Vielfältige Fortsetzungen

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Comic | Aya – Leben in Yop City / Der Schatz der Tempelritter 2 / Gung Ho 2 / Hexe total 2

Eine Seifenoper von der Elfenbeinküste, eine historische Heist-Story aus dem Mittelalter, irre Drogengeschichten aus einem kranken Fabuland, Teenie-Romanzen in einer postapokalyptischen Zukunft – so unterschiedlich diese Comicserien auch sein mögen, sie haben etwas gemeinsam: Sie haben einen furiosen Start hingelegt und BORIS KUNZ Lust auf mehr gemacht. Höchste Zeit also, einen Blick in den jeweiligen zweiten Band zu werfen.

Aya – Leben in Yop City

Aya und ihre Clique sind zurück – in weiteren drei Kapiteln, jedes umfasst gut 100 Seiten, geht die lebensfrohe Soap-Opera von der Elfenbeinküste in die zweite und letzte Runde. Viele Geschichten waren am Ende des ersten Bandes zu einem Wendepunkt gekommen, von dem aus sie nun wieder aufgegriffen und in eine neue Richtung fortgeführt werden. Zudem erweitert die ivorische Autorin Marquerite Abouet das umfangreiche Personal ihrer Reihe um ein paar neue Gesichter, um noch mehr Facetten ihrer heimatlichen Gesellschaft in die Erzählung aufnehmen zu können.

AyaSo landet Jeanne, die ehemalige Geliebte von Ayas Vater, mit ihren beiden Kindern bei ihrem neuen Lebensgefährten Gervais, wo sie sich jedoch die Wohnung mit einer tyrannischen Schwiegermutter teilen muss. Der schwule Innocent hat inzwischen Paris erreicht, und muss feststellen, dass das Leben im kalten und unfreundlichen Europa sogar noch viel schwerer ist, als zu Hause in Yop City. Der reiche Chaot Moussa dagegen ist nicht nur aus dem Hause seiner Eltern, sondern auch aus dem Comic komplett verschwunden, und seine Eltern müssen eine mühsame Spurensuche aufnehmen. Bintou gewinnt einen Auftritt in der populären Fernsehshow ›Super Star Station‹, Adjouas Freund Mamadou schläft mit einer reichen Frau, um seiner Familie ein Häuschen kaufen zu können, und ihr Bruder Albert möchte heiraten, um von seiner Homosexualität abzulenken, hat sich dafür aber die hässlichste Braut aus dem Viertel ausgesucht, so dass auch sein Vater zu ahnen beginnt, dass hier etwas im Busch ist. Und die Titelheldin Aya will sich in all diese Dinge eigentlich nicht einmischen, schließlich ist sie damit beschäftigt einen Plan zu schmieden, wie sie ihre Ziehschwester Félicité aus den Klauen ihres leiblichen Vaters befreien kann, einem Schwerenöter, der seine Tochter verheiraten will, um irgendeinen Profit aus ihr zu schlagen.

Doch Aya ist nicht mehr nur die Beobachterin der zahlreichen Geschehnisse um sie herum, sondern hat in diesem Band auch ihre eigenen, handfesten Probleme: Sie hat das ersehnte Medizinstudium begonnen, und muss nun feststellen, dass ihr Biologieprofessor sich gute Noten von hübschen Studentinnen mit sexuellen Gefälligkeiten bezahlen lässt. Es scheint zunächst aussichtslos, diesem Kerl das Handwerk zu legen, und als mit dem jungen Staatsanwalt Didier endlich auch für Aya ein ernsthafter Heiratskandidat auftaucht, macht das die ganze Situation auf unerwartete Weise noch viel verzwickter …

Obgleich sich an dem eher positiven Grundton der Geschichte wenig ändert, geht Abouet thematisch einige heiße Eisen an, unter anderem auch das Thema Religion: Bintous Exfreund Gregoire beginnt für eine mafiöse Kirchengemeinde einen Wunderheiler zu spielen. In den ausführlichen Anhängen des Bandes erläutert die Autorin auch, welche Rolle diese Bauernfängerei in ihrer Heimat spielt.

