Kafka und Komik?

Astrid Dehe/Achim Engstler: Kafkas komische Seiten

Beim Namen Franz Kafka denken die meisten an Beklemmendes wie Der Prozess oder Das Schloss, an Unheimliches wie Ein Bericht für eine Akademie oder In der Strafkolonie. Dabei ist es eigentlich kein Geheimnis, dass Gregor Samsa Züge einer Comic-Figur hat. Im Allgemeinen gilt Kafka weiter als »Schmerzensmann«, sind Kafka und Komik nicht kompatibel. Mit diesem falschen Bild räumt das Buch Kafkas komische Seiten von Astrid Dehe und Achim Engstler gründlich und vergnüglich auf. Von PIEKE BIERMANN

Dehe - KafkaAnmutiger als Astrid Dehe und Achim Engstler kann man das eherne Monument mit dem Etikett »Franz Kafka – Pater Doloroso der deutschsprachigen Literatur« nicht vom Sockel holen. Zwar wussten seine Zeitgenossen (und publizierten das auch), dass Kafka dem eigenen Lachen so wenig abhold war wie dem Provozieren des Gelächters anderer, und hatte Walter Benjamin den Verdacht, dass Kafka und Komik eine innere Verbindung haben und die wiederum im Judentum verankert sein könnte.

Er ahnte 1939: »Dem würde der Schlüssel zu Kafka in die Hände fallen, der der jüdischen Theologie ihre komischen Seiten abgewönne.« Zwar haben in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts Autoren der Neuen Frankfurter Schule – Robert Gernhardt und Eckard Henscheid – den komischen Kafka entdeckt und sind seitdem Kafka-Forscher wie Reiner Stach und Hans-Gerd Koch immer wieder explizit auch auf Kafkas Beziehungen zu Komik und Witz zu sprechen gekommen. Aber es half alles nichts.

Fällt der Name »Kafka«, raunt in den gebildeten Ständen noch immer ein heiliger Ernst, der aus ihm eine Art Katastrophenjule mit Erhabenheitssiegel gemacht hat. Es ist nun mal so – nicht nur in Deutschland, aber hier besonders dickköpfig –, dass Komisches säuberlich von Ernstem ferngehalten werden muss. Witz gehört ins Reich des Unseriösen und Trivialen. Kein Wunder, dass Franz Kafka dem einfach leselustigen breiten Publikum hierzulande noch immer versperrt ist. Er musste erst (imaginäre) 125 Jahre alt werden – man kann auch sagen: (reale) 84 Jahre tot sein –, bevor die WELT mit Ulf Poschart verblüfft ausrief: »Über Kafka darf jetzt gelacht werden«, und Bernd Eilert, ein anderer Neufrankfurtschüler, in der FAZ wieder einmal auf »Die komischen Talente eines Schmerzensmannes« hinweisen durfte. 2008 ist der Andachtskäfig ein kleines bisschen aufgesprungen. Astrid Dehes und Achim Engstlers jüngst erschienenes Buch reißt ihn endlich sperrangelweit auf.

In 36 Kapiteln mit herrlichen Titeln wie 25 harte Eier oder Die dicke warme Rehberger oder Schmutzian legen Dehe und Engstler Kafkas komische Seiten frei, und zwar im doppelten Sinn – lebensweltlich wie literarisch. Fast alle Kapitel beginnen mit einem Kafkaschen O-Ton. Das sind zumeist Auszüge aus seinen Tagebüchern und seinen Briefen an Felice Bauer, Milena Jesenská, seine Schwester Ottla und Max Brod oder aus den noch zu Lebzeiten veröffentlichten oder nachgelassenen Texten, hin und wieder auch aus den berühmten Werken wie Der Proceß oder Die Verwandlung. In einem Brief an Felice zum Beispiel schildert Kafka den legendären Lachkoller, der ihn als kleinen Beamten angesichts des Firmenpräsidenten gepackt hatte. Das liest sich wie ein Lehrstück für Film-Gagschreiber – wie baut man ganz sanft eine salbungsvoll-autoritäre Situation so eng, dass das Gelächter unausweichlich, aber gleichzeitig nicht justiziabel ist: als antiautoritärer Befreiungsschlag nämlich.

Von anderem – durchaus bitterem, verzweifeltem – Witz sind Kafkas Zickzack-Kurse in Sachen Frauen, die Ver- und Entlobungen, die x-mal angekündigten und wieder abgesagten Treffen, die Idee der »Ehe per Brief«, die Liste der Vor- und Nachteile von Eheschließungen, die Vorliebe des klapperdürren notorischen Veganers für »fette Füßchen« und weich-warmes Fleisch an den Vertreterinnen des anderen Geschlechts. Oder der Hang, bei allem Ernst, mit dem er sich paramedizinischen »Lichtluftkuren« aussetzt oder sich fürs Judentum und die Begegnung mit einem leibhaftigen ostjüdischen Rabbi interessiert, immer auch den »bösen Blick«, das feine Gehör für die winzigen, entlarvenden oder enttäuschenden Widersprüchlichkeiten nicht abzuschalten.

