Junge Pionierinnen und Pioniere

in Jugendbuch

Jugendbuch | Literarisches SchülerInnenquartett, 23. September 2016

Vier Jugendliche diskutieren über vier Bücher. Öffentlich. Vorbild war das fernsehgeeignete Literarische Quartett. Herausgekommen ist kein Fernsehen und auch kein Streit. Im Gegenteil haben sich die Jugendlichen auf dem Podium als Pionierinnen und Pioniere auf einem ganz anderen Gebiet gezeigt, dem eines echten Gesprächs über Bücher. Von MAGALI HEISSLER

Jugendbücher werden in der Regel nicht von ihrem Zielpublikum in die Öffentlichkeit beurteilt. Das ist eine bekannte, oft wiederholte, vielfach beklagte, begründete, umstrittene und dennoch unumstößliche Tatsache. Hin und wieder kommt es vor, dass die eigentlichen Leserinnen und Leser gebeten werden, sich öffentlich zu ihrer Lektüre äußern. Das braucht eine Menge Mut, aufseiten der Jugendlichen wie aufseiten der Erwachsenen, die das ermöglichen. Ganz besonders braucht es die Bereitschaft, neue Wege zu gehen.

In einer recht neuen Reihe des Salons der Berliner Karl-Marx-Buchhandlung wurde es nach vielen Bemühungen und beträchtlichem Vorlauf möglich. Zwei Schülerinnen und zwei Schüler einer 11. Klasse des Barnim-Gymnasiums in Berlin-Lichtenberg haben sich bereitgefunden, als Literarisches Schülerquartett auf einem Podium Platz zu nehmen.

Rick Riordan - Der FeuerthronDie Buchauswahl war frei. Herausgekommen ist zweimal Fantasy bei den Jungen, zwei »Problembücher« bei den Mädchen. Wer jetzt an Geschlechtertypisches denkt, irrt. Überhaupt mussten an diesem Abend Vorannahmen bezüglich des Leseverhaltens Jugendlicher in der Schachtel unnützer Vorurteile bleiben.
Das zeigten bereits die Fantasy-Titel. Zum einen ein actionreiches Götter-und-Heldenszenario stracks aus dem klassischen Abenteuerbuchgenre (Rick Riordans ›Die Kane Chroniken‹) auf der anderen Seite Andrzej Sapkowskis ›Das Erbe der Elfen‹, Teil der Geschichten um den Hexer Geralt, aus dem ebenso klassischen Bereich der Märchen und Volkssagen. Letzteres ist kein Jugendbuch, worüber die drei anderen beim Lesen auch gestolpert waren, ohne sich allerdings abhalten zu lassen. Dass das Gewinn brachte an Erkenntnis, neuen Gedanken, für die Argumentation und den Enthusiasmus bewies die Diskussion immer wieder.

Auf der anderen Seite standen Themen zu Sterben und Tod im ganz normalen Leben. Einmal Patrick Ness, nach der Idee von Siobhan Dowd, ›Sieben Minuten nach Mitternacht‹, zum zweiten Jennifer Niven, ›All die verdammt perfekten Tage‹, das aktuellste unter den vier Büchern.

Eine bunte Mischung, aber sie ergab am Ende eine faszinierende Einheit. Das war nur eine der Leistungen des Quartetts.

Eine Geschichte muss eine Fußspur in einem hinterlassen

Von knappen Leseproben und den Inhaltsangaben kam man auf dem Podium bewundernswert schnell zu dem, was eine Geschichte ausmacht. Die Sprache stand gleich im Vordergrund, ein Thema, bei dem Sapkowskis stark ironischer, nahezu barock ausufernder Stil kräftig moniert wurde zugunsten einer klaren, zeitgemäßen Ausdrucksweise mit deutlich erkennbarem Humor und direktem Zugang zur Gefühlswelt der Figuren. Bei der Figurengestaltung ergab sich, wie wichtig es ist, beim Lesen Empathie zu entwickeln, möglichst schnell. An diesem Punkt gewann etwa Sapkowski dazu, Riordan mussten sich den Vorwurf der Oberflächlichkeit gefallen lassen, Niven war eindeutig Siegerin mit Violet und Finch. Ness fiel zurück, da er bei seinem Protagonisten Conor viel offen lässt. Eine literarisch-ästhetische Entscheidung, die dem Publikum ordentlich zu knabbern gibt.

