Mein Zielpublikum bin ich

in Comic/Porträt & Interview

Comic | ICSE 2016 Spezial: Interview mit Ville Tietäväinen und Marko Juntunen

Auch auf dem diesjährigen Comicsalon waren aktuelle politische Entwicklungen ein Thema – und damit nicht zuletzt die Flüchtlingskrise. Zu einem entsprechenden Podiumsgespräch war auch Ville Tietäväinen erschienen, ein finnischer Autor und Zeichner, der bereits vor einigen Jahren mit seiner grandiosen Schilderung eines Migrantenschicksals in ›Unsichtbare Hände‹ für Furore gesorgt hat. Auch wenn kein aktuelles Album von ihm vorliegt, war das für BORIS KUNZ Anlass genug für ein ausführliches Gespräch.

Gemeinsam mit Ville Tietäväinen ist der finnische Sozialanthropologe Marko Juntunen in Erlangen erschienen, den der Comiczeichner als seinen »Führer und Übersetzer« vorstellt. Natürlich nicht für den Comicsalon, sondern für die Recherche für seinen ausführlichen Comicroman, die den Finnen in marokkanische Küstenstädte und in die Gewächshäuser Spaniens geführt hat. Dorthin, wo unzählige illegal eingewanderte Afrikaner unter unmenschlichen Bedingungen Obst und Gemüse für den europäischen Markt anpflanzen. Tietäväinen, der gerade die erste Ausgabe seines Werks in arabischer Schrift in den Händen gehalten hat, ist ganz offensichtlich noch immer nicht müde, über dieses Thema zu sprechen.

TITEL kulturmagazin: Können Sie sich noch an den Moment erinnern, an dem sie sich entschlossen haben, ein Comicalbum über dieses schwere Thema zu machen?
Tietäväinen: Sehr gut sogar. Im Jahr 2001 war ich in Paris in der Nähe des alten Opernhauses, wo es diese großen Schaufenster der noblen Modegeschäfte gibt. Und da saß ein abgerissener Typ aus Nordafrika in einer abgetragenen Anzugjacke, der diese kleinen Tumbler-Figürchen gegen die Fensterscheiben warf, wo sie dann ihre Purzelbäume nach unten gemacht haben. Der Arbeitstitel des Albums war lange Zeit auch ›Super-Tumbler‹.
Dieser Mann wurde von den Eigentümern des Geschäfts davongejagt. Und ohne jede Regung ist er hinübergewandert zum nächsten Schaufenster und hat dort mit seinen Figürchen weitergemacht. Dieser Kontrast zwischen diesem Mann und seiner Umgebung war wirklich bestürzend. Sofort habe ich angefangen, über sein Leben nachzudenken. Wie ist er zu dem Menschen geworden, der er an diesem Tag war? Anscheinend war er einen langen Weg nach Europa gekommen. Aus welchen Motiven hat er seine Heimat verlassen? Welche Hoffnungen waren für ihn mit Europa verbunden? Welche Hoffnungen hatte er, als sein Jackett noch neu war? Hatte er zu Hause eine Familie? Hatte er mit ihnen in Kontakt bleiben können? Oder hat er sich vielleicht zu sehr dafür geschämt, kein Geld nach Hause zu bringen?

Ville_Tietäväinen
Ville_Tietäväinen (2011)
Abb: Anneli Salo
Ich hatte all diese Fragen, aber keine Antworten darauf. Ich wusste zu der Zeit nichts über das Leben von Immigranten. Es dauerte drei oder vier Jahre, bis ich auf die Arbeit von Marko stieß, der sich mit denselben Fragen beschäftigt hatte. Er hatte viele Jahre in Marokko gelebt und die Menschen interviewt, die versucht hatten, nach Europa zu kommen. In Larache, der marokkanischen Küstenstadt, kannte jeder jemanden aus der Familie oder dem Freundeskreis, der versucht hatte, ohne Papiere nach Europa zu kommen. Also habe ich Marko kontaktiert, und er hat mir Listen mit verschiedenen Büchern über das Thema geschickt. Doch je mehr ich las, umso mehr ist mir klar geworden, dass ich selbst nach Marokko gehen musste, um dort Zeit mit diesen Menschen zu verbringen. Etwa, um die gleichen Plätze wie sie zu besuchen, ihre Reisen tatsächlich nachzuvollziehen. Natürlich ohne die Hilfe von Menschenhändlern. Aber ich wollte die Chronologie solcher Reisen nachvollziehen können. Marko hat sich bereit erklärt, als mein Führer und Übersetzter mitzukommen.

