Kein Leben wie ein Gürteltier

Film | Neu im Kino: Ich und du (Italien 2012)

Bernardo wer? Er arbeitete mit am Drehbuch für Spiel mir das Lied vom Tod? Lang ist’s her. Führte Regie in dem grandiosen Opus 1900 (Novecento, 302 Min.)? Drehte Der letzte Kaiser? Wann war das? Ach ja, 1968, 1976 und schließlich 1987 – oh, oh, finsteres Mittelalter. Seinerzeit wurde zum ersten Mal einer westlichen Filmproduktion gestattet, in der »Verbotenen Stadt« zu arbeiten. Von WOLF SENFF

Ich und du - FilmplakatSchön und gut, gewiss, aber eben alles Schnee von gestern, olle Kamellen, vergangenes Jahrhundert. Der seinerzeit berühmte Regisseur, für den einst Pier Paolo Pasolini eine Vaterfigur war, sitzt heute im Rollstuhl. Bandscheibe. Man ist schließlich nicht mehr der jüngste. So ist das Leben.

Er lebte »die letzten zehn Jahre in einer Art Erstarrung«, wie er nun selbst sagt, und glaubte, »meine Zeit als Filmemacher sei vorüber«. Wie das Leben so spielt. Ein Irrtum, den es nach Korrektur verlangte. Ich und du beruht auf einer Erzählung von Niccolo Ammaniti, ist mittlerweile mehrfach preisgekrönt und war für Bernardo Bertolucci »eine Rückkehr ins Leben«. Allesamt gute Gründe, diesen Film aufmerksam anzuschauen.

Ein Ski-Ausflug wird gecancelt

Minimalismus – das ist, was uns spontan dazu einfällt. »Kannst du mir erklären, was ’normal‘ für dich bedeutet?« Diese einleitende Frage des Therapeuten weist eher auf dessen Ratlosigkeit als auf einen desorientierten Lorenzo. Lorenzo geht bestens organisiert vor. Er nervt den Verkäufer einer Tierhandlung, bevor er eine Ameisenkolonie erwirbt, besucht seine Großmutter, die auf dem Sterbebett liegt und seine Geschichte lobt, die er ihr vorlas und die von einem Konditor handelt, der Kakerlaken dressiert. Und, selbstverständlich, er versorgt sich mit hinreichend Proviant, bevor er sich unbemerkt in die Katakomben des Wohnhauses zurückzieht, während seine Schulklasse sich eine Woche lang in den Ski-Urlaub verabschiedet.

Lorenzo ist bestens versorgt. Der Kellerraum hat kleine Fenster zur Straße, am Ende des Gangs auch eine einfache Toilette, er will nur seine Ruhe, es könnte so schön sein. Da überrascht ihn seine Stiefschwester Olivia, ein wenig gothicgestylt, teils auf Droge, teils auf Alk. Keine Erklärung, weshalb sie hier auftaucht, sie lebt in Catania. »Das ist mein Versteck«, wendet er ein, »es ist zu klein für zwei«, aber das hilft nicht, sie bleibt, gibt sich gegenüber der anrufenden Mutter Lorenzos am Mobiltelefon sogar als Lehrerin aus und berichtet ihr überzeugend von Ski-Ausflügen.

Dann kotzt Olivia. Sitzt nachts gequält auf der Kloschüssel. Entzug. Man hat bislang kaum beachtet, auf welch leisen Sohlen Bertoluccis Film daherkam. Gut, Lorenzo hat ein Problem mit den Eltern, der Keller ist ein naheliegendes Refugium für eine Auszeit. Doch mit Olivia wird die Angelegenheit nun existenziell. Lorenzo dreht im engen Kellerraum Endlosschleifen wie zuvor das Gürteltier beim Tierhändler. Ein Gürteltier besitzt eine knöcherne äußere Panzerbildung, ist weitgehend an eine einzelgängerische Lebensweise angepasst und lebt unterirdisch in Erdbauten.

Ground control to Major Tom

Ob Lorenzo und Olivia, wie Bertolucci uns in einem Interview vorgibt, in diesem Keller »ihr Unbewusstes betreten«? So weit muss man ihm gar nicht folgen. Fasziniert sehen wir zu, wie die beiden – Lorenzo, 14, und Olivia, 21 – die knöchernen Schalen ihres noch so jungen Lebens abwerfen, und zwar gleichsam gegenläufig. Lorenzo erlebt diese Tage wie eine Initiation – »Hör‘ auf, dich zu verstecken. Du wirst Schläge einstecken müssen«, sagt Olivia, »aber das macht nichts« –, er öffnet sich für das Leben, während Olivia, die den Aufenthalt im Keller als Junkie beginnt, bereits die Wunden kurieren muss, die ihr das Leben schlug.

»Ragazzo solo, ragazza sola«, David Bowies italienische Version von »Space Oddity«, ist ein treffender Text für Finale und Abspann, doch genauso schlüssig ist, sich den Keller als ein Raumschiff zu denken, weitab von irdischen Zwängen und Ängsten. Eine Traumwelt, in der Lorenzo und Olivia genesen, in der die zehntausend