Es geht also hoch her in Yop City, doch die Lektüre wird dabei niemals zu düster – man ist im Gegenteil eher etwas irritiert davon, durch wie viele glückliche Zufälle und Fügungen sich alle Probleme der Figuren zugunsten eines großen Happy Ends zum Guten wenden. So wirklichkeitsnah der Blick auf die Gesellschaft der Elfenbeinküste auch sein mag, so erfrischend realistisch, lebendig und klischeefern die Zeichnungen von Clément Oubriere auch wirken: Als am Schluss alle Handlungsfäden zusammenlaufen, spürt man die schützende Hand einer Autorin, die ihre Figuren zu sehr liebt, um ihnen etwas ernsthaft böses anzutun.

Der Freude, die man an der Lektüre von ›Aya‹ haben kann, tut dies keinen Abbruch. Die entsteht durch die lebendige Erzählweise, die den Leser zu einem Teil von Ayas Gemeinde werden lässt, durch eine Fülle herrlicher Sprichwörter (»Das Huhn wäscht sich nie, doch sein Ei ist dennoch weiß« – »Willst du furzen wie ein Esel, zerreißt es dir den Hintern«) und zuletzt auch durch die leckeren afrikanischen Kochrezepte, die im Bonusmaterial enthalten sind. So macht ›Aya – Leben in Yop City‹ den Leser am Ende auf vielfältige Weise glücklich.

Der Schatz der Tempelritter 2: Die Bischöfe

Der ehemalige Tempelritter Martin ist zurück in Paris, denn aus seiner verzweifelten Flucht ist eine nicht weniger verzweifelte Mission geworden. Zusammen mit zwei ambivalenten Sidekicks versucht er, an die letzten Informationen zu kommen, die ihm noch fehlen, um den Schatz der Templer aus dem alten Templergebäude zu klauen – direkt unter den gierigen Augen des königlichen Kanzlers Nogaret. Dabei muss er auch wieder die Hilfe seiner ehemaligen Verlobten Isabelle in Anspruch nehmen, sodass auch deren Beziehungsgeschichte in eine neue Runde geht.

Tempelritter 2Die meiste Zeit aber sind Martin und seine Kollegen damit beschäftigt, ein paar eher unspektakuläre Zwischenstationen zu bewältigen: Sie müssen ein unerklärliches Symbol auf einer Schatzkarte entziffern und den alten Kellermeister der Templer aus dem Kerker holen. Doch während hier eher Zeit vertrödelt wird (zumindest fühlt sich das für den Leser so an) zieht sich die Schlinge um die inhaftierten Tempelritter, die Martin eigentlich retten möchte, immer enger zusammen. Erpressung, Bestechung, Folter oder Mord: Nogaret und seine Handlanger schrecken vor keinem Mittel zurück, um den Prozess gegen den Orden schnell über die Bühne zu bringen, und die Templer möglichst ohne ernsthafte Verteidigung auf die Scheiterhaufen zu schicken. Denn nachdem Nogaret nun auch zu wissen glaubt, dass der Schatz noch in Paris ist, sind die Templer für ihn von keinerlei Nutzen mehr. Und so werden bald schon die Strohbündel unter den Scheiterhaufen aufgerichtet …

Im zweiten Band der dreiteiligen Reihe passieren die spannenderen Dinge tatsächlich auf der politischen Ebene, im Königspalast oder vor der Bischofskommission, während der Heist-Plot, den man erwartet hat, eher auf der Stelle tritt. Zwar hat Martin am Ende noch mehr ambivalente Sidekicks um sich geschart, doch der große Plan zum Schatzklau wird erst im letzten Band richtig losgehen – womit sich das Ende des zweiten Bandes leider etwa genauso anfühlt, wie schon das Ende des ersten Bandes. Auch mit Action oder Wortgefechten kann ›Die Bischöfe‹ nicht mehr so viel punkten wie noch sein Vorgänger. Allerdings gelingt es dem Team um Autor Jordan Mechner und den Zeichnern LeUyen Pham und Alex Puvilland immer wieder, das mittelalterliche Paris stimmungsvoll in Szene zu setzen, mit unerwartet spezifischen historischen Darstellungen zu überraschen, und den Leser an Orte zu entführen, die er so vielleicht noch nicht zu Gesicht bekommen hat.