Dann habe ich ein paar Wochen dort verbracht. Die Gespräche und die Recherche vor Ort waren sogar recht einfach. Die Probleme fingen dann an, als wir nach Europa kamen, nach Almeria in Spanien. Das war auch für Marko neues Terrain und er war schockiert zu sehen, was in Europa mit diesen Menschen passierte. Sie alle hatten große Angst vor jedem Europäer, der versuchte, sich ihnen zu nähern. Wahrscheinlich, weil sie fürchteten, sie wären hier um sie abzuschieben. Aber dank Markos flüssigem Arabisch konnten wir ihr Vertrauen gewinnen. Dann haben sie uns gezeigt, wie sie hier leben, und haben uns von ihren Arbeitsbedingungen erzählt.

Bis dahin hatte ich noch nicht darüber nachgedacht, was für eine Art Geschichte ich erzählen wollte. Je mehr ich über das Thema erfahren habe, um so mehr wusste ich, dass ich all dieses Wissen in die Geschichte hineinbringen musste. Ich wusste recht schnell, dass es kein politisches Pamphlet werden durfte, es musste ein berührendes Drama werden. Es musste aus dem Blickwinkel eines Immigranten erzählt werden, nicht aus dem eines Europäers.

Marko Juntunen, worum ging es denn in Ihrer Arbeit, die Sie und Ville zusammengebracht hat?
Juntunen: Mich hatte als Sozialanthropologe und Islamwissenschaftler die Tatsache fasziniert, wie schnell die europäischen Grenzen sich verändert haben. Es gab immer mehr Restriktionen in der Reisefreiheit von Süd nach Nord, und mich hat die Frage interessiert, welchen Effekt das auf das Leben der Menschen hat, die außerhalb dieser Grenze leben, auf der marokkanischen Seite. Als ich in den frühen Neunzigern zum ersten Mal nach Marokko gereist bin, ist mir aufgefallen, dass sich auch die marokkanische Gesellschaft durch die europäische Migrationspolitik gravierend verändert hat. Einer der konkreten Effekte war die Entstehung eines illegalen Wirtschaftszweiges, der sich nur um diese verschärften Einreisebedingungen drehte. Ein Teil davon waren die Schleuser, ein anderer der Markt für gefälschte Dokumente. Alles wurde zu Geld gemacht, was jemand brauchen konnte, um irgendwie über die Grenze nach Europa zu kommen. Viele Nordmarokkaner verdienen ihr Geld auf diesem Schwarzmarkt, indem sie den Schleusern helfen, ihnen Kunden aus anderen Teilen von Afrika organisieren, diese bei sich aufnehmen, während sie auf die Überfahrt warten. Diese Veränderungen der lokalen Wirtschaft haben mich fasziniert, ihr Effekt auf das Leben der Menschen.

Marko Juntunen
Marko Juntunen
Abb: Internationaler Comic-Salon Erlangen
Ich habe ungefähr ein Jahr in Larache verbracht und mich vor allem mit den Leuten in den ärmeren Vierteln beschäftigt, die mit den Auswanderern ihren Lebensunterhalt verdienen. Meine Arbeit hatte den Titel: „Zwischen Marokko und Spanien. Menschenschmuggel in der nördlichen marokkanischen Küstengesellschaft.“ Es ist eine sehr grundlegende Idee der Anthropologie, einen Ort zu untersuchen, aber eine eher neue Idee, nicht so sehr den Ort selbst zu untersuchen, sondern die Verbindungen zu anderen Orten wie eben Almeria in Spanien oder die Straßen von Barcelona.
Ville schlug vor, dass wir zusammen Orte besuchen, die ich immer schon besuchen wollte, die man aber nicht unbedingt alleine aufsuchen sollte, etwa die Plantagen in Almeria. Ich hätte es nicht gewagt, dort alleine hinzugehen. Es war ein großer Lernprozess für mich zu sehen, was nach der Migration passiert. Ich hatte mich mehr mit dem Hintergrund von Migration beschäftigt.

