Entschleunigt in den Urlaub

Sachbuch | Manuel Andrack: Wanderglück Deutschland

Es ist gesund, es macht Spaß, es ist klimafreundlich, es bringt Kondition und man lernt und erfährt eine ganze Menge: beim Wandern. BARBARA WEGMANN stellt zwei Bücher vor, mit denen sie per Pedes durch ganz Deutschland kommen. Lassen sie sich inspirieren.

In der Theorie bin ich schon quer und längs durch Deutschland gewandert, allein: oft fehlt der Antrieb, man ist zu bequem, nimmt doch lieber das Auto. Aber, versprochen, diese beiden Bücher geben ganz schön viel Motivation. In diesem ersten Buch, »Wanderglück Deutschland«, habe ich denn auch sofort »mein« Kapitel gefunden: ›Einkehrwege‹! »Es gibt Wanderer, die ohne Aussicht auf eine schöne Schlusseinkehr keinen Meter gehen.« Diese Wanderer, so der Autor, seien schon »seltsam«. Die ausschließliche Rucksackverpflegung unterwegs sei für ihn keine Bedingung für eine schöne Wandertour. »Wenn ich wandere, möchte ich in eine andere, alternative Welt abtauchen. Alternativ zu dem, was ich daheim kenne. Und dann soll ich mir die Stulle zu Hause schmieren und im Wald verzehren?« Ich merke, wir sind seelenverwandt.

Zwischen neun und 16 Kilometer lang sind die Wege, die eine Schlusseinkehr versprechen. Auch die beschriebenen Wege der anderen Kapitel liegen absolut im Rahmen, sind zu bewältigen und die meisten vom Autor persönlich erwandert und erkundet. »Regelrechte Killer für das Wanderglück sind zu lange Touren, zu steile Anstiege, zu anstrengende Wege.« Ob es die »Quellwege«, die »Ausblickwege«, »Burgenwege«, »Flusswege«, »Weinwege« oder »Schluchten- und Wasserfallwege« beispielsweise sind, je mehr sie über dieses Wege-Potpourri lesen, desto neugieriger werden sie und schnell ist die Überlegung da, ob man bei der nächsten Shoppingtour nicht doch mal nach dem passenden Schuhwerk schauen sollte.

Flüsse, Täler, Schluchten, Berge, weite Seeblicke, wunderbare Wälder, Wasserfälle, zwischen Alpen, deutschen Mittelgebirgen, Seen und Meeresküste gibt es eine ganze Menge zu Fuß zu entdecken. In seinen von vielen Fotos begleiteten Texten beschreibt Andrack die ausgewählten Wege anschaulich und erzählt mit viel Verständnis für noch zurückhaltende Wanderfans dies und das zu Gegend, Weg, zu Natur und Sehenswürdigkeiten unterwegs.

Und seine Begeisterung schwingt immer mit, humorvoll und ansprechend. Zwar seien die Mittelgebirge dicht besiedelt, so Andrack, aber: »Am Lieserpfad zwischen Manderscheid und dem Gasthaus Alte Pleiner Mühle – immerhin 18 km lang – sehe wir keine Ortschaft, keinen Bauernhof, kein Wochenendhäuschen, keine Zäune … Natur pur.« Dieser Weg in der Eifel, so, der weit gewanderte Autor, der absolut schönste Weg.

Seine Beschreibungen sind mehr Inspirationen, mehr Impressionen denn genaue Darstellung der Verläufe der Wege, leider gibt es auch keine Links zu Karten oder weiteren Informationen. Die einzigen Hinweise betreffen den Start der Tour, die Länge und die zu bewältigenden Höhenmeter, bei längeren Wanderungen auch die einzelnen Etappen. Dennoch: egal ob in den Kapiteln »Gipfelwege«, »Römerwege«, »Familienwege«, »Quellwege« oder »Felsenwege«, das Buch versprüht geradezu Wanderlust und das auf gerade Sie wartende Wanderglück.

Das mit dem schlechten Wetter und der richtigen Kleidung übrigens, das sieht Manuel Andrack, Autor vieler Wanderbücher und Wanderer aus Leidenschaft, erfrischend anders: »Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung … Na, dann viel Spaß bei der Suche nach dem Wanderglück bei Dauerregen und Sturmböen! Ich bin bekennender Schönwetterwanderer-Sonne macht glücklich.«

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Manuel Andrack: Wanderglück Deutschland
Zu Fuß die schönsten Wege zwischen Küste und Bergen entdecken
München: Verlag National Geographic 2023
208 Seiten, 34,99 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Kaputt in Hollywood

Nächster Artikel

Schule des Sehens

Weitere Artikel der Kategorie »Sachbuch«

Gesundes voll im Trend

Sachbuch | Caroline Pritschet: Happy & Healthy

Neben so manch wichtigen Gründen kann es oft eine gesundheitliche Krise sein, die dazu veranlasst, die Ernährung zu überdenken und wohlmöglich dann auch zu ändern. Manchmal kostet es Überwindung, manchmal lernt man auch neue Wörter, wie »vegan« zum Beispiel. Der Autorin, Caroline Pritschet, erging es genauso. BARBARA WEGMANN hat in ihrem Buch geblättert.

Oper neu entdecken

Kulturbuch | Die ersten vier Bände »Opernführer kompakt« Die junge Autorengeneration meldet sich in einer Taschenbuchreihe. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

Sind Menschenrechte teilbar?

Gesellschaft | Stéphane Hessel / Véronique de Keyser: Palästina. Das Versagen Europas Auch oberflächliche Beobachter wundern sich immer wieder über die Diskrepanz zwischen den vollmundigen außenpolitischen Erklärungen der EU und ihrer praktischen Nahostpolitik. Hier Menschen- und Völkerrechte pur ohne Abstriche als einzige politische Richtschnur, dort ständiges Einknicken vor anscheinend unabänderlichen Realitäten. Eben das prangert die langjährige belgische Europaabgeordnete Véronique de Keyser in ihrem, mit Stéphane Hessel gemeinsam erarbeiteten Buch ›Palästina: Das Versagen Europas‹ an. Von PETER BLASTENBREI

Nacktes Grauen selbst erlebt

Menschen | Karl Marlantes: Was es heißt, in den Krieg zu ziehen Als Karl Marlantes 1968 für die USA in den Vietnamkrieg zieht, hat er die typischen Motive der meisten Soldaten: Er will seine Männlichkeit beweisen, er will raus aus dem Einerlei, sehnt sich nach etwas »Höherem«. Nicht nur mit Tapferkeitsorden kommt er zurück – seine Lebensbilanz »Was es heißt, in den Krieg zu ziehen« sucht nach einem Moralkodex für Kriege. Hochaktueller Stoff für hier und heute, wo es wieder mal nach einem Sieg säbelrasselnder Dummheit riecht. Von PIEKE BIERMANN

Hinters Licht geführt

Gesellschaft | Klaas Voß: Washingtons Söldner Historische Forschung kann spannende Ergebnisse liefern. Wir erleben in immer kürzeren Abständen, dass jüngste Vergangenheit, die wir aufgrund eigenen Erlebens verlässlich zu beurteilen glaubten, oh wie hatten wir alles im Griff, unter den nüchternen Forschungen von Historikern allerlei dekorativen Schnickschnack, allerlei Camouflage ablegt – wir wurden hinters Licht geführt. Dass es in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg von der CIA geführte Geheimarmeen gab und der Anschlag auf dem Münchner Oktoberfest 1980 durch diese Stay-behind-Armeen ausgeführt wurde, ist mittlerweile einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Von WOLF SENFF