Natürlich ist die Komik, um die es geht, nicht schenkelklopfend-wiehernd. Sie ist vertrackt, hintersinnig, bizarr kasuistisch oder schiere, quasi vegetative Subversion: das Antidot gegen Anonym-Übermächtig-Beängstigendes, das niemand in so universell gültige Prosa übersetzt hat wie Kafka. Das beste Mittel gegen Angsthaben ist bekanntlich Angstmachen, und wem dazu die Macht fehlt, dem bleibt nur das Lachen. Dehe und Engstler nehmen den O-Ton jeweils wie einen Ariadnefaden durch die Kafkaschen Labyrinthe, ziehen andere Fäden – Lebensereignisse, Liebesnöte, literarische Entwicklungen – als Subtexte hervor, verknüpfen sie mit weiteren Textstellen, O-Tönen von anderen und Bildern (unter anderem Zeichnungen von Kafka, die zwischen Giacomettischer Langgliedrigkeit und Paul Floras Strich oszillieren) und machen so historische und individuelle Kontexte sichtbar.

Von den beiden Autoren ist bisher nur bekannt, dass sie gelernte Germanisten sind, die eine außerdem Theologin, der andere Philosoph, dass ihre Leben seit Jahrzehnten von Kafka begleitet werden und dass die Idee eines Buches über Kafkas komische Seiten insofern nahelag, als Achim Engstler komisch ist und Astrid Dehe Seiten hat. Wer keine schnöden Daten braucht, erfährt allerdings eine Menge mehr über sie aus ihrer wunderbar leichtfüßigen und gleichzeitig konzentrierten, sorgfältigen Prosa. Mit ihr öffnen sie en passant auch Türen zu Kafkas Werk ganz ohne angsterzeugende Schwellen.

Kafkas komische Seiten sind Balsam für alle Kafka-Liebhaber, die beim Wort kafkaesk immer den komischen Unterton mithören – es ist eben nicht zufällig mit derselben Endung gebaut wie grotesk oder karnevalesk.

Eine erste Version dieser Rezension wurde am 26.01.2012 bei Deutschlandradio Kultur veröffentlicht.

| PIEKE BIERMANN

Titelangaben
Astrid Dehe/ Achim Engstler: Kafkas komische Seiten
Göttingen: Steidl Verlag 2011
324 Seiten. 29,80 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Anarchischer Moment der Glückseligkeit

Nächster Artikel

Alles, nur kaum Eier

Weitere Artikel der Kategorie »Sachbuch«

Bücher, soweit man schaut

Sachbuch | James W. P. Campbell/Will Pryce: Bibliotheken

Insgesamt 82 Bibliotheken in 21 Ländern haben die beiden Autoren dieses gewichtigen Buches besucht, tief sind sie in jede der ganz eigenen Geschichte eingetaucht. Das Buch, ein Auslaufmodell, so wie es ihm immer wieder prophezeit wird? 328 Seiten, die auf spannende Art das komplette, detaillierte und überzeugende Gegenteil erzählen. Von BARBARA WEGMANN

Am Klimawandel geht kein Weg vorbei

Sachbuch | Jürg Alean/ Michael Hambrey: Schnee und Eis

Es soll einen richtigen Winter geben, sagen die Meteorologen voraus, und wenn er dann vor unserer Haustür ist, dann sehen wir Schnee, Eisflächen, Eiszapfen und eine so selten gewordene wunderschöne weiße Winterlandschaft. Aber »Schnee und Eis«, da steckt ja noch so viel mehr hinter. Das Buch ist tatsächlich eine »Entdeckungsreise«, findet BARBARA WEGMANN

Jede Gesellschaft hat den Fußball, den sie verdient

Kulturbuch | Eduardo Galeano: Der Ball ist rund

Die Kulturkritik Galeanos und seine quasi journalistische Berichterstattung ausgesprochen narrativ daher. Schöne Geschichten um den Fußball, die schön sind, weil der Autor offenbar liebt, was er beschreibt. Von HOLGER SCHWAB

Kooperation bedeutet Niedergang

Gesellschaft | Frank Schirrmacher: Ego Frank Schirrmacher zeichnet in Ego. Das Spiel des Lebens ein dystopisches Bild unserer Gesellschaft. Der Primat der Ökonomie hat Einzug erhalten in unseren Köpfen und folgt dabei einer kühlen rationalen Handlungsmaxime, die ausschließlich nach Profit giert und jedwede Moral vertilgt. Von MARC STROTMANN

Was es heißt, ein Einzelner zu sein

Gesellschaft | Rüdiger Safranski: Einzeln sein / Karl Heinz Bohrer: Was alles so vorkommt

»Jeder ist ein Einzelner. Aber nicht jeder ist damit einverstanden und bereit, etwas daraus zu machen.« Diese Sätze stehen am Anfang seiner philosophischen Überlegungen über den Menschen in Rüdiger Safranskis neuem Buch ›Einzeln sein – Eine philosophische Herausforderung‹. In den sich anschließenden sechzehn Kapiteln entwickelt der Autor keine elaborierte »Theorie des Ichs« und er verfasst auch kein Vademecum für Selbstoptimierer und Selbstverwirklicher, sondern er sucht, von der Renaissance bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts, nach Bestimmungen dessen, was es heißen kann, ein Einzelner zu sein. Gezeichnet werden die Porträts von Menschen, die sich entschieden haben, autonome Individuen zu sein, in ihrem Leben und in ihrem Denken, in einer Gemeinschaft, aber oft genug auch gegen sie. Von DIETER KALTWASSER