Ville Tietäväinen, die Idee zu dem Buch stammt also aus dem Jahr 2001. Es erschien im Jahr 2011. Jetzt ist es 2016. Hätten Sie damals erwartet, dass dieses Thema so lange so wichtig bleiben würde?
Tietäväinen: Nein, da hatte ich ganz naive Vorstellungen. Vor allem, weil ich ja schon vor der Veröffentlichung der Graphic Novel gemeinsam mit Marko ein paar Zeitungsartikel über die Situation in Almeria veröffentlicht hatte. Ich hatte erwartet, dass schon diese Artikel der finnischen Gesellschaft und der Politik die Augen öffnen würde. Wir hatten aber keine Ahnung vom Ausmaß der Dinge, die da auch innerhalb von Europa passieren – teilweise mit der Finanzierung der EU. Der größte Teil vom Obst und Gemüse, das zum Beispiel im Winter in Finnland verkauft wird, stammt aus Spanien. Wir sind alle mit den Vorgängen in dieser Region verbunden.

Juntunen: Es gab einen entscheidenden Punkt in den Jahren 2004/05. Da hat Spanien angekündigt, den Status von praktisch Hunderttausenden illegalen Einwanderern anzuerkennen. Das wurde in ganz Westeuropa gelobt. Aber als wir Almeria ankamen, haben wir begriffen, dass das ein kompletter Schwindel war. Die Mehrheit der Einwanderer, die in Spanien anerkannt wurden, waren Osteuropäer. Aber die Leute, die aus Südafrika kamen, von jenseits der Sahara, die seit Jahren versucht hatten, an diesem Prozess teilzuhaben, wurden als billige Arbeitskräfte gebraucht, sodass nur etwa jeder Zehnte von ihnen Papiere bekam. Da waren viele, die hatten schon seit drei Monaten dort gearbeitet und ihre Bezahlung nicht bekommen. Es war sehr schockierend zu sehen, dass Zehntausende ohne Papiere blieben und es ihnen praktisch unmöglich gemacht wurde, welche zu bekommen. Zum Beispiel wurde von ihnen ein Arbeitsvertrag verlangt, den die Besitzer der Plantagen und Gewächshäuser aber nur an acht oder zehn Prozent ihrer Arbeiter vergaben.

Tietäväinen: Uns wurde dann klar: Über dieses Thema eine Graphic Novel zu machen würde eine sehr langfristige Aufgabe werden. Doch wir hatten das Gefühl, als Augenzeugen eine Verantwortung zu haben, diese Geschehnisse publik zu machen, von denen damals in Finnland niemand etwas geahnt hat. Nachdem unsere Artikel erschienen sind, sind viele finnische Politiker und Mitglieder des Europaparlaments an uns herangetreten. Manche von ihnen sagten, es wäre von nun an ihre Priorität, diese illegale Ausbeutung zu stoppen.

Ich war also optimistisch, dass das Wissen um diese Tatsachen etwas bewirken würde. Inzwischen wissen wir, dass die Anzahl von illegalen Einwanderern die darunter leiden, keinen Status und keine Rechte zu haben, viel größer geworden ist. Und jetzt werden Asylsuchende und Flüchtlinge mit Menschen in einen Topf geworfen, die nicht aufgrund von Kriegen oder einer Dürre auswandern, sondern aus Armut und wegen dem Fehlen jeglicher Zukunftsperspektiven. Doch diese Menschen haben eben ganz andere Motive. Sie wollen gar nicht unbedingt Asyl haben, es geht ganz gut mit der Vorstellung, nach Europa zu kommen, ohne dort offizielle Mitglieder der Gesellschaft zu werden. Ich glaube, es sind relativ wenige Menschen, die damit rechnen, europäische Staatsbürgerschaften annehmen zu können. Und auch die Arbeitgeber, die Besitzer der Obstplantagen, haben kein Interesse daran, dass diese Menschen einen legalen Status bekommen. Es geht ihnen ja gerade darum, dass die so arm sind, dass man sie jede Art von Arbeit verrichten lassen kann, ohne Gesetze über Arbeitssicherheit etc. beachten zu müssen. In meinem Buch gibt es eine Agitatoren-Figur, die auch sagt, dass das Konzept der Häresie von der Inquisition erfunden wurde, weil es für sie bequem war. Ebenso bequem ist eben auch der Umgang mit diesen sogenannten Illegalen. Mit ihnen kann man machen, was man möchte.

