Steife Finger

in Jugendbuch

Jugendbuch | Claudia Schreiber: Solo für Clara

Ein besonderes Talent zu haben, ist großartig. Es ausüben zu können ohne mehr Grenzen, als das Gegebene einer setzt, fast ein Wunder. Aber alles hat zwei Seiten, der einen Freud ist bekanntlich anderer Leid. Daraus könnte man eine großartige Geschichte machen. Allerdings darf man sie nicht mit so steifen Fingern schreiben, wie Claudia Schreiber es hier in ›Solo für Clara‹ tut. Von MAGALI HEISSLER

Claudia Schreiber - Solo für Clara 350Clara ist fünf, als sie zwei Dinge entdeckt, die sie nie mehr loslassen. Das eine ist das Klavierspielen, das andere, wie gut es tut, im Mittelpunkt zu stehen. Ihre Eltern stehen ihrem Talent fürs Klavierspiel mit gemischten Gefühlen gegenüber. Sie sind beide unabhängige Geister, mit anspruchsvollen Berufen, sie haben nicht einmal eine gemeinsame Wohnung. Clara lebt mal bei der einen, mal beim anderen. Ihr ist das gleichgültig, Hauptsache, sie kann Klavierspielen.

Aber Talent muss gefördert werden, das Familienleben muss sich auf längere Sicht Clara anpassen. Die gemeinsame Wohnung muss sein, dann, eine richtig große Belastung, ein Flügel. Der Erfolg bei Wettbewerben und der Beginn der Ausbildung zur Pianistin scheinen Clara recht zu geben.

Die Ausbildung aber erweist sich als schwieriger, als Clara gedacht hat. Nicht nur die meisterliche Beherrschung des Instruments steht auf dem Lehrplan, sondern auch die seelische Belastung durch die kruden Seiten einer Schulung, die ausschließlich darauf ausgerichtet ist, die Beste der Besten zu werden. Claras Wille scheint ebenso eisern wie ihr Herz, wenn es darum geht, sich durchzusetzen. Bis sie eines Tages ausrutscht und hinfällt. Eine Hand nimmt Schaden. Zeit also, Bilanz zu ziehen. Nun muss sich zeigen, wie es wirklich bestellt um den Willen und um das Herz.

Der Herausforderung nicht gewachsen

Schreiber lässt Clara erzählen und schon damit beginnen die Probleme. Man hört nicht eine Sechzehn-, Siebzehnjährige, die wiedergibt, was sie in den letzten elf Jahren erlebt hat, gleich ob aus der fiktionalen Gegenwart oder vom ebenso fiktionalen Früher erzählt wird. Man hört im Gegenteil eine Automatenstimme, die in gleichbleibendem Tonfall losleiert und 260 Seiten später erst von dem Wort »Ende« gestoppt werden kann.

Eine Figur wie Clara zu gestalten, ist eine Herausforderung, die man allerdings erst einmal erkennen muss, bevor man sie annimmt. Das Mädchen ist ein einsames Kind, das Hin und Her zwischen den Eltern, zwischen Deutschland und den Niederlanden, zwei Sprachen, unruhiger Alltag bei der Journalisten-Mutter in Köln, unruhiger Alltag beim Lektoren-Vater in Amsterdam, verkraftet sie bei Weitem nicht so gut, wie das moderne Leben es propagiert. Das Klavier bietet Sicherheit, etwas Solides, das nur ihr gehört. Das Spielen ist zudem etwas, das ihr die volle Aufmerksamkeit ihrer Eltern sichert und darüber hinaus weiterer zahlreicher Menschen. Das ist für Clara das beste Mittel gegen die innere Einsamkeit.

Statt aber dieses Charakterbild, das Schreiber selbst in den ersten Sätzen anlegt, weiter auszuführen, erliegt sie der Versuchung, von all dem zu berichten, was sie längst kennt.
Also sind die Seiten gefüllt mit stereotypen Beschreibungen von Orten und Menschen, Kölner Lokalkolorit, einem halben Dutzend neckischer Verneigungen in Richtung WDR, niederländischen und englischen Sprachbrocken, Betrachtungen zum modernen Familienleben, zu Teenagerlust und –leid und Lebensphilosophie im Allgemeinen von einer Tiefe, die selbst einen kurzen Fingernagel aussehen lässt wie die Kralle eines Vamps.
Clara gerät bereits auf wenigen Seiten schon zu einem egoistischen Monster, das ihre Umgebung, vor allem ihre peinlich naiven Eltern, rund um die Uhr manipuliert. Am Ende, nachdem Clara jahrelang gemacht hat, was sie will, wird sie, mit sechzehn, für erwachsen und reif erklärt, endlich zu machen, was sie will.

