Vom kulturellen Kannibalismus oder Das Prinzip des Hybriden

in Gesellschaft

Gesellschaft | U.Prutsch, E.Rodrigues-Moura: Brasilien. Eine Kulturgeschichte

»Dr Zoch kütt!« Es ist wieder so weit: Verkleidete Menschen auf den Straßen, freudentrunken Arm in Arm – singend, tanzend, das Leben feiernd. Karneval! Paraden und Lindwürmer, Samba und Bläck Fööss. Brasilianische Verhältnisse in Köln, Kölner Verhältnisse in Brasilien! Und unsere Autorin SUSAN GAMPER fragt sich: »Brasilien? Da war doch was …«

BrasilienUnd tatsächlich, da war was. Je genauer man sich allerdings mit den jüngst publizierten Beiträgen und Nachrichten zum Land beschäftigt, desto bedrückender wird’s: Neben Samba und Karneval, Strand und Fußballfest stößt man auf Probleme, die sprachlos machen: Wirtschaftskrise, soziale Ungerechtigkeit, Korruptionsskandal, Wassermangel. ›Brasilien. Eine Kulturgeschichte‹ hilft uns, zu verstehen.

Samba, Karneval, und Probleme

Die kulturelle Vielschichtigkeit des Landes in den Vordergrund zu stellen und Mythen zu hinterfragen sind die erklärten Ziele des Buches – mit Leichtigkeit gelingt dies den beiden Autoren. Ursula Prutsch, die Münchner Professorin für Geschichte Lateinamerikas und der USA, und Enrique Rodrigues-Moura, der Bamberger Professor für Romanische Literaturwissenschaft, haben 2013 eine einladende Kulturgeschichte vorgelegt – die schon im zweiten Jahr in die zweite Auflage ging. Seit Oktober 2014 gar die Adelung: Aufnahme in die Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung. Ein gutes Buch! Ein wichtiges Buch!

Warum ist es so erfolgreich? Die Antwort ist einfach: Einen solchen Einblick gab es auf dem deutschsprachigen Markt noch nicht und zugegebenermaßen lag’s wohl auch ein wenig am Timing. Fußball-WM inklusive landesweiter Proteste – viele wollten im letzten Jahr mehr erfahren über das Land mit Zuckerhut. Letztlich ist aber das Angebot, das die beiden Autoren uns machen, kaum abzulehnen: »Hereinspaziert!« Hier erfahren Sie, welche Ereignisse, Strömungen und Personen Brasilien prägten!

Das Brasilien, das wir hier kennenlernen, ist eines, dessen Geschichte 1498 mit der Entdeckung durch portugiesische Seefahrer begann. In den kommenden 515 Jahren tauchten noch auch weitere reiselustige Europäer auf, mit je speziellen Absichten. Die Hugenotten, Holländer, Hessen usw. trieb Abenteuerlust oder Habsucht, sie waren beseelt vom missionarischen Eifer und ganz grundsätzlich von der eigenen Überlegenheit in der »Neuen Welt«. So viele Möglichkeiten! Hochwertige Hölzer, Zucker und Goldschätze, Furcht einflößende Kannibalen und edle Wilde – wir Leser können uns anstecken lassen von der besitzergreifenden, überheblichen, staunenden Neugier der ersten Jahrhunderte. Wir erschrecken über die Klarheit der Stereotypen, erkennen den Ursprung von Vorurteilen, sehen die Entwicklung eines Landes auch als Spiegel des Eigenen.

Vom Fortschritt berauscht

Ursula Prutsch und Enrique Rodrigues-Moura spannen den Bogen bis in die Gegenwart hinein – unterwegs kommen auch Jahrhundertwende-Fans auf ihre Kosten: Im Kapitel ›Stadtleben um 1900: Cafés, Autos und Flugpioniere‹ erfahren sie, wie fortschrittsbegeistert die Brasilianer waren: Einer der ersten Flugzeugpioniere der Welt, Albertos Santos Dumont, umkreiste 1901 in einem selbst gebauten Luftschiff den Eiffelturm – raten Sie mal, nach wem Louis Cartier seine erste Herrenarmbanduhr benannte! 1905 gab es bereits zwölf Autos in Rio de Janeiro, die Mittel- und Oberschicht ließ es sich zum Beispiel in der ›Stadt Muenchen Bar‹ gut gehen und Künstler schwelgten in Leuchtreklamen und Verkehrslärm – Rio am Puls der Zeit.

