Die seelenräuberischen Einflüsse der Zeit

Erzählung | Botho Strauß: Die Unbeholfenen

Der exzentrische Nonkonformist Botho Strauß, der zur Melancholie neigende erzählerische Philosoph und vehemente Zeitgeistkritiker, hat eine »Bewußtseinsnovelle« von gerade einmal 120 Seiten vorgelegt und liefert darin Denkanstöße, die ihrerseits Stoff für mehrbändige Abhandlungen hergeben. Von PETER MOHR

Strauß - Die UnbeholfenenDieses Buch erinnert an ein philosophisches Oberseminar, an ein Repetitorium, in dem auf ein Stichwort das angelernte Wissen brav referiert wird. Schauplatz dieser sonderbaren Schule für Hochleistungsdenker ist ein verlassenes Haus in einem Gewerbegebiet, das von vier Geschwistern bewohnt wird, die sich früh von ihren Eltern getrennt und in eine selbstgewählte Isolation begeben haben. Einziger Gast in der Runde ist Roberto, der verflossene Liebhaber von Nadja, der ältesten von drei Schwestern.

Der Ich-Erzähler Florian Lackner, ein Mann von Mitte vierzig und von Beruf »Traumdeuter«, gerät in diesen hermetischen Zirkel, weil er sich in Nadja verliebt hat. Er fühlt sich zunächst sichtlich unwohl, bemerkt, dass er als Fremder zwar ausgesprochen höflich begrüßt wurde, aber dass jeder seiner Sätze wie unter einem geistigen Mikroskop seziert wird.

Ob Nadja, Roberto, die Zwillinge Elena und Ilona oder der älteste Spross der Familie, der körperbehinderte Albert: Sie fungieren als Sprachrohre des Autors Botho Strauß. Sie parlieren über die verhassten Medien, sie drücken ihre Verachtung aus über die »seelenräuberischen Einflüsse der Zeit«, …. »in einer Gesellschaft von durchtrainierten Angebern, Blendern, Vorteilsrittern, Gesinnungsgewinnlern und Gemeinplatzbewachern.«

Das ist die Hardcore-Version des Straußschen Denkens, und doch kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass der Autor diesen intellektuellen Phrasendreschern mit einer gehörigen Portion Ironie begegnet. Schließlich findet in dieser Runde kein Diskurs statt, sondern alle denken gleichgeschaltet, »denn jeder war mit dem anderen über dieses ideelle Relais verbunden.«

Geistige Gleichschaltung

Dieser spirituelle Konsens basiert auf einer tiefen, geistigen Verwurzelung in der deutschen Romantik und beim Grenzgänger Hölderlin, dem Gratwanderer zwischen Genie und Wahnsinn. »Manchmal habe ich das Gefühl, nur bei den Ahnen noch unter Deutschen zu sein«, erklärt Roberto. Was wie eine platte deutschtümelnde Stammtischparole klingt, bezieht der »unbeholfene« Gesprächskreis auf die Literaturhistorie und die Philosophiegeschichte.

Doch ist nicht gerade diese elitäre Runde ein Paradigma für die geistige Deformation? Hat nicht gerade hier die Entindividualisierung des Denkens einen traurigen Gipfel erreicht?

Und wenn Albert, der älteste aus dem Familien-Clan, zu verstehen gibt, dass wir einander nicht widersprechen, dann wird damit der intellektuelle Austausch auf dem Altar der geistigen Gleichschaltung geopfert.

Dass es am Ende zu einer abrupten Wende in der Rahmenhandlung kommt, soll nicht verschwiegen werden. Die Geschwister nehmen ihre »verstoßene« Mutter wieder auf, und mit ihrer Rückkehr vollzieht sich auch ein Stimmungswandel im Clan.

Hat Botho Strauß, der einst selbst in der Abgeschiedenheit der Uckermark ein beinahe isoliertes Leben führte, sein eigenes Dasein, sein elitäres Denken vielstimmig und mit reichlich Ironie Revue passieren lassen? Durchlebt der Autor im Gleichschritt mit seinen Figuren die viel zitierte »Bewußtseinskrise«?

Unendlich viele Fragen türmen sich nach der Lektüre von Botho Strauß’ Die Unbeholfenen auf. Ein Buch, das für einen (wertkonservativen) intellektuellen Zirkel taugt, aber nur für einen, in dem auch Widerspruch erlaubt ist.

| PETER MOHR

Titelangaben
Botho Strauß: Die Unbeholfenen
Bewußtseinsnovelle
München: Carl Hanser Verlag 2007
122 Seiten, 12,90 Euro
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