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Gesellschaft | Jean Ziegler: Ändere die Welt!

»Jedes System der Selbstinterpretation – jedes kulturelle System, jede Ideologie, jede Religion – verhüllt, verbirgt, lügt und enthüllt zugleich«. Stimmt. »Was am meisten verborgen wird, ist besonders wahr«. Besser kann man es nicht sagen. Von WOLF SENFF

Aendere die Welt von Jean ZieglerEs ist erfreulich, dass sich in der letzten Zeit diverse »Störenfriede« zu Wort melden. Man muss sie lesen und es fällt einem wie Schuppen von den Augen, dass man sich fragt, wer denn tatsächlich den Frieden stören will und ob nicht immer wieder Realitäten entstellt und Sachverhalte verheimlicht werden.

Grundübel Privateigentum

Ernst zu nehmende Publikationen gibt es inzwischen viele. Nebenbei, es hat sie immer gegeben. Wir warten nur darauf, dass dem medialen Mainstream ein gehöriges Maß Sauerstoff zugeführt wird, damit sich dort nach und nach die Augen auftun. Wie lange mag es dauern, bis unsere Großbuchstabengazetten ihren Blick auf die Wirklichkeit richten. Fragen wird man ja wohl dürfen.

Nur folgerichtig ist, dass Jean Ziegler, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrats, uns daran erinnert, dass Jean-Jacques Rousseau das Privateigentum als Grundübel der bürgerlichen Gesellschaft bezeichnete. Knapp hundert Jahre später schrieb Pierre-Joseph Proudhon den Satz: »Eigentum ist Diebstahl« (1846), und erneut ein Jahrhundert später formulierte Max Horkheimer es so: »Reichtum ist unterlassene Hilfeleistung!« Das Problem, wie man sieht, ist seit geraumer Zeit bekannt.

Beispiele aus eigenem Erleben

Jean Ziegler stellt die ungerechte Verteilung der Reichtümer dar, er erklärt die Wirkungsweise von Ideologien und nennt den Neoliberalismus die herrschende Ideologie der Gegenwart, die begleitenden Entfremdungsprozesse würden die Grundlage für eine Gehirnwäsche legen. »Die kapitalistische Warengesellschaft im Westen steht unter der Herrschaft des versteinerten, homogenisierten Bewusstseins«, er findet deutliche Worte, er sieht im Staat eine »Zwangsanstalt«, eine »Waffe der Mächtigen« und schildert die schwierige Situation der Sahrauis, eines nomadischen Volkes in der westlichen Sahara, das ohne staatliche Strukturen organisiert ist.

Theoretische Aussagen zur Soziologie entwickelt er in Abgrenzung gegen Max Weber, in Bezug auf Karl Marx oder Antonio Gramsci oder indem er die Tradition der Frankfurter Schule referiert, und die Theorie ist mit vielfältigen Beispielen aus eigenem Erleben illustriert.

Verwüstungen und Milliardäre

Wie viele andere der gegenwärtig publizierten kapitalismuskritischen Arbeiten sieht Ziegler den Staat unter dem Diktat des Finanzkapitals und warnt vor dem TTIP-Abkommen. »Die neuen Akkumulations- und Ausbeutungsstrategien der transnationalen Oligarchien richten in den nationalen Volkswirtschaften schreckliche Verwüstungen an.«

Er widmet sich ausführlich der Situation in Afrika, und wir stellen überrascht fest, dass die Verhältnisse dort nicht wesentlich anders sind als sonst auch. Im Jahr 2014 lebten dort fünfundfünfzig Dollarmilliardäre und fünfunddreißig Prozent der Bevölkerung litten unter anhaltend schwerer Unterernährung. Er bezweifelt, dass sich Afrika real in eigenständige, souveräne Nationen untergliedere.

Ist’s Feigheit?

Wenngleich »bewundernswert gut verschleiert«, habe das transkontinentale Finanzkapital direkten Zugriff »auf die natürlichen Ressourcen, die Arbeitskraft und das strategisch wichtige Territorium«. Jean Ziegler nennt zahlreiche Beispiele, er geht ausführlich auf die Situation in Kamerun und im Nord- und Südsudan ein, er erwähnt die Dumpingpreise, mit der europäische Agrarprodukte die lokale Landwirtschaft zugrunde richten, er nennt die ungeheuren Beträge, die dort Jahr für Jahr außer Landes geschafft werden. Man reibt sich die Augen und fragt sich, weshalb die so gelobte deutsche Medienlandschaft davon nichts weiß bzw. uns nichts darüber verrät. Ist es tiefsitzende Angst? Ist es Feigheit? Egal, es ist ein Elend.

Ziegler geht einen ungewöhnlichen Schritt weiter, und man darf es als eine treffende Zurechtweisung an die Adresse der Naturwissenschaften verstehen, dass sie die »Natur der toten Dinge« untersuche und ihren Experimenten damit einen »absoluten objektiven Wert« verleihe. Wie schön. Wer jedoch so ein kompliziertes Ding wie eine Farbe definieren wolle, sehe sich vor immense Probleme gestellt, zumal vor dem Hintergrund diverser kultureller Sichtweisen.

