Seit jeher atemberaubend: Der Blick in die Sterne

Karen Masters: Die Geschichte der Astronomie

Wer schon mal ein sehr altes Buch betrachten oder sogar darin blättern konnte, weiss: Solche Bücher sind etwas unglaublich faszinierendes. Und ebenso beeindruckend ist (abseits der lichtverschmutzten Städte) der Blick in einen funkelnden Sternenhimmel. Die Astrophysikerin Karen Masters findet beides – alte Bücher und Sterne – gleichermassen reizvoll. Das wird klar, sobald man ihr Buch ›Die Geschichte der Astronomie in 115 Büchern – von der Antike bis heute‹ zu lesen beginnt. Von MARTIN GEISER

Kosmologische Darstellungen mit Tierkreiszeichen und PlanetenbahnenDer Sternenhimmel hat die Menschheit in wohl allen Kulturen seit jeher in seinen Bann gezogen. Und schon sehr bald haben die Menschen die Sterne und ihre Bewegungen zu beobachten begonnen. Davon zeugen nicht erst Bücher, sondern bronzezeitliche Steinkreise wie Stonehenge oder die Himmelsscheibe von Nebra.

Der Nachthimmel regte zudem die Fantasie an, so dass die Menschen in den Sternen Figuren entdeckten und dazu passende, oft religiöse Legenden erfanden. Die auch heute noch gebräuchlichen griechischen Sternbilder fanden Eingang in die ersten Bücher zum Thema Astrologie/Astronomie (eine Unterscheidung der Gebiete gab es lange Zeit nicht). Eines der ältesten erhaltenen Bücher ist der arabische Sternatlas ›Buch der Fixsterne‹ aus dem 10. Jahrhundert.

In diesem Werk und zahlreichen weiteren Atlanten versammelten sich Zeichnungen der Sternbilder, Sternenkarten und Sternen-Positions-Tabellen. Entsprechend der Bedeutung der Astrologie sind viele Bücher jener Zeit und der folgenden Jahrhunderte einerseits äusserst exakt, was die Position der Sterne betrifft, andererseits auch sehr aufwändig und kunstvoll gestaltet. Diese faszinierenden Abbildungen nehmen viel Platz ein in ›Die Geschichte der Astronomie‹ und machen auch dessen Reiz aus.

Neben der rein kulturellen Bedeutung der Bücher bespricht Karen Masters natürlich auch deren wissenschaftliche Relevanz. Mehr als einmal rüttelten Astronomen und ihre Bücher am Selbstverständnis des Menschen. Während dieser im Mittelalter noch unangefochten auf einem einzigartigen Ort in der Mitte des Weltensystems ruhte, bringen die Entdeckungen ab dem 16. Jahrhundert diese Vorstellung zum Einsturz.

In ›De revolutionibus orbium coelestium‹ (›Über die Umläufe der Himmelskreise‹) von Nikolaus Kopernikus postuliert der Autor 1543 erstmals das heliozentrische Weltbild. In ›Sidereus nuncius‹ (›Botschaft(er) der Sterne‹) teilt Galileo Galilei 1610 seine Beobachtungen mit einem der ersten Teleskope. Damit eröffnen sich im wahrsten Sinne des Wortes neue Welten. Zudem beobachtet und beschreibt Galilei, dass das heliozentrische Weltbild in der Tat das richtige sein müsse – was zum berühmten Konflikt mit der Kirche führt.

Ein Jahr vor Galileis Schrift erschien ›Astronomia nova‹ von Johannes Keppler. Auch für ihn ist klar, dass die Erde die Sonne umkreist – und nicht nur das: Keppler erkennt als Erster, dass die Planeten sich nicht auf perfekten Kreisbahnen bewegen, sondern auf elliptischen. Einige Jahrzehnte später kann Isaac Newton diese Bewegungen mit der Gravitation begründen. Deren Gesetzmässigkeiten publiziert er im bahnbrechenden Werk ›Philosophiae Naturalis Principia Mathematica‹ (›Die mathematischen Grundlagen der Naturphilosophie‹) oder kurz ›Principia‹.

Nicht nur die Bücher der europäischen Astronomie finden Platz in Masters‘ Zusammenstellung, auch solche anderer Weltgegenden und Kulturen. Besonders erwähnt sei hier diejenige der Maya. Leider sind von ihnen nur sehr wenige Bücher halbwegs erhalten geblieben – die spanischen Eroberer haben die meisten mutwillig zerstört und damit wohl auch vieles vom umfangreichen astronomischen Wissen der Maya.

Die (grundsätzlich nachvollziehbare) Entscheidung der Autorin, die Bücher nicht rein chronologisch, sondern nach Themengebieten zu ordnen, hat auch ihre Nachteile. Die vorliegende Reihenfolge bewirkt, dass gewisse Epochen mehrmals beschrieben werden. Das führt unweigerlich zu Wiederholungen – dies fällt dann umso mehr auf, wenn man das Buch fortlaufend liest. Vielleicht erwartet die Autorin, dass man eben dies nicht tut, sondern im Buch blättert, das eine oder andere herauspickt und liest und an anderer Stelle wieder fortfährt.

Auch das kann der geneigte Leser folglich gerne machen. Er oder sie verpasst dann aber womöglich einiges. Denn auch wenn ›Die Geschichte der Astronomie‹ den Bildern gegenüber dem Text Priorität einräumt, ist das Buch doch eine lesenswerte Lektion in Geschichte von Kultur und Wissenschaft.

| MARTIN GEISER

Titelangaben
Karen Masters: Die Geschichte der Astronomie in 115 Büchern – von der Antike bis heute
(The Astronomer’s Library 2023)
Bern: Haupt-Verlag 2024
271 Seiten, ca. 36 Euro

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