Ist Rashid, die Hauptfigur der Geschichte, eine Persönlichkeit oder eher eine exemplarische Stellvertreterfigur für Sie gewesen?
Ersteres. Ich wollte kein Modell aller marokkanischen Männer aus ihm machen. Natürlich gibt es in ihm viele der Eigenschaften, die ich in diesen Menschen gesehen habe. Hauptsächlich wollte ich eine Figur schaffen, mit der ein europäischer Leser mitfühlen kann. Er ist so, wie wir in dieser Situation vielleicht auch sein würden. Ich wollte jede Art der Karikatur nordafrikanischer Menschen vermeiden. Obwohl die Geschichte fiktiv ist, sind viele echte Leben und Schicksale darin verarbeitet.

Rashid ist nicht der einzige Immigrant, den ich in dem Buch porträtiere. Es gibt etwa 100 verschiedene Figuren in der Geschichte, die alle gewisse Ausschnitte all der Geschichten repräsentieren, die ich und Marko gehört haben. Was mich an der Hauptfigur am meisten interessiert hat, war dieses zerbrechliche Selbstwertgefühl, das manche dieser Menschen haben, wenn es ihnen in Europa nicht erlaubt ist, sie selbst zu sein – oder überhaupt zu existieren. Was passiert mit der Persönlichkeit eines Menschen, der über Jahre so behandelt wird? Rashid zum Beispiel endet damit, all die Dinge zu tun, vor denen ihn sein Vater gewarnt hat, bevor er nach Europa ging. Es ist seine individuelle Reise und seine Veränderung, um die es geht, nicht um eine generelle Beschreibung von Marokkanern.

Gab es Momente während der langen Arbeit an dem Album, wo Sie Zweifel daran hatten, ob Sie sich nicht eine zu große Sache vorgenommen haben?
Ja, sehr viele. Vor allem während der Hintergrundrecherche. Bevor ich Marko getroffen habe, hatte ich oft keine Hoffnung, dass es mir jemals gelingen würde, das alles hinzukriegen. Schließlich hätte eine Geschichte wie diese keinen Wert, wenn sie nur aus meiner Phantasie kommen würde. Sie musste die Realität abbilden.
Das Skript sah zuerst auch ein Album von über 300 Seiten vor. Dann dachte ich: Dafür habe ich nicht das Durchhaltevermögen – und es wird auch niemals jemand veröffentlichen. Ich habe dann noch einmal um ca. 90 Seiten gekürzt. Auf eine sehr einfache Weise übrigens: Ich hatte aus Versehen nur die gekürzte Fassung gespeichert, sodass ich die 90 gekürzten Seiten gar nicht mehr rekonstruieren könnte. Es wird also auch keine Fortsetzung aus dem übrig gebliebenen Material geben.

Unsichtbare_Haende_Cover_NEU_webDer leichteste Teil war das Verfassen des Skripts nach der Recherche. Da hatte ich so viel spannendes Material, dass ich wusste, es würde eine Geschichte werden, die es wert war, erzählt zu werden. Sie hatte einerseits so viele Aspekte, dass ich immer wieder kürzen musste, um zum Kern der Geschichte zu kommen. Andererseits wusste ich, dass ich nicht nur den reinen Kern zeigen konnte.

