellers aktuellem Roman ›Übers Meer‹ kreuzen sich auf dem Wasser die Wege von Arm und Reich, der Wanderungsstrom von Afrika ins sichere Europa reißt nicht ab, der Kampf der Religionen eskaliert. Und dazwischen zeigt eine Staatsmacht Panikreaktionen. Diesen Roman nach historischen Ereignissen »mit freier Sicht aufs Mittelmeer« – im Schweizer Rotpunktverlag erschienen – hat HUBERT HOLZMANN gelesen.

Übers Meer

Der Schweizer Autor Christoph Keller hat vor gar nicht langer Zeit einen Roman vorgelegt, in dem er lange vor Houellebecqs ›Unterwerfung‹ den Krieg im Namen von Religionen und dessen Auswirkungen auf uns Menschen beschreibt. Er bastelt dabei kein utopisches Zukunftsgemälde, sondern bleibt auf dem Boden der Tatsachen. Er nimmt den Anschlag vom 11. April 2002 auf die al-Ghriba-Synagoge in Djerba zum Erzählanlass. Die historischen Ereignisse, die er als Hintergrund nimmt, sind dabei korrekt recherchiert, mit Mutmaßungen kommt Keller dabei sparsam aus, Verschwörungstheorien gar braucht er nicht zu strapazieren.

Dabei stammen zwei seiner Hauptpersonen aus der Zeit, in der Geschichtsmythen en vogue waren, knallten doch politische Systeme gerade auch in der BRD der 80er immer noch direkt aufeinander. Im Roman legt sich die linke Hausbesetzer-Szene mit der bundesrepublikanischen Staatsgewalt an. In einer dieser »freien« WGs leben Astèr und Claude. Sie versuchen wie so viele WGs eine neue, offene Form des Zusammenlebens zu finden. Hängen die Türen aus, später wieder ein. Diskutieren stundenlang über linke Theorien, planen Aktionen gegen Kapitalisten und träumen dann doch von der »freien Sicht aufs Mittelmeer«.

Ein Kampf gegen die Hybris

20 Jahre später finden wir Claude, mittlerweile beruflich etabliert, bürgerlich gefestigt und durchaus aus dem westlichen Kapitalismus Nutzen schlagend, auf seiner Jacht im Mittelmeer wieder. Er verwirklicht seinen Traum, damit nach Tunesien zu segeln. Astèr, die nicht ganz so sportlich auftritt, und mittlerweile aus New York, ihrem Wohn- und Arbeitssitz anreist – sie ist bei der UNO angestellt –, ist nach Jahren der Trennung in Djerba mit Claude verabredet. Christoph Keller erzählt in seinem Roman ›Übers Meer‹ diese beiden Handlungsstränge zunächst sehr trocken und nüchtern. Und er betont dabei die Ironie des Schicksals eigentlich noch.

Denn aus dem »Date« der beiden im Hafen der tunesischen Stadt wird nichts. Und es sind nicht Zufall oder eine Laune des Schicksals, die hier quer treiben. Es sind zwei Einschläge von durchaus historischem Kaliber: Zum einen sprengt sich ein Selbstmordkommando in einem Laster vor der Synagoge in die Luft und reißt 21 Menschen mit in den Tod. Astèr wird schwer verletzt in ein Krakenhaus eingeliefert. Und zum anderen zieht über dem Mittelmeer ein schweres Sturmtief auf, das den erfahrenen Weltumsegler Claude an die Grenze bringt. Sein Boot kentert durch. Er selbst wird in einer Rettungsinsel zum manövrierunfähigen Treibgut.

Ein moderner Zeitroman

Doch Christoph Keller will in seinem Roman noch mehr erzählen. Das Jahr 2002 steht auch für eine neue Qualität des Flüchtlingsstroms aus Afrika. Für die Flüchtlinge, die auf halsbrecherische Weise das Mittelmeer überqueren wollen, von verbrecherischen Schleusern auf alte, baufällige Boote gepfercht werden, in der Hoffnung Europa zu erreichen. Schon 2002 spielen sich vor Lampedusa Tragödien ab. Die Flüchtlinge Touré und Amadou sind zwei, die auf der Überfahrt Claudes Segelschiff Kassiopeia kreuzen.

Dann gibt es noch Tahar, den tunesischen Taxifahrer und Fremdenführer, der mit Astér während des Attentats vor der Synagoge steht. Tahar, der sich an seine Verwandten erinnert, die einen Anschlag geplant haben. Der natürlich zwei und zwei zusammenzählt. Sich selbst auf der Liste der Gesuchten sieht, als möglicher Hintermann in Verdacht gerät und zu fliehen versucht. Und in Brooklyn wird Astèr nach ihrem Krankenhausaufenthalt wieder zu Paco ziehen, ihrer Mitbewohnerin, die als Graffiti-Künstlerin in U-Bahn-Tunnel mit politischen Symbolen illegale gegen die Bush-Regierung kämpft.

Übers Meer ist ein Roman, in dem alle Beteiligten Hindernisse niederreißen, Grenzen überwinden wollen. Dabei verorten sich die fiktiven Protagonisten in der historischen Wirklichkeit. Astèr, die nach dem Anschlag wochenlang im Koma liegt, beginnt mit einer winzigen Konstante, dem »halben Mond in meinem Hirn, vorderer rechter Frontallappen. Ich habe ihn gesehen, mehrfach gedreht und gespiegelt, auf Röntgenbildern und auf den Bildschirmen der Computertomografen, ein kleiner, geriffelter Splitter. Ein gezackter, hälftiger Mond ist in meinem Hirn zu Gast«. Erst langsam, nach mühevollen Gesprächen, trägt sie Schicht um Schicht des Vergessens ab. Sie wird mühevoll ihre Erinnerung rekonstruieren, ihre Vergangenheit wiederfinden.

Das Meer ist die große Metapher des Verlusts, des Sammelbeckens der Geschichte, der Mythologie, der Raum der Freiheit, der Gefahr und auch der Unschuld. Der Augenblick, in dem Claude aus seinem gekenterten Segelschiff in die Rettungsinsel springt und die Leine zum Boot kappt, wird zur Keimzelle von Kellers Erzählung: Es ist »als würden zwei Welten auseinandergerissen«. Die Protagonisten des Romans werden nach diesen Ereignissen nicht mehr wie früher in der normalen Welt leben. Auch für sie scheinen zwei Welten auseinandergerissen zu sein. Das Resümee in Christoph Kellers ›Übers Meer‹ ist dann eigentlich wieder ganz einfach. Er findet die Lösung im Bild vom »Narrenschiff«, das mit uns allen auf den unendlichen Weiten des wogenden Meers schaukelt.

| HUBERT HOLZMANN

Titelangaben
Christoph Keller: Übers Meer
Zürich: Rotpunktverlag 2013
304 Seiten. 27.- Euro

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