Wenn man bei den Referenzen auf dem Buchdeckel bleiben möchte, so ist der zweite Band vom ›Schatz der Tempelritter‹ doch eher ›Der Name der Rose‹ und weniger ›Oceans Eleven‹. Was bleibt, ist die Aussicht, dass das im letzten Band noch einmal anders werden könnte.

Gung Ho 2: Ohne Rücksicht auf Verluste

Wenn ein erster Band so viel versprochen hat, wie der von ›Gung Ho‹ im letzten Sommer, sind die Erwartungen natürlich dementsprechend. Um es kurz zu machen: Auch der zweite Teil der postapokalyptischen Teenie-Sage wird kaum einen Fan des ersten Teils enttäuschen.

gungho2Die Brüder Zack und Archer verleben ihren ersten Sommer in Fort Apache, einem Außenposten der Zivilisation mitten im von den Reißern überrannten Europa. Während Archer sich weiterhin unnahbar gibt und hinter der Attitüde des coolen Clowns versteckt, wir Zack, der im letzten Band einen Jungen vor einem Reißer gerettet hat, stärker in das soziale Gefüge der Jugendlichen eingebunden. Dass die begehrte Pauline sich für ihn interessiert, während Zack eher die hübsche Yuki, die Tochter ihres neuen Ausbilders ins Auge gefasst hat, führt bald zu neuen Spannungen. Schließlich geht es hier um Teenager, die nicht wissen, ob sie jemals das Erwachsenenalter erreichen werden, und daher im Taumel der Hormone auch nichts anbrennen lassen. Autor Benjamin von Eckartsberg konzentriert sich im zweiten Band auf diese Liebeleien und Eifersüchteleien rund um Zack, sodass Archer etwas aus dem Fokus gerät und zum Träger humoristischer Einlagen wird. Gleichzeitig aber bahnt sich im Hintergrund ein bedrohlicher Konflikt an: Ein Versorgungszug voller Waffen und Munition ist entgleist, die kostbare Fracht gestohlen worden. Die Reißer können das nicht gewesen sein …

Erstaunlich ist die Souveränität, mit der Zeichner Thomas von Kummant mit seinem Collagenstil einen hohen Grad an Realismus schafft, Landschaften und Lichtstimmungen so überzeugend einfängt, dass man als Leser die Sommersonne, die auf Fort Apache scheint, selbst auf der Haut spüren kann. Nur die Brüste der hübschen Pauline sehen hin und wieder etwas zu gut aus, um echt zu sein …
Im Zusammenspiel lassen die Bildgestaltung von Kummants und die oft außergewöhnlich gute Dialog- und Figurenführung von Eckartsbergs ein Gefühl von Internat, Sommercamp und Ferienlager aufkommen, in das sich der Leser auch jenseits der 18 noch perfekt einfühlen kann. So will man die überall lauernde Bedrohung durch die Monsterplage gar nicht mehr so recht wahr haben – und läuft damit in die gleiche Falle wie die Protagonisten. Nur dass diese ihren jugendlichen Leichtsinn oft mit dem Leben bezahlen müssen.

Auch ›Ohne Rücksicht auf Verluste‹ steuert auf seinen eigenen, dramatischen Höhepunkt zu, doch insgesamt spürt man sehr deutlich, dass ›Gung Ho‹ eher auf die übergeordnete, fünfbändige Gesamterzählung abzielt, sodass nicht jede Figur und jeder Strang in jedem Album gleichwertig bedient werden müssen. Zu wissen, dass die Serie hier auf einen lange geplanten Showdown zuläuft, macht die Wartezeit (Band 3 soll erst 2017 erscheinen) eher noch schwerer.

Gewagt ist übrigens auch das Cover der regulären Ausgabe in Neonpink. Für den Fan ist allerdings die teure Vorzugsausgabe nicht nur wegen des beeindruckenderen Covers, sondern auch des wieder sehr ausführlichen Bonusmaterials wegen zu empfehlen.