Zustimmung in hohem Maß fand das Ausmalen von Details, wann immer spürbar wurde, dass Autorin und Autor es mit Überzeugung und Liebe getan haben. Diese Möglichkeit zur Identifizierung nicht nur mit den Figuren, sondern mit ihrem gesamten Umfeld brachte die kleine Gruppe genau dahin, wohin sich eine Autorin ihr Publikum wünscht, zur besonderen Zuneigung zu eben diesem Buch. Nicht rasende Spannung, nicht flotter Schlagabtausch in den Dialogen, nicht geradliniger Handlungsablauf, nicht Aktualität entschieden, sondern der Ton der Geschichte, die Hingabe von Erzählerin und Erzähler an ihre Welt.
»Eine Geschichte muss eine Fußspur in einem hinterlassen«, sagte eine Schülerin schon bald nach Beginn der Diskussion und dieser Satz, um so eindrucksvoller, weil er spontan geäußert wurde, wurde unvermutet zum Kern des Ganzen.

Literarisches Quartett?

Ein ›Literarisches Quartett‹ herkömmlicher Art war es nicht, was hier präsentiert wurde. Vermisst hat das niemand. Es gab so viel mehr. Es gab ein echtes Gespräch, ein Geben und Nehmen, Behaupten und Zugestehen, mit einer Fairness und Rücksichtnahme, die man sich häufiger wünscht. Die Atmosphäre war eine vertrauensvolle und das lag nicht allein daran, dass der Kreis der Zuhörerinnen und Zuhörer ein kleiner und weitgehend bekannter war. Es lag am Gegenstand Buch sowie der Begeisterung für gute Geschichten.

Jennifer Niven - All die verdammten perfekten TageOhne über fachkritisches Instrumentarium zu verfügen, streiften die Jugendlichen allein durch die Konzentration auf ihren Gegenstand viele der »großen« Themen. Authentizität, Action versus Reflexion, Moral, Archetypen, die Conditio humana. Noch im Oberflächlichsten wurden »richtige Themen« gesucht und gefunden. Familienbeziehungen, etwa, Zuneigung unter Geschwistern, Solidarität, Ablehnung von Rassismus, überhaupt Ungerechtigkeit. Der Vermittlung von Sachwissen wurde beträchtliche Bedeutung zugesprochen. Gleich, ob die Welt antiker Göttinnen und Götter, schwere Krankheiten und die psychischen Folgen für Betroffene, der Blick auf eine Ständegesellschaft in einer magischen Welt oder eine Diskussion über Selbsttötung, die Anregung zur Lektüre in der Originalsprache, die Möglichkeit Neues zu lernen scheint wesentlich.

Betrachtet man das Ganze vom Angebot an Jugendbüchern aus, ist man geneigt zu sagen, dass die Verlage offenbar etwas richtig machen. Das ist die Vielfalt, mit der wesentliche Themen immer wieder aufs Neue angeboten werden. Wie in der Literatur eben auch. Jugendbücher sind ein Teil davon, das haben die vier Schülerinnen und Schüler, ungewollt, wieder einmal gezeigt.

Was sie vor allem gezeigt haben, ist, dass ein Gespräch über Bücher möglich ist. Ohne Posen, ohne Ziererei, mit Begeisterung und Offenheit. Zivilisiert eben. Lesen ist eben eine Kulturtechnik. Man kann gar nicht früh genug damit anfangen. das gilt auch für Gespräche darüber.

| MAGALI HEISSLER

Das Kinder- und Jugendbuch im Salon KMB
Literarisches Schülerquartett
23. September 2016

Die vorgestellten Titel
Rick Riordan: Die Kane-Chroniken, Band 1: Die rote Pyramide
(The Red Pyramid, 2011) Übersetzt von Claudia Max
Hamburg: Carlsen 2014
608 Seiten, 10,99 Euro
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Band 2: Der Feuerthron
(The Throne of Fire, 2012) Übersetzt von Claudia Max
Hamburg: Carlsen 2015
528 Seiten, 10,99 Euro
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Band 3: Der Schatten der Schlange
(The Serpent’s Shadow, 2012) Übersetzt von Claudia Max
Hamburg: Carlsen 2016
464 Seiten. 9,99 Euro
Jugendbuch ab 12 Jahren
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Andrzej Sapkowski: Das Erbe der Elfen
(Krew elfow). Übersetzt von Erik Simon
München: dtv 2009
380 Seiten, 14,90 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander
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Patrick Ness & Siobhan Dowd: Sieben Minuten nach Mitternacht
(A Monster Calls, 2012) Übersetzt von Bettina Abarbanell
München: Goldmann 2013
192 Seiten, 8,99 Euro
Jugendbuch ab 12 Jahren
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Jennifer Niven: All die verdammt perfekten Tage
(All the Bright Places, 2015). Übersetzt von Alexandra Ernst
Wiesbaden: Limes Verlag 2015
400 Seiten, 14,99 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander
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