Schlampen und Elfen!

Musik | Toms plattencheck

Neues vom Gipfeltreffen deutscher Gitarrenpop-Produzenten und akustische Souvenirs einer Island-Reisenden. Von TOM ASAM

Wie das so ist bei alten Bekannten. Man hört nicht mehr so regelmäßig von ihnen und verliert sie zwischendurch auch mal etwas aus den Augen. Und dann stehen sie plötzlich wieder vor der Tür. Slut präsentieren etwas überraschend ein neues Studioalbum. Die (ehemaligen) Ingolstädter sind nun seit zwei Jahrzehnten als Band zusammen und haben ihre Fans in der langen Zeit nie enttäuscht. In den 90ern veröffentlichten sie zwei Alben und eine EP beim sympathischen Stickman–Label (Motorpsycho) bzw. dessen Tochter Sticksister. Schon damals gehörten sie mit den Würzburgern Miles zu den besten Gitarrenpoppern der Republik. So viel nennenswerte Acts gab es zwischen Wegbereitern wie Bands der Hamburger Schule oder dem Notwist-Umfeld und einer neuen »Sind wir nicht alle Indie / Alternative -Gitarrenschraddler«-Generation der Post-Strokes-Ära auch nicht. 2001 debütierten Slut beim Major Virgin mit dem Konzeptalbum Lookbook, das Maßstäbe setzte. Das schien kaum noch zu toppen, folglich probierte man in den Jahren darauf einfach mal neue Ansätze. Nothing will go wrong kam deutlich rockiger und geradliniger daher, dann folgte eine aufgrund rechtlicher Probleme im Umfang eingedampfte Umsetzung der Dreigroschenoper, zuletzt mit Autorin Juli Zeh die genreübergreifende Zusammenarbeit Corpus Delicti. Nun präsentieren uns Slut mit Alienation ihr siebtes reguläres Studioalbum. Dabei vereinen sie ihre Tugenden Zuverlässigkeit und Neugierde vortrefflich. Uptempostücke wie Next Big thing und ruhige Töne wie bei Holy End kennt man in ähnlicher Form bereits als langjähriger Hörer der Band. Aber es gibt auch Überraschungen. Der Opener Anybody have a roadmap scheint stellenweise in seiner Instrumentierung dem Albumtitel gerecht zu werden. Der Hinweis »Reverse Piano by Olaf O.P.A.L.« hilft hier weiter. Broke my backbone begibt sich in den Bereich, wo Popsong auf Elektronik trifft, Radiohead und Apparat lassen grüßen – weitere Besonderheit hier: Gesang von Tobias Siebert. Kenner werden stutzig: O.P.A.L und Siebert als Musiker – sind das nicht Produzenten? Ja, richtig. Uns die waren in dieser Funktion auch, wie alle anderen Produzenten, mit denen Slut in der Vergangenheit zusammenarbeiteten, an Alienation beteiligt! Als da noch zu nennen wären: Tobias Levin, Mario Thaler und Oliver Zülch. Trotz dieses ungewöhnlichen Vorgehens wirkt das alles wie aus einem Guss. Insgesamt ist dieses Album ein Werk, das die langjährigen Erfahrungen der Musiker wunderbar bündelt und das neben dem Klassiker Loobook bestehen kann. Gekonntes Songwriting, tolles Klangbild und immer wieder kleine Überraschungen, zu denen neben den erwähnten auch ein schöner Sitar-Auftritt (beim fantastischen Silk Road Blues) oder feinfühlig eingesetzte Bläser (Alienation) gehören. Genug gelobt. Obwohl: Herausragend ist die abwechslungsreiche Drum-Arbeit – präzise und druckvoll, aber gleichzeitig leichthändig schwebend. Alte und neue Fans können sich auf eine Anfang 2014 folgende Tour freuen … von wegen »Entfremdung«.

Gibt es was Klischeebeladeneres als Island? Ja, isländische Musik! Etherisch, elfenhaft, die Nummer kennt ihr. Die New Yorkerin Julianna Barwick hat ihr Album Nepthene in Reykjavik auf Einladung von Alex Somers (Sigur Ros, Jonsi) produziert. Was passt. Denn das Vorgängeralbum hieß Magic Place, womit vielleicht sogar Island gemeint war, und bekam aufgrund seiner durch geloopten wortfreien Vocals und der etherischen Stimmung Vergleiche mit … äh Sigur Ros. Also gings diesmal auf die seltsame Insel zwischen Europa und Amerika, mit den suuuupernetten Leuten und der so inspirierenden Laaaandschaft. Ergebnis: Noch mehr Sigur Ros und Engelschöre als Vergleich provozierende Tracks, die nett nebenher laufen – aber ohne erkennbare Spanungsbögen und den entscheidenden Hauch von zwingenden Momenten ausbleiben. Davon, dass Barwick diesmal auch Mitstreiter wie etwa Robert Sturia Reynisson von Mum zuließ, merkt man zu wenig. Nepenthe bleibt zu unscharf und beliebig. Dem Titel, der sich auf eine Droge des antiken Griechenlands bezieht, die dem Vergessen von Sorgen und Problemen diente, wird es als beruhigende Soundtapete aber durchaus gerecht.

| TOM ASAM

Titelangaben
Slut: Alienation – Cargo Records (VÖ: 16.08)
Julianna Barwick: Nepenthe – Dead Oceans / Cargo (VÖ: 16.08.)

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