Hexe total 2

Der zweite Band der Hexe-Stories wirkt in sich stimmiger und ausgereifter. Es gibt nicht mehr so viele Variationen im Zeichenstil, kein schwarz-weiß, keine Buntstifte, Autor und Zeichner Simon Hanselmann scheint lange genug geübt und den passenden Stil für seine Geschichten gefunden zu haben, der es zulässt, kleinteiliger und detaillierter in den Bildern zu werden: Klare schwarze Outlines, flächig koloriert. Meist erzählt er in 12 quadratischen Panels pro Seite, mit gelegentlichen Ausnahmen, wenn es hinaus in die Natur geht oder die Drogentrips der Figuren besonders schräg werden.

Hexe_total_2_Cover_web1Inhaltlich beackert er weiterhin das gleiche Feld und zeigt wie Hexe Megg und Kater Mogg, meistens in Begleitung von Werwolf Jones, ihre Tage mit Drogentrips, DVD-Sessions und allerhand Schwachsinn zubringen, wenn sie nicht wieder ihrem Mitbewohner Eule seine Dates und Jobinterviews absichtlich versauen – obwohl dieser 80% ihrer Miete zahlt. In einer der besten Storys des Bandes reiten sich Megg und Mogg aber auch selbst ordentlich in die Scheiße, als sie versuchen, das Lager eines Lebensmittelgeschäfts zu plündern, weil sie Hunger haben und zu faul sind, bis zum nächsten Kebab-Laden zu laufen. Doch nicht nur vom Exzess wird erzählt, auch simple Alltagssituationen der Figuren werden in mehreren kurzen One-Pagern angerissen. Hanselmann lässt seinen Figuren auch den erzählerischen Raum mehr Charaktertiefe zu gewinnen (so seltsam das einem vorkommen mag), wenn er vom gestörten emotionalen Haushalt von Megg und ihrer Therapie erzählt, Megg und Mogg deutlicher als im ersten Band als ein Liebespaar darstellt, oder sogar eine Rückblende in die High-School-Zeit der Figuren unternimmt, die ein wenig Licht auf die größte Frage des Comics wirft: Warum lässt Eule eigentlich immer alles mit sich machen? Es kann einem so vorkommen, als wäre auch Simon Hanselmann langsam dabei, seinen eigenen Figuren näherzukommen.

So wird im zweiten Band auch langsam eine innere Kontinuität der Geschichten spürbar. Obwohl, wie in der Welt der Comicstrips durchaus üblich, die Zeit im Prinzip stehen geblieben scheint (wie bei den Simpsons oder in Entenhausen) und man die Geschichten in beliebiger Reihenfolge lesen könnte, gibt es am Schluss des Bandes plötzlich eine überraschende Entscheidung einer Figur, die Konsequenzen für den weiteren Verlauf des Comicstrips haben könnte. Ob Simon Hanselmann seinen Figuren und seinem Universum diese Konsequenzen wirklich zugesteht, kann erst der nächste Band zeigen – oder natürlich, für die englischsprachigen Leser, ein Blick in den aktuellen Web-Comic bei ›Vice‹.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Marguerite Abouet (Text), Clément Oubriere (Zeichnungen): Aya – Leben in Yop City
( Aya de Yopuogon Volumes 4, 5, 6)
Aus dem Französichen von Ulrich Pröfrock
Berlin: Reprodukt 2014
360 Seiten, 39 Euro
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| Rezension des ersten Bandes in TITEL kulturmagazin

Jordan Mechner (Autor), LeUyen Pham & Alex Puvilland (Zeichnungen): Der Schatz der Tempelritter – Zweites Buch: Die Bischöfe
(Templar) Aus dem Englischen von Jan-Frederik Bandel
Hamburg: Carlsen Verlag 2015
160 Seiten, 18,99 Euro
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| Rezension des ersten Bandes in TITEL kulturmagazin

Benjamin von Eckartsberg (Text), Thomas von Kummant (Zeichnungen): Gung Ho Band 2: Ohne Rücksicht auf Verluste
Ludwigsburg: Cross Cult 2015
88 Seiten, 22 Euro
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| Bericht und Interview zum ersten Band in TITEL kulturmagazin

Simon Hanselmann: Megg, Mogg & Eule: Hexe total 2
(Megg, Mogg & Owl nach der spanischen Ausgabe „Bahia de San Búho“)
Aus dem Englischen von Johann Ulrich
Berlin: Avant Verlag 2015
176 Seiten, 24,95 Euro
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