Ich musste eine gewisse Atmosphäre erzeugen, sowohl im marokkanischen als auch im europäischen Teil der Erzählung. Es musste glaubhaft sein, es musste das Gefühl der vergehenden Zeit vermitteln. Und viele der Dinge, die im Buch gesagt werden, viele der Standpunkte, die darin zum Ausdruck kommen, konnten nicht von Rashid kommen – weil er sie nicht teilt oder über das nötige Wissen gar nicht verfügt.

All die verschiedenen Facetten davon, was zwischen Afrika und Europa passiert, mussten also von vielen Nebenfiguren eingebracht werden. Zum Beispiel von einem NGO-Vertreter, der dann ganz natürlich von Dingen reden kann, von denen die Immigranten in Almeria mit ihrer kümmerlichen Kommunikationsstruktur gar nichts wissen können. Dort wagt sich nur selten jemand von dem Platz fort, an dem man ihn angeheuert hat. Und die verschiedenen ethnischen Gruppen in Almeria tauschen sich auch kaum untereinander aus und sind auch sehr rassistisch und feindselig einander gegenüber. Jeder wirft dem anderen vor, noch schlimmere Arbeitsbedingungen und noch niedrigere Löhne zu akzeptieren, und damit wieder den Standard für alle zu senken. Es wäre also nicht genug gewesen, einfach nur den Standpunkt eines einzelnen Immigranten zu zeigen, um das Gesamtbild zu transportieren.

Das Buch zu zeichnen hat mich etwa drei Jahre gekostet. Nach den ersten zwei Monaten dachte ich: Verdammt, kann ich nicht jemanden anheuern, um den Rest zu zeichnen? Mein längstes Album davor hatte etwa 100 Seiten und keine so aufwendige Technik. Die ganze Zeit über hatte ich Angst davor, dass ich in ferner Zukunft, wenn ich am Ende des Buches angekommen wäre, die ersten Seiten wieder neu würde zeichnen müssen, weil sich mein Stil bis dahin verändert haben würde.

Haben Sie das Buch von vorne nach hinten gezeichnet?
Ja, da war ich sehr chronologisch. Ich muss immer einen Arbeitsprozess für mich abgeschlossen haben, ehe ich mit dem nächsten beginne. Wenn ich anfange zu zeichnen, will ich nichts mehr am Skript verändern müssen. Ich musste mich auf ein fertiges Skript verlassen. Das macht das Zeichnen zu einer sehr unspontanen Arbeit. Ich muss da immer an Hitchcock denken, der ja oft gesagt hat, dass er die Dreharbeiten hasste, weil er sich die Filme in seinem Kopf eigentlich schon fertig ausgedacht hatte.

Wie haben Sie denn den Stil für das Album entwickelt?
Zuerst war es mir wichtig, diese Welt der illegalen Immigranten glaubhaft darzustellen. Ich habe viele Referenzbilder verwendet, die ich während meiner beiden Reisen gemacht hatte. Ich wollte aber keinen bestimmten Ort darstellen, sondern eher die essenziellen Aspekte und die Atmosphäre herausdestillieren. Wie ist es in diesen Armenvierteln von Marokko? Wie ist es in Almeria? Natürlich gibt es noch ein paar bekannte, wiedererkennbare Orte, zum Beispiel gewisse Plätze in Barcelona, die ich zeigen musste, wie sie sind, um den erfundenen Locations die gleiche Glaubwürdigkeit zu verleihen. Die Kleinstadt, in der Rashid lebt, ist dagegen eine Mischung aus Larache und Tanger und ein paar anderen Städten. Marko hat später ein paar meiner Bilder mit nach Marokko genommen und sie dort den Leuten gezeigt. Die dachten tatsächlich, die wären aus ihrem Viertel. Das zu hören, war natürlich toll.

Als Nächstes war mir klar, dass ich Marokko und Europa visuell klar voneinander trennen musste. Da habe ich mit komplementären Farben gearbeitet. Einmal mit Rottönen, die sich dann in Europa in Grüntöne verwandeln. Am Anfang hatte ich auch noch die etwas verkünstelte Idee, dass auch Rashids Farben sich im Lauf der Geschichte verändern würde, dass er in der Kombination von marokkanischen und europäischen Farben am Ende grau werden und damit seine Identität verlieren würde. Glücklicherweise bin ich da rechtzeitig zur Vernunft gekommen.

