Trauerarbeit

Kinderbuch | Tom Kelly: Die Sache mit Finn

Alles ist anders seit der Sache mit Finn. So anders, dass der 10jährige Danny es zu Hause einfach nicht mehr aushält. Er kauft sich eine Zugfahrkarte und reist ans Meer, dorthin wo er mit Finn zusammen glücklich war. Von ANDREA WANNER

FinnFür ein Kinderbuch lässt der Autor Tom Kelly seine Leser erstaunlich lange im Unklaren. Irgendetwas ist geschehen. Nur was? Wir erfahren von Dannys Angst, in die sich aber auch Spannung und Neugierde mischt. Wir erfahren von seiner Wut und seiner Trauer. Er hat wohl einen »ausgestopften Otter platt gemacht«.

Das ist sicher keine Tat, für die Eltern ihre Kinder loben, aber auch kein Grund für einen endgültigen Abschied. Danny erinnert sich. An Zeiten, in denen noch alles in Ordnung war. In denen in der Familie gelacht wurde. Diese Zeiten sind vorbei. Mit Finn verschwunden.

Schritt für Schritt begleiten wir Danny bei seiner Trauerarbeit. Er findet treffende Bilder, das zu beschreiben, was in ihm vorgeht. Er schreibt Listen, in denen er die Sorgen aufzählt, die er sich um seine gehörlose kleine Schwester Angela macht oder in denen er sich der Vorteile vergewissert, die sein Abhauen für die restliche Familie hat.

Tom Kelly schickt seinen jungen Helden auf die Reise und auf die Suche. Auf die Suche nach einer Lösung für sein Problem. Er inszeniert Begegnungen mit ganz verschiedenen Menschen. Einer alten Frau im Park, die mit Schildern ihre Mitmenschen zu erziehen versucht. Einem Jungen, dessen Mutter eine krankhafte Angst vor Bazillen hat und ihrem Sohn das Leben nicht gerade leicht macht. Und schließlich einem Maler, der Ähnliches zu verarbeiten hat wie Danny.

Danny redet. Vor allem aber schweigt er. Bis er am Ende bereit dazu ist, die ganze Geschichte zu erzählen, die ihn so niederdrückt. Wir verstehen ihn. Eigentlich von der ersten Seite an, ohne sein Problem zu kennen. Wenn wir schließlich hinter sein Geheimnis kommen, sollten wir eigentlich das ganze Buch gleich noch mal von vorne lesen. Warum? Weil wir jetzt erst so richtig kapieren.

Tom Kelly ist mit seinem Kinderbuchdebüt eine Überraschung gelungen. Man braucht Geduld. Man braucht Einfühlungsvermögen. Aber es lohnt sich. Schon allein, weil man sonst wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen wäre, ein Cheesy Wotsits Sandwich zu probieren. Und das ist wirklich total lecker!

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Tom Kelly: Die Sache mit Finn
Aus dem Englischen von Ingo Herzke
HAmburg: Carlsen 2007
256 Seiten. 14,90 Euro
Kinderbuch ab 10 Jahren

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Die seelenräuberischen Einflüsse der Zeit

Nächster Artikel

Vom Radio durch das Radio in das Radio

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Kapitalismus für Anfänger*innen

Kinderbuch | Ole Nymoen und Wolfgang W. Schmitt: Die kleinen Holzdiebe und das Rätsel des Juggernaut

Karl und Rosa leben mit ihren Eltern auf einem Hof. Das Leben ist nicht einfach, viel Abwechslung gibt es nicht. Aber es reicht zum Leben, Überschüssiges wird auf dem Markt verkauft und sie sind zufrieden. Es soll nicht so bleiben. Von ANDREA WANNER

Ungewöhnliche Shoppingtouren

Kinderbücher | Der Geräuschehändler / Albertas Wunschladen

Einkaufen gehört zu den alltäglichen Dingen. Wer aber die beiden Ladenbesitzer, Alberta und den Geräuschehändler kennenlernt, die ganz unterschiedliche Dinge offerieren, spürt den Reiz des Besonderen, der aus einem Einkauf ein unvergessliches Erlebnis macht. Von BARBARA WEGMANN und ANDREA WANNER

Ein ziemlich grüner Daumen

Kinderbuch | Antje Damm: Die Wette

Es gibt Menschen, deren Pflanzen gedeihen besonders gut. Ihre Blumen werden besonders schön und blühen üppig, ihr Obst ist besonders köstlich, ihr Gemüse frisch und knackig. Ob es dafür ein Geheimrezept gibt? Um so etwas Ähnliches geht es jedenfalls in der Wette zwischen Lilo und Hein. ANDREA WANNER spürt den Frühling in dieser Geschichte.

Alle Zeit der Welt

Kinderbuch | Yvonne Hergane: Später, sagt Peter

Wir Erwachsenen haben es eigentlich immer eilig. Hetzen durch den Tag, von einem Termin zum nächsten. Wie schön, dass Kinder noch ganz anders mit der Zeit umgehen, findet ANDREA WANNER.

Eiszeit!

Kinderbuch | Katja Gehrmann: Am Leuchtturm gibt es Erdbeereis

Urlaub auf einer Insel: Strand, Sonne, gute Laune: Da fehlt nur noch ein Eis. Aber wer von den Erwachsenen kennt das nicht: endlich hat man mal Zeit zum Lesen, ist in ein Buch vertiefet und an einer besonders spannenden Stelle angekommen ... ANDREA WANNER hat vollstes Verständnis für einen Vater, der einem Sprössling Geld für die kalte Köstlichkeit in die Hand drückt.