Der Schmerz der Vergangenheit

in Jugendbuch

Jugendbuch | Inés Garland: Wie ein unsichtbares Band

Eine böse und belastende politische Vergangenheit aufzuarbeiten ist im letzten halben Jahrhundert geradezu ein deutsches Monopol geworden, auch im Jugendbuch. Darüber vergisst man leicht, dass es andernorts ebenfalls Autorinnen und Autoren gibt, die sich mit ähnlichen Problemen ihrer Heimatländer auseinandersetzen. Wie schmerzlich und weit die Vergangenheit in die Zukunft hineinragen kann, schildert die Argentinierin Inés Garland in ihrem ebenso berührenden wie bedrückenden Jugendroman, Wie ein unsichtbares Band. Von MAGALI HEISSLER

Inés Garland: Wie ein unsichtbares Band
Argentinien, Ende der 1960er Jahre. Alma ist vielleicht zehn Jahre alt, als sie Carmen kennenlernt, das Mädchen, das auf der anderen Seite des Flusses wohnt, an dem das Ferienhaus von Almas Eltern steht. Eine Hängebrücke verbindet die beiden Inseln im Flussdelta, ein Symbol für das Band, das schon beim ersten Kennenlernen zwischen den beiden Mädchen entsteht, das sie zusammenhält und zugleich immer darauf hinweist, wie unterschiedlich sie sind. Zwei verschiedene Ufer sind ihr Lebensraum, prägen sie, bestimmen ihr Handeln. Um der jeweils anderen zu begegnen. muss man immer einen Fluss überqueren.

Zunächst erleben sie unbeschwerte Ferien und all die Wochenenden, an denen Almas Eltern das hektische Buenos Aires verlassen. Für Alma ist alles spannend auf der Insel, aufregend, neu und reizvoll. Carmens ungewöhnliche Familienverhältnisse, die mit ihrem Bruder und zweien ihrer Onkel bei der Großmutter lebt, Bootsfahren auf dem Fluss und seinen Nebenarmen im Delta, Binsenwälder, die Überschwemmungen.

Auf die Kinderjahre folgt die frühe Pubertät, Körperlichkeit, Liebesgefühle rücken in den Vordergrund. Was Alma bewegt, ist die temperamentvoll ausgelebte Liebesgeschichte von Carmens Onkel mit einer Frau, die gleichfalls am Fluss lebt, eine Fremde. Alle nennen sie nur ‚die Ungarin’, die beiden Mädchen spionieren dem Paar bis ins Schlafzimmer nach. Alma kommt auf die höhere Schule, von Nonnen geleitet, aber ihr Leben in der Stadt interessiert sie wenig. Sie lebt für die Insel vor allem, als sie sich mit vierzehn, fünfzehn in Marito verliebt, Carmens älteren Bruder.

Das lange Erwachen

Garlands Fähigkeit, die Entwicklung eine Teenagers einzufangen, das Wahrnehmen der körperlichen Veränderungen, die rosaroten Liebesempfindungen und plötzlichen seelischen Abgründe, das Träumerische und zugleich Blinde im Denken sehr junger Menschen, ist beeindruckend und in dieser Güte selten in Jugendbüchern zu finden. Sie zeichnete Almas Empfindungen bis in feinste Nuancen nach. Sie findet ausdrucksstarke Bilder, den Fluss vor allem, seine Farben, die Strömungen, der Schlamm, stinkend, kalt.

Während Alma ganz nach innen gerichtet vor allem um ihre erste noch unsichere Liebe zu Marito kreist, verändern sich im Hintergrund die Machtverhältnisse im Land. Die sozialen Unterschiede zwischen den Jugendlichen kümmern Alma nicht in ihrem Wolkenschloss. Als sie auf die erste Probe gestellt wird, versagt sie. Garland beschreibt hier mehr als den Verrat einer Jugendlichen durch eine andere allein um des Ansehens in einer Gruppe Willen. Sie rührt hier an das zugrundeliegende Thema ihres Romans, den Verrat der Bessergestellten an Ärmeren und Armen, um eine vermeintliche Ordnung der Verhältnisse aufrechtzuerhalten. Almas Vater ist das Sprachrohr dieses Denkens, wenn er die Diktatur im Grund hilflos damit begrüßt, dass jemand doch mal Ordnung schaffen müsse. Politik und innere Entwicklung, der Gegensatz zwischen innen und außen, das viel zu langsame Erkennen dessen, was tatsächlich vorgeht, all das ist personifiziert in der Ich-Erzählerin Alma.

Das Ende als Neuanfang

Almas Liebesgeschichte ist berührend geschildert, hingetupft eher, denn das, was sie und Marito trennt, ist tatsächlich so tief wie der Fluss zwischen den beiden kleinen Inseln. Almas Unverständnis, ihre Unfähigkeit zu verstehen, was vorgeht, geben der Leserin einiges zu schlucken. Eben das aber gibt dieser Geschichte den nötigen Anschein von Authentizität. Viel zuviele Menschen verstehen nicht, was passiert, wenn eine Diktatur herrscht, jede hat ihr eigenes kleines Glück im Auge und ist nur ängstlich und hilflos, wenn jemand an die Türen des Wolkenschlosses klopft. Das Schicksal Maritos bricht ebenso brutal über die Leserin herein wie über Alma, Carmen verschwindet, ihr Schicksal kann man nur erraten. Zurück bleibt Alma, verstört. Damit bricht ihre Schilderung ihrer Kindheit und frühen Jugend, die Geschichte ihrer Freundschaft und Liebe zu Carmen und Marito ab.

Nur der Epilog lässt ahnen, dass die Verstörung zu Almas innerer Reifung und eines Tages auch dazu beigetragen hat, dass sie aktiv wurde. Dreißig Jahre später kehrt sie zur Insel zurück. Es gibt ein kurzes Nachwort zur Erläuterung des Epilogs, aber unerfahrenere Leserinnen sind dennoch am Ende überfordert. Man muss einen großen denkerischen Sprung machen, Almas dazwischenliegende Entwicklung selbst erschließen und ist auch mit der Frage nach der Schuld alleingelassen. Trotzdem ist das Ende ein wichtiger Neuanfang. Die Vergangenheit ist weiterhin lebendig, ihre Zeuginnen und Zeugen vergessen nicht. Sie gehen wieder über die Brücke, die Zukunft ist nur lebendig durch die Erinnerung.

Ein sehr anspruchsvolles, sorgfältig durchdachtes und fein formuliertes Jugendbuch.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Inés Garland: Wie ein unsichtbares Band (Piedra, papel o tijera, 2009)
Aus dem argentinischen Spanisch übers. von Ilse Layer
Frankfurt/Main: Fischer Schatzinsel 2013
Gebunden. 245 Seiten. 14,99 Euro
Jugendbuch ab 14

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