Hielt sich in Europa über Jahrhunderte der Mythos vom Kannibalen-Land, so entwickelte sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Brasilien eine entsprechende Strömung des Widerstands. Die Modernisten kämpften an, gegen eurozentristische Weltsicht und postkoloniale Überheblichkeit – und sie nutzten dafür das Mittel der Selbstermächtigung. Sie übernahmen die Zuschreibung, bezeichneten sich selbst als Kannibalen und erklärten die Strategien des »kulturellen Kannibalismus« zur Grundlage für Entwicklung und Autonomie. Das Prinzip des Hybriden bezeichnen Prutsch und Rodrigues-Moura als »eminent prägend für die Innen- und Außenpolitik im 20. und 21. Jahrhundert«.

Schwellenland im globalen Machtgefüge

In den weiteren Kapiteln folgen die Autoren konkret und elegant dem Gang der Jahrzehnte: Die Ära Getúlio Vargas, NSDAP-Aktivitäten und Hitlerflüchtlinge in den 30er Jahren, Zweiter Weltkrieg und Aufbruchsstimmung danach. Deren betongewordenes Symbol, die am Reißbrett entworfene Hauptstadt Brasília, wurde nach nur drei Jahren Bauzeit 1960 eröffnet. Aufstieg und Ende der Militärdiktatur der 1960er und 70er werden im Buch schlüssig dargestellt und ebenso nachvollziehbar in internationale Entwicklungen eingebettet wie die Bedeutung der 1988 in Kraft getretenen Verfassung als »idealistischer Meilenstein auf dem Weg zu einer sozial gerechten Gesellschaft.« Anschlussfähig für aktuelle Entwicklungen sind die Kämpfe der 1990er: Gegen Korruption, für Rechtsstaatlichkeit und Stabilität, gegen die Diskriminierung der Indigenen und für mehr Selbstbewusstsein. Als boomendes Schwellenland erkämpft Brasilien sich seinen Platz im globalen Machtgefüge und sieht sich seit der Jahrtausendwende verstärkt mit der Unvereinbarkeit seiner Bündnisse konfrontiert: Nicht länger kann es zugleich Anwalt des globalen Südens und Mitglied der OECD sein.

Ursula Prutsch und Enrique Rodrigues-Moura schließen ihre Ausführungen in den letzten Kapiteln mit aktuellen Beobachtungen: Viel wurde in der vergangenen Dekade in den Ausbau der Bildung investiert – gerade unter besonderer Berücksichtigung der farbigen Bevölkerung. Möglichkeiten wurden gesucht, Naturschutz und Wirtschaftswachstum gleichermaßen zu befördern und auch die Rechte der indigenen Gruppen wurden gestärkt. Die beiden Autoren werben dafür, die Fortschrittsleistungen des Landes anzuerkennen: »Seine Gesellschaft ist komplexer, informierter, sozial aktiver und internationaler geworden.« Und so fügen sich die Proteste der letzten Jahre ein in einen Emanzipationsprozess, in das Werden eines Landes. Am brasilianischen Karneval – eine Tradition aus Portugal, angeeignet von der afro-brasilianischen Bevölkerung und diszipliniert in der Vargas-Ära – lassen sich die verschiedenen historischen Einflusslinien auf die Kultur des Landes exemplarisch verfolgen. Diese Linien zeigt »Brasilien. Eine Kulturgeschichte« umfassend doch übersichtlich auf. Ein gutes Buch! Ein wichtiges Buch!

| SUSAN GAMPER

Titelangaben
Ursula Prutsch, Enrique Rodrigues-Moura: Brasilien. Eine Kulturgeschichte
Bielefeld: Transcript (2014 – zweite unveränderte Auflage)
262 Seiten, 24,80 Euro
auch:
Bonn: Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 1460 (2014)
264 Seiten. 4,50 Euro

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