Echter Geheimtipp

Kinderbuch | S. Collins: Gregor und die graue Prophezeiung

Wovor sich die meisten Menschen ekeln und was auch Gregor widerlich findet, begeistert eine Zweijährige. Und ANDREA WANNER

Graue ProphezeiungDer Name Gregor in Verbindung mit Insekten wird die meisten erwachsenen Leser ganz sicher an das morgendlich Erwachen des Gregor Samsa erinnern, der sich nach unruhigen Träumen zu einem »ungeheueren Ungeziefer verwandelt« findet. Kafkaeske Albträume im Hinterkopf kostet es schon ein bisschen Überwindung, einen unverwandelten Jungen gleichen Namens und seine kleine Schwester auf einen riesigen Kakerlak stoßen zu sehen. Gregor hatte nur im Keller Wäsche gewaschen, als die zweijährige neugierige Boots plötzlich in einen Lüftungsschacht stürzt. Für ihn ist sofort klar: Er muss sie da rausholen.

Nicht im Traum hätte er mit einem Sturz in bodenlose Tiefen gerechnet – an dessen Ende sie ein etwa ein Meter zwanzig großes Krabbeltier erwartet, das auch noch sprechen kann. Wovor sich die meisten Menschen ekeln und was auch Gregor widerlich findet, begeistert die Zweijährige.

»Grooooßer Käfer!« ruft sie ein ums andere Mal begeistert – und rettet damit wahrscheinlich damit den beiden das Leben. Denn die Kakerlaken – und es sind viele, die dort unter der Erde leben – haben die Wahl: Die beiden Ankömmlinge entweder an die Unterländer oder an die Ratten zu verkaufen. Noch ahnt Gregor nicht, welch unbeschreibliches Abenteuer ihn in Unterland, jener Welt mit eigenen Regeln und Gesetzen, erwartet. Menschen, Nachfahren einer Gruppe von Engländern, die im 17. Jahrhundert ein Reich unter der Erde errichteten, Kakerlaken, Spinnen, Feldermäuse und Ratten haben sich ein Leben im Dunkel eingerichtet. Eine geheimnisvolle Prophezeiung, in Stein gemeißelt, hat dem „Sohn der Sonne“ eine besondere Rolle im Kampf der Unterländer gegen die Ratten zugedacht. Und der Sohn der Sonne, davon sind die Unterländer überzeugt, ist Gregor.

Genau, winzige Details registrierend und realitätsnah hat Kafka den in einen Käfer verwandelten Handelsreisenden beschrieben. Auch Suzanne Collins hat sich Kakerlaken, Spinnen, Fledermäuse und Ratten genau angeschaut, Tiere, die wir gemeinhin als »Ungeziefer« abtun. Sie verniedlicht nicht, inszeniert aber auch keine Horrorszenarien (was bei diesem »Personal« ein Leichtes wäre). Handwerklich solide Spannung erwartet den Leser – und zur Entlastung, wenn es denn doch mal zu widerlich zu werden droht, gibt es Boots. Der Charme dieses Kleinkindes, das zu allen Lebewesen gleichermaßen freundlich ist, ist schlichtweg umwerfend. Abenteuer haben schon an vielen Orten stattgefunden: die versteckte Welt unter New York (wo auch die Autorin mit ihrer Familie lebt) ist ein echter Geheimtipp!

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Suzanne Collins: Gregor und die graue Prophezeiung
Deutsch von Sylke Hachmeister, Vignetten von Joachim Knappe
Hamburg: Oetinger 2005
304 Seiten, 13,90 Euro
Kinderbuch ab 11 Jahren
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