Wenn man mit der Mafia seinen Doktor macht

Sachbuch | Asokan Nirmalarajah: Gangster Melodrama / The Essential Sopranos Reader

Zwei Neuerscheinungen aus Deutschland und den USA nehmen einen trivialen Gegenstand ernst: die erfolgreiche Fernsehserie The Sopranos, die im Mafia-Milieu spielt. THOMAS ROTHSCHILD hat sich von den beiden Büchern belehren lassen.

SopranosThe Sopranos, die in sechs Staffeln und 86 Folgen in den Jahren 1999-2007 erstausgestrahlt wurden, gelten als herausragendes Beispiel einer anspruchsvollen Fernsehserie. Schon in den vergangenen Jahren wurde, naturgemäß in erster Linie im Entstehungsland, in den USA, eine Unmenge über dieses Medienereignis geschrieben. Jetzt sind zwei neue Bücher zum Thema erschienen, eine Kölner Dissertation und ein amerikanischer Sammelband. Sie nobilitieren einen Trivialgegenstand endgültig zu einem wissenschaftstauglichen Objekt. Und es ist nicht ohne Komik, wie die überbordende Vulgär- und Fäkalsprache der Serie den Wissenschaftsjargon der analysierenden Autoren als prätentiös desavouiert, ihn als ritualisiertes Imponiergehabe denunziert. Die Sprache, in der die Autoren über die Fernsehserie schreiben, verhält sich zu dieser wie die Sprache der in einer der Folgen um einen Tisch sitzenden großbürgerlichen Psychotherapeuten zur Redeweise der Klienten, über die sie diskutieren. Wobei diese Dialoge im Vergleich jedenfalls mit der deutschen Untersuchung fast noch umgangssprachlich sind.

Um nicht missverstanden zu werden: Dies ist kein Plädoyer für die Angleichung wissenschaftlicher Prosa an ihren Gegenstand; wohl aber gegen terminologischen Ballast, der keinerlei differenzierende Funktion hat. Um es noch plakativer zu sagen: Asokan Nirmalarajahs Arbeit ist über weite Strecken fast unlesbar. Ihre Aussagen verbergen sich hinter einer Umständlichkeit, die allem Möglichen dienen mag, nur nicht der Eindeutigkeit. Eher dem Ritual als der Benutzbarkeit dient auch das in seinem Umfang eindrucksvolle Filmverzeichnis, da es jeweils nur Produktionsland und -jahr sowie den Regisseur nennt, aber nicht, wo auf diese Filme Bezug genommen wird. Da hätte auch ein Hinweis auf die Internet Movie Database gereicht.

Gangster MelodramaDie Arbeit belegt und konkretisiert die in der Einleitung formulierte These, dass sich die Sopranos nicht grundsätzlich, sondern nur durch größere Selbstreflexion vom traditionellen Gangsterfilm unterscheiden, den Nirmalarajah als Subgenre des Melodramas betrachtet. Die These behauptet, »dass es sich bei den SOPRANOS nicht zwingend um eine genrehistorisch radikale, ›weibliche‹ Umschrift eines ›Männergenres‹ handelt, sondern um einen postmodernen Genretext, der die konventionell weiblich kodierten, in der Regel kaschierten Themenkomplexe und Darstellungskonventionen des Gangstergenres präzisiert.« Dieser Ansatz legt es nahe, die Genderfrage in den Vordergrund zu rücken, was im Zusammenhang mit dem Gangsterfilm nicht unbedingt auf der Hand liegt, und Erkenntnisse der feministischen Literatur- und Medienwissenschaft auf die Fernsehserie anzuwenden. Die zweite Kategorie, die Nirmalarajah ausführlich untersucht, ist die der Ethnizität, die gerade im Mafiafilm, also auch in den Sopranos, merklich eine entscheidende Rolle spielt. Betrachtungen zur Bedeutung der Familie und der Psychotherapie, die sich bei einer Analyse der Sopranos aufdrängen, bezieht Nirmalarajah in den übergeordneten Aspekt der Geschlechterproblematik ein.