»Frieden wiederhergestellt«

Den Humanwissenschaften sei es nicht möglich, sich die Realität so hübsch künstlich einzugrenzen, und Jean Ziegler greift auf die noch kurze Tradition der generativen Soziologie zurück, verbunden mit Roger Bastide, mit Georges Balandier, die traditionelle afrikanische Gesellschaften bzw. Gesellschaften der afrikanischen Diaspora in Brasilien studierten, und zeigt ein alternatives Verständnis von gemeinschaftlich organisiertem Zusammenleben.

Das entscheidende Kriterium, um Gesellschaften zu unterscheiden und zu bewerten, sei in der generativen Soziologie das Ausmaß von Gewalt, das sie mobilisieren, um Konflikte zu regulieren, und verglichen mit der Strafjustiz, den psychiatrischen Anstalten und den Gefängnissen der westlichen Gesellschaften würden die Einrichtungen und Verfahrensweisen der erwähnten traditionellen afrikanischen Gesellschaften einen deutlich höheren Grad an Zivilisiertheit aufweisen. Jean Ziegler zählt die Teilnahme an einem ›condomblé‹ der Nagôs in Bahia, mit dem »Frieden wiederhergestellt« wurde, zu den wertvollsten Erinnerungen seines Lebens.

Vergangenheit und Zukunft

Es fällt dem unbedarften Leser nicht leicht, sich die Dimension dieses kulturellen Ansatzes zu vergegenwärtigen, Jean Ziegler schreibt die »Industrie- und Warengesellschaften Europas«, salopp gesagt, in den Wind; sie würden sich die Vergangenheit zurechtlegen, würden »in der verwirrenden Abfolge der Ereignisse einen verborgenen Sinn aufspüren« und sich zu Hause darin fühlen, »die Vergangenheit […] zu rekonstruieren.«

So ist es wohl. Wir beschäftigen unsere Archäologen und treten kostspielige Reisen zu den Pyramiden an. Alles begann, wie uns die Physik erzählt, mit dem ›Urknall‹, und wir haben mittlerweile begründeten Anlass zu der Annahme, dass es ganz ähnlich zu Ende gehen wird. Mit dem ›Urknall‹, so erläutert uns, sofern wir ihn nur fragen, schmunzelnd jeder Irrenarzt, projiziere die Physik zutiefst verzweifelt dasjenige weitestmöglich in die Vergangenheit, von dem sie zuverlässig wisse, dass es uns als Zukunft erwarte.

Ein tiefer Graben

»Ein Bauer vom Volk der Bahutu, der in den prächtigen Hügeln von Burundi lebt, am Ufer des Tanganjikasees, kennt nur ausnahmsweise sein Geburtsdatum, aber er weiß nahezu alles über seinen künftigen Tod, über die Orte, wo die Toten zu Hause sind, über den Sinn des Lebens, die Kräfte, die dem Universum innewohnen.«

Wir sehen, die kapitalistischen Gesellschaften des Westens und die afrikanischen Gesellschaften trennt »ein tiefer Graben«, und spontan möchte man meinen, ›unsere‹ Anbetung des Goldenen Kalbes geht längst und in immer eiligeren Schritten ihrem Ende entgegen.

Da ist es durchaus sympathisch zu lesen, dass die Kultur der erwähnten afrikanischen Völker »einzig und allein die Fragen [behandelt], die es wert sind, dass man sich mit ihnen befasst: Woher kommt der Mensch? Was ist seine Aufgabe auf der Erde? Wie stirbt er – und kann er hoffen, zu Lebzeiten eine Beziehung zu Gott herzustellen?« Diese Fragen, sehe ich das richtig, locken hierzulande kaum einen Hund hinter dem Ofen hervor.

Eine Tradition radikaler Ablehnung

Dennoch gibt es auch hierzulande eine eindrucksvolle Tradition der radikalen Ablehnung westlicher ›Errungenschaften‹. Man findet sie in Martin Heideggers vernichtender Technikkritik seiner Bremer und Freiburger Vorträge der fünfziger Jahre ebenso wie in den Veröffentlichungen des Schweizers Hanspeter Padrutt in den frühen neunziger Jahren, der die zweieinhalb Jahrtausende seit Parmenides komplett für einen Irrweg erklärt, und man fragt sich wieder einmal, welchen Beitrag die hiesigen Medien zu dieser Debatte leisten bzw. ob ›unsere‹ Politiker oder ihre ›Denkfabriken‹ derartige Texte jemals gelesen und gar verstanden haben.

Wir müssen immerhin schätzen, dass eine Ausnahmeerscheinung wie Jean Ziegler die Politik aktiv begleitet. Mit dieser Untersuchung kommt ihm das Verdienst zu, dieser so einheitlich gestylten, »globalisierten«, »gleichgeschalteten« Welt neue Wege zu öffnen. In einer, wie uns von vielen Seiten beharrlich versichert wird, so ›alternativlosen‹ Lage müssen wir froh sein über dieses originelle, zukunftsweisende Werk.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Jean Ziegler: Ändere die Welt!
Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen
(Retournez les fusils! Choisir son camp, Paris: Edition du Seuil, 2014, übersetzt von Ursel Schäfer)
München: Bertelsmann 2015
288 Seiten. 19,99 Euro

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| Leseprobe
| Jean Ziegler: ›Wir lassen sie verhungern‹ – im TITEL kulturmagazin