Denkwürdiges Kinderpaar

in Jugendbuch

Jugendbuch | Anna Woltz: Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess

Der eine hat panische Angst, die zu verlieren, die er liebt, die andere will um jeden Preis jemandem zum Lieben dazugewinnen. Anna Woltz hat in ›Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess‹ zwei in extremen Gefühlslagen zusammengespannt und ein denkwürdiges Kinderpaar in die Welt gesetzt, samt einer Geschichte, die wunderbar und seltsam genug ist, um lange im Gedächtnis zu bleiben. Von MAGALI HEISSLER

TessSamuel gibt es nicht gern zu, aber er steht unter Schock. Auslöser ist die noch nicht lange zurückliegende Beerdigung des Vaters einer Schulfreundin. Samuel ist zehn, aber er neigt dazu, sich viele und tiefe Gedanken zu machen. Der Gedanke, der ihn seit der Beerdigung beherrscht, ist der des Verlusts seiner Familie. Dass sie alle zusammen in Urlaub nach Texel fahren, tröstet ihn. Familie gehört eben zusammen. Als sein etwas älterer Bruder sich dort das Bein bricht, erschüttert Samuel das aber wieder heftig.

Ehe die innere Krise Oberhand gewinnt, trifft er Tess. Tess ist ein Jahr älter und ein gutes Stück größer. Vor allem aber benimmt sie sich seltsam, redet seltsames Zeug und das mit Absicht. Tess mag seltsam. Samuel eher nicht, besonders nicht in seiner eigenen unsicheren Lage. Tess ist aber so voll Energie, dass Samuel einfach mitgewirbelt wird in das große, große Geheimnis.

Samuel, der Denker, hat alle Mühe, bei Tess’ fantastischen Einfällen den Kopf oben zu behalten. Beinahe wäre ja auch alles schiefgegangen. Beinahe.

Zwergtourist und Amazone

Es beginnt wie ein schlichter schöner Familien-Ferienroman, aber schon nach ein paar Sätzen schleicht sich Unsicherheit ein. Samuel, der Ich-Erzähler, ist die Ursache. Woltz benutzt ihn höchst geschickt zur Leserinnen-Leitung, zu Manipulation und am Ende zu blanker Verführung.

Der junge Protagonist macht einiges an Leid durch, jüngere Leserinnen werden das sofort spüren, während sie noch den Worten folgen. Woltz drückt sich raffiniert einfach aus. Samuel hat eine besondere Art, die kompliziertesten Dinge auf den Punkt zu bringen. Er ist ein Zehnjähriger am Ende der Kinderzeit. Er wird reifer, er will mehr Raum einnehmen. Die erste Grenze, an die er stößt, ist sein älterer Bruder. Der hat seine eigenen Probleme, Samuel allerdings fühlt sich zurückgesetzt und kämpft mit Eifersucht.

Was ihn zurzeit allerdings besonders quält, ist die Frage, wie man sich fühlt, wenn Menschen, die man liebt, gestorben sind. Wie man mit der Einsamkeit umgeht, damit, dass man andere vermisst. Ob er wohl vermisst wird, wenn er gestorben ist?

Tess und ihre energische Mutter Ida, die auf Texel leben, sind eine neue Erfahrung für Samuel. Dass ihn Ida »Zwergtourist« nennt, trifft Samuel an einem empfindlichen Punkt. Er ist klein für sein Alter. Er ist eher unauffällig, bei der Schulaufführung vor einigen Jahren war er nur Osterküken Nummer fünf. Tess ist das Gegenteil. Groß für ihr Alter, lebhaft und offenbar völlig furchtlos, hat sie etwas Atemberaubendes in Gang gesetzt, die heimliche Suche nach ihrem unbekannten Vater. Tess ist eine Amazone, sie nimmt die Dinge in die Hand.
Die beiden raufen sich zusammen, an der Seite von Tess lernt Samuel Selbstbewusstsein. Er lernt, eigene Entscheidungen zu treffen. Er spürt selbst, dass er ein ganz neues Kind wird. Seine Familie muss das lernen. Am Ende ist er immer noch klein, aber Zwergtourist ist geradezu ein Ehrentitel geworden.

Heilung

Die Geschichte von Tess und Samuel ist eine Geschichte der Heilung. Wunden gibt es so einige, alte und frische. Tess’ Mutter hat es nicht leicht als ausgesprochen groß gewachsene und selbstbewusste Frau. Tess leidet darunter, dass sie ihren Vater nicht kennt. Ein alter Nachbar von Tess hat seinen geliebten Kanarienvogel verloren. Samuel und sein Bruder müssen mit gegenseitiger Eifersucht und einem neu entstehenden innerfamiliären Gefüge zurechtkommen, weil sie eben älter geworden sind. Ein Mann muss erkennen, dass er elf Jahre ohne Tochter gelebt hat, Tess‘ Mutter, dass sie nicht fair gehandelt hat.

Familie ist ein guter Ort, aber kein einfacher, davon erzählt Woltz. Und dass Familie nicht immer die traditionelle sein muss.
Zuweilen kommt Heilung auch von außen. Es ist der fremde alte Nachbar, der Samuel die Sache mit dem Vermissen und dem Alleinsein erklärt, so schlüssig, dass es auch die kleinen Leserinnen überzeugen wird. Tess, ganz klar, nimmt Samuel die letzten Zweifel. Schließlich hat er auch alles für sie getan. Sie tut es auf ihre seltsame, wunderbare Art. Amazone mit viel Herz, also.

Die Geschichte ist von Regina Kehn ebenso wunderbar in Bilder umgesetzt. Großformatig und großzügig in der Linienführung werden Samuels Gefühlsverwirrungen genauso deutlich wie der Kinderalltag und die Landschaft auf Texel. Kehn konzentriert sich auf die Atmosphäre der Geschichte, auf die Gedankenwelt, präzis, oft witzig, immer nah den Figuren.

Gedruckt ist es in Blau, was die Erinnerung an Füller, Federn, Tinte und Tusche weckt, einfach dahingezeichnet, während tatsächlich höchste Professionalität herrscht, wie eben bei der vorgeblichen Einfachheit des Texts auch. Er ist ebenfalls blau gedruckt, die Ausstattung ist rundum gelungen.
Übersetzt ist es von Andrea Kluitmann, die Zwergtourist und Amazone auch im Deutschen ihre unverwechselbaren Stimmen gibt.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Anna Woltz: Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess
(Mijn bijzonder rare week met Tess, 2013)
Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann
Hamburg: Carlsen 2015
175 Seiten, 10,90 Euro
Jugendbuch ab 11 Jahren

Reinschauen
| Leseprobe