Tendenz zum Anekdotischen

Sopranos-2Der amerikanische Band versammelt Referate, die bei einer New Yorker Tagung im Jahr 2008 vorgetragen wurden. Es versteht sich, dass der Blick von Amerikanern auf die Serie ein anderer sein muss als der von Europäern. So ist der Stellenwert des Fernsehsenders hierzulande von geringem Interesse. Wahrscheinlich liest man in den USA nicht unbedingt Aufsätze über arte oder 3sat. Andererseits sorgt die seit langem anhaltende Amerikanisierung der Medienwelt auch in diesem Fall für eine gewisse kulturelle Globalisierung, ob man das nun begrüßt oder bedauert.

Verglichen mit der deutschen Untersuchung sind die amerikanischen Beiträge geradezu alltagssprachlich formuliert. An die Stelle (pseudo)wissenschaftlicher Terminologie und der Anhäufung von Fußnoten tritt eine Tendenz zum Anekdotischen und zum Rhetorischen (schließlich wurden die Referate ja zunächst mündlich vorgetragen). Selbstaussagen der Macher bleiben unhinterfragt. Manchmal werden sie nur noch paraphrasiert. So passt ein langes Interview mit einem der Beteiligten in den Kontext.

Die einzelnen Referate beschäftigen sich ausführlich mit dem »Mastermind« hinter der Serie, mit David Chase, mit einzelnen Charakteren, mit den Abweichungen vom üblichen Fernsehformat und, wie Asokan Nirmalarajah, mit der Genderproblematik sowie mit ethnischen und sozialen Zusammenhängen, mit dem Stellenwert der Träume in der Serie und mit Fragen der Psychotherapie, was auf der Hand liegt, aber auch mit weniger offensichtlichen juristischen Fragen. Auch die zahlreichen und unübersehbaren intertextuellen Bezüge werden thematisiert, sowie in einem interessanten Beitrag von Steven Peacock »Stille in den Sopranos«, von wo der Band überführt zu gleich mehreren weiteren Betrachtungen des unorthodoxen offenen Endes der Serie. Im Anhang findet man eine Tabelle der intertextuellen Bezüge und Anspielungen in der sechsten Staffel. Warum nur in dieser? Fehlte der Atem, etwas in dieser Art für die ganze Serie zu entwerfen? Hatte man diese Tabelle in den Unterlagen und wollte sie nun verwerten? So steht sie etwas zusammenhanglos im Raum.

Eins jedenfalls wird deutlich: die Zeiten, da Populärkultur nicht als wissenschaftswürdig galt, sind, jedenfalls in den USA, lange vorbei. Heute drängen sich die Akademiker, um dabei zu sein, wenn von Dingen die Rede ist, die ein größeres Publikum haben als Ulysses oder Warten auf Godot. Und wir dürfen vermuten, dass auch die Besucher und Absolventen der Universitäten eher zu den Konsumenten von HBO als der geschmähten »Hochkultur« gehören. Wo fänden sonst Bücher wie die hier besprochenen ihre Leser?

| THOMAS ROTHSCHILD

Titelangaben
Asokan Nirmalarajah: Gangster Melodrama. »The Sopranos« und die Tradition des amerikanischen Gangsterfilms.
Bielefeld: Transcript 2012
327 Seiten, 32,80 Euro

The Essential Sopranos Reader. Edited by David Lavery, Douglas L. Howard, and Paul Levinson.
Lexington, Kentucky: The University Press of Kentucky 2011
398 Seiten, 60 US-Dollar

Reinschauen
Hitchcock und die Herstellung von Suspense – Thomas Rothschild zu Christina Stiegler: Die Bombe unter dem Tisch – im TITEL kulturmagazin

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