Unsympathische Heldinnen sind etwas Feines, nicht nur in Jugendbüchern. Aber eine versehentlich unsympathische geratene Heldin ist unerträglich, weil einfach nicht lebensecht.

Da war noch was

Das andere große Thema der Geschichte ist Musik. Daran schreibt die Autorin aber bedauerlicherweise ebenso vorbei wie am Psychogramm ihrer Protagonistin.

Nicht dass Musik nicht genannt würde. Aber ihr Kern, das Wesentliche fehlt. Clara spielt Klavier, sie betätigt Tasten und Pedale. Was das, was da an Tönen herauskommt, für sie bedeutet über die schlichte Folge hinaus, dass sie im Mittelpunkt steht, kommt nicht zur Sprache. Musikstücke werden nicht erarbeitet, sie haben offenbar keine innere Struktur, keine Zusammenhänge, keine Folgerichtigkeit.

So, wie Clara beschrieben wird, ist sie keine Musikerin. Lange Zeit lernt sie nicht einmal Noten lesen, das macht ihr keinen Spaß. Sie spielt Stücke nach dem Gehör nach. Ihre Fingerfertigkeit entwickelt sich, nicht ihr Innenleben. Die viel beschworene Begabung ist eine für mechanisch-sportliche Leistungen, keine künstlerische. Als sie ihre rechte Hand verletzt, spielt sie, die bis dahin vor allem Mozart und das herkömmliche banale klassische Repertoire gespielt hat, mal eben Skrjabins Nocturne für die linke Hand. The Show must go on.

Was sonst über Musikalisches erzählt wird, ist der handelsübliche klischeetriefende sentimentale Nonsens. Töne sind golden, besonders, wenn der Flügel die Aufschrift Steinway&Sons trägt. Mit dem einen und anderen Großen der Komponistengeschichte kann man sich in drolligen erfundenen Gesprächen auf der Klavierbank ergehen. Klavierlehrerinnen sind albern, außer wenn sie aus Russland stammen. Dann sind sie streng und legen Wert auf Technik. Wer Meisterklassen unterrichtet, ist bestechlich. Man kann nicht entscheiden, ob hier ein ahnungsloses Publikum bloß nicht überfordert werden soll oder ob die umfassende Ahnungslosigkeit, was Musik und leider auch das Instrument angeht, bei der Autorin liegen.
Die Ausbildung wird bestimmt von Claras Dickkopf und Uneinsichtigkeit sowie einem Konkurrenzkampf, der sich bei näherem Hinsehen als bloßer Zickenterror entpuppt. Das Wenige, was sie an Komponisten interessiert, sind G’schichterln. Die Interpretation von Schumanns Carnaval etwa ist allerliebst, lässt sich problemlos bei Wikipedia nachlesen und sagt über den musikalische Struktur dieses Ensembles kleiner Stücke gar nichts.

Ein Vorbild als künftige Pianistin hat Clara nicht, andere Solistinnen und Solisten hört sie nicht an, besucht keine Konzerte, sie ist sich selbst genug. Erst zum Ende trifft sie eine, die sie beeindruckt, diese spielt auch virtuos und mit viel Gefühl. Behauptet jemand im Buch.

Das Gefühl, das mit Worten eindeutig nicht vermittelt wird hier, liefern Musikstücke, die man sich beim Lesen mittels QR-Code direkt ins Ohr holen kann. Nett. So modern. Man lauscht, man fühlt. Wozu braucht man da eigentlich noch Worte?

Sehr traditionelle Geschichte über eine, die um jeden Preis berühmt werden will und am Ende recht glücklich wird. Irgendwie mit Musik. Zum Mithören. Eine ausgezeichnete Covergestaltung wurde leider wieder einmal verschenkt.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Claudia Schreiber: Solo für Clara
München: Hanser 2016
272 Seiten, 16,90 Euro
Jugendbuch ab 13 Jahren
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