Auch die Wahl des Mediums selbst, also der Ölpastellfarben und der Wasserfarben hat eine symbolische Bedeutung: Öl und Wasser vermischen sich nicht. Wie Immigranten und Europa. Diese Technik hatte ich in einer meiner Illustrationen für ein anderes Projekt entwickelt und hielt es für das Richtige für diese Geschichte. Sie sollte nicht zu glatt aussehen, ich mochte die manchmal sehr überraschenden Texturen, die bei dieser Methode entstehen und dem Album eine einheitliche Anmutung geben.

In welchem Format arbeiten Sie?
Ich arbeite auf A3, also anderthalb Mal größer als die fertigen Seiten. Größer wollte ich es nicht machen, weil ich faul bin und es auch nicht zu detailliert machen wollte. Die zufälligen Texturen, die durch die Mischung der Materialien entstanden, haben für mich ausgereicht. So konnte ich mit den Outlines lockerer umgehen und trotzdem die Anmutung von Detailliertheit erreichen.

Wie haben sie die Figuren entworfen? Gab es konkrete Vorbilder?
Wie gesagt hatte ich sehr viele Fotos auf unseren Reisen gemacht. Ich wusste, dass ich Dutzende verschiedener Figuren würde zeichnen müssen, die sich alle voneinander klar unterscheiden mussten. Ich habe dann so eine Art von Fahndungsfotos mit etwa 100 Figuren gemacht, einmal von vorn und einmal seitlich. Obwohl das irgendwo ja auch Karikaturen von realen Menschen waren, habe ich versucht, gewisse Stereotypen herauszuarbeiten. Rashid ist eine Mischung von vielen verschiedenen Menschen, die ich in Finnland und in Marokko getroffen habe. Alle seine Eigenheiten und Gesten waren mir irgendwie vertraut. Sie kamen von Menschen, zu denen ich irgendeine Verbindung hatte.

Unsichtbare Hände Leseprobe
Unsichtbare Hände Leseprobe
Abb: Avant-Verlag
Normalerweise hat man es bei Comicgeschichten nicht mit solchen epischen Reisen zu tun. Die Figuren verändern sich nicht so sehr wie eben Rashid. Er wird von einem marokkanischen Durchschnittstypen zu einer entrückten Figur. Daher musste ich sehr genau wissen, was die essentiellen Aspekte seiner Physiognomie sind. Die musste ich immer im Kopf haben, je nachdem, ob er sich rasiert oder eben nicht mehr, und wenn man am Ende seine inneren Qualen auch in seinem Gesicht sieht.

Haben Sie diese verschiedenen Stadien der Figur vorher ausprobiert?
Ich habe mir sogar eine Tonskulptur von seinem Gesicht gemacht, um mir sozusagen eine 3D-Version seines Kopfes selbst im Kopf einzubrennen. Natürlich konnte ich diese statische Figur nicht immer als Vorlage benutzen, weil sie keinerlei Ausdruck hatte. Ich hatte aber schließlich eine gewisse Routine im Kopf, wie Rashid beschaffen ist. Und ich konnte mir ansehen, wie er in verschiedener Beleuchtung aussieht. Natürlich habe ich bei den anderen Figuren nicht so einen Aufwand betrieben.

Auf dem Klappentext der deutschen Ausgabe heißt es, dass Ihr Buch Kontroversen auslöste, als es in Finnland erschienen ist. Worum ging es dabei?
Da ging es weniger um das Buch selber als umso mehr um die Artikel, die Marko und ich in einer großen finnischen Tageszeitung veröffentlicht hatten und die von etwa einem Drittel der finnischen Bevölkerung gelesen wird. Durch unsere Recherche waren Marko und ich unbeabsichtigt die Einzigen in Finnland, die von diesem ganzen Thema etwas wussten. Also wurden wir ständig nach Interviews gefragt.

