Legenden sind resistent gegen die Trivialitäten des Details

Kulturbuch | Frederick J. Spencer: Jazz and Death

Jazz and Death Wollen wir das eigentlich wirklich so genau wissen? Vermutlich ist Billie Holiday im Manhattan Hospital am 17. Juli 1959 deswegen gestorben, weil sie sich, von Leberzirrhose und Herzschwäche eh schon stark angeschlagen, ein paar Dollarscheine in die Vagina geschoben, dadurch den dort angebrachten Katheder infiziert hat, der das Ganze an die Blase und schliesslich an die Nieren weitergeben hat, was letztlich zu einer tödlichen Nierenentzündung führte. Es war rein medizinisch sogar noch komplizierter, aber das schenken wir uns jetzt. Von THOMAS WÖRTCHE

Jazz and DeathBillie Holiday aber, so wussten wir doch alle und wollten es wegen der kruden Romantik gerne glauben, ist an den Folgen von Suff und Drogen und Rassismus und Armut und Elend und Gewalt krepiert, präziser: An den Umständen, denen Junkies in den rigiden Fifties ausgesetzt waren, noch präziser: Schwarze Junkies, deren gleichzeitige Berühmtheit manchen WASPS arg auf die Nerven ging. Und der Jazz lebt von Mythen, denn sein Faszinosum liegt immer noch in dem allerdings leiser werdenden, aber immer noch subkutan vorhandenen Verdacht, er könnte doch die Musik von Laster und Verbrechen sein.

Die Legenden und Mythen der »grossen Tragischen« von Charlie Parker, Howard McGhee, Bud Powell, Bessie Smith & Co. aber sind resistent gegen die Trivialitäten des Details.

Das wollte der Medizin-Professor Frederick J. Spencer von der University of Mississippi so nicht stehen lassen und wühlte sich jahrzehntelang durch Obduktionsberichte, Totenscheine und Fallgeschichten berühmter Jazz-Musiker, um Legenden entweder zu bestätigen, zu widerlegen oder sie zumindest auf den Boden der Tatsachen zu holen. Herausgekommen ist dabei ein wunderliches, manchmal albernes, auf jeden Fall aber ein Buch, das unsere aller Neugierde und unseren aller Voyeurismus prächtig bedient. Ich habe das Buch wochenlang offen im Büro und zu Hause herumliegen lassen, und mit dem Ruf »Wollen mal sehen…« stürzten sich alle lieben Menschen ungefähr in dieser Reihenfolge auf die einzelnen Kapitel:

»Bombenangriff«: Der Hit, aber nur mit zwei nicht sehr bekannten Opfern – Al Bowlly, der Sänger bei Ray Noble war – und Ken »Snake Hips« Johnson, auch ein Sänger. Gefolgt von »Syphilis«, mit Scott Joplin, Andy Razaf, Louis Chauvin, und Tony Jackson schon besser, aber nicht überwältigend besetzt. »Selbstmord« hat mit Frank Rosolino, Sonny Criss, J.J. Johnson und Jack Purvis die grösseren Namen zu bieten, wobei Albert Ayler eigentlich in die Kategorie »Ungelöste Fälle« gehört, die mit Chet Baker und Wardell Gray sehr prominent ausgestattet ist. Arg spektakulär natürlich auch »Mord« mit richtig grossen Nummern wie Pinetop Smith, Chano Pozo, Lee Morgen, Jaco Pastorius, Sonny Stitt, Jaki Byard. Eddie Jefferson, Adrian Rollini, Freddie Webster oder Al Killian.

Hat man alle diese wahrlich nicht jazz-typischen Fälle durchgeblättert und hinreichend oft »ach, der auch!« und »sieh mal an, das wusst ich nicht!« gerufen und viel gelernt, bleibt die Erkenntnis, dass auch Jazz-Musiker an Dingen sterben, wie andere Menschen auch: An Krebs, Lungenentzündung, Tuberkulose, Mumps etc.etc. Ein grosser Vorzug von Spencers Buch ist es, genau diese banale Normalität sichtbar zu machen.

Da, wo das Klischee von lasterhaften Jazzer danach schreit, quantitativ belegt zu werden, sagen seine Akten etwas anderes. Nämlich bei den Kapiteln »Drogen« und »Alkohol«, die nur durch den sehr amerikanischen Zusatz »abuse« einen etwas pädagogisch-drohenden Unterton bekommen. In diesen Fällen ist Spencer überraschenderweise un-amerikanisch, weil er immer wieder darauf hinweist, dass nicht die Drogen, sondern die Bedingungen ihres Gebrauchs Leute umbringen. Ebenfalls sehr sinnvoll sind seine dauernden Hinweise darauf, dass Jazz sehr wohl und trotz aller Reinwaschversuche benevolenter Musikfreunde, eine Musik von ganz unten ist, eine Musik, deren Voraussetzung die wirtschaftlichen Umstände der Prohibition (vulgo: Mafia finanziert guten Jazz) war, und deren Umfeld auch heute von den jeweiligen Konjunkturen der zwangsweise illegalen Bedürfnisbefriedung bestimmt wird: Der Linie von Marihuana über Alkohol zu Kokain und Heroin ist auch die Linie der Profite, die mit den jeweiligen temperenzlerischen Dogmen möglich gemacht wurden und werden.

Insofern ist ›Jazz & Death‹ dann doch nicht nur ein makabres und schwarzhumorig-lustiges Buch, sondern eine sehr interessante Kontextstudie zum Jazz. An manchen Stellen allerdings unnötig verklausiert, so mag es uns in Europa vorkommen. Aber vermutlich muss man das im puristischen Amerika zur Zeit so anlegen.

| THOMAS WÖRTCHE

Titelangaben
Frederick J. Spencer, M.D.: Jazz and Death
Medical Profiles of Jazz Giants
University Press of Mississippi/Jackson 2002
(American Made Music Series)
311 Seiten, $35.00

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