Die größte Kontroverse, die mein Buch dann noch hervorgerufen hat, war eine ganze andere. Da ging es eher um die Frage, ob man eine Graphic Novel für den größten finnischen Literaturpreis einreichen kann, und ob Comics als Literatur gelten können. Dieser Debatte zu folgen war komisch und frustrierend zugleich. Ich war auf jeden Fall sehr geschmeichelt, dass mein Verleger zumindest versucht hat, mein Buch einzureichen. Und das war natürlich auch tolles Marketing für mich. Ich hatte ja Angst, dass niemand so ein dickes Buch über so ein weit entferntes Thema kaufen würde. Aber schon im Jahr des Erscheinens gab es vier Auflagen, was eine große Überraschung war. Es hat sich, glaube ich, in Finnland doppelt so viel verkauft wie in allen deutschsprachigen Ländern. In dem Jahr gab es über mein Buch mehr Presse als über jedes andere Buch in Finnland. Für einen Comic war das ein Riesenerfolg.

Arbeiten Sie derzeit an etwas Neuem?
Ich warte gerade auf das Skript meines Arbeitskollegen Iiro Küttner, dessen Stoff ich optioniert habe. Er ist eigentlich ein Drehbuchautor, mit dem ich in den letzten Jahren an ein paar illustrierten Büchern gearbeitet habe. Er hat noch nie für einen Comic geschrieben, aber ich habe ihm erklärt, dass das genauso ist wie ein Filmdrehbuch: Man beschreibt die Figuren, die Orte, die Szenen und den Dialog. Ich habe eine seiner Synopsen gelesen, die mich total gefesselt hat: eine neue Version der Arche Noah. Ich will daraus aber keine 200 Seiten machen. Ich hoffe sehr, dass ich die Zeichnungen innerhalb von einem Jahr hinkriege.

Nach ›Unsichtbare Hände‹ habe ich noch eine Art Comicbilderbuch gemacht, das sehr schwer einzuordnen ist. Ich habe das Buch mit meiner damals sechsjährigen Tochter zusammen gemacht. Es geht darin um ihre Alpträume, die sie im Alter von drei bis sechs Jahren hatte. Sie hat mich immer aufgeweckt und mir die Geschichten erzählt, und die waren so bizarr, dass ich dachte, sie müssten als Buch veröffentlicht werden. Aber damit das authentisch ist, mussten wir sie beide zeichnen. Sie war schließlich die Einzige, die wirklich wusste, wie ihre Alpträume aussahen. Ich habe dann eher versucht, die Szenerie darum herum zu erschaffen. Und dann gibt es kurze Comicsequenzen, die dokumentieren, wie wir beide nachts über ihre Alpträume diskutieren. So eine Art von Buch würde von jetzt an gerne immer machen: 32 Seiten, die einen ein Jahr beschäftigen, in sich abgeschlossen sind und nicht so unüberschaubare Auswüchse mit sich bringen.

Wird das jemals in Deutschland erscheinen?
Weiß ich nicht. Es war leider kein Verkaufsschlager. Allerdings wird es dieses Jahr in Dänemark erscheinen. Ironischerweise hat es in Finnland einen Preis für seine Exportierfähigkeit bekommen. Aber es ist schwer zu verkaufen, weil es im Buchladen dafür keine Regale gibt. Es ist kein Comic, es ist nicht einmal Fiction. Es ist ja fast eine Art Dokumentation. Eine Kollegin von mir meinte, sie würde es eher in der Abteilung für Selbsthilfebücher aufstellen. Leider ist die ganze Buchbranche ungeheuer konventionell ausgerichtet. Wenn man mit einer völlig neuen Idee daherkommt, hat man es nicht leicht. Es ist schon schwer dem breiten Publikum klar zu machen, dass ein Bilderbuch nicht für Kinder sein muss. Die Verleger scheinen die Idee zu haben, dass man als Autor schon eine Zielgruppe im Kopf haben sollte. Das habe ich nicht. Meine Zielgruppe bin ich. Ich mache Bücher, die ich selbst gerne lesen würde.

Vielen Dank für dieses Gespräch

| BORIS KUNZ

Reinschauen
›Unsichtbare Hände‹ – vorgestellt in TITEL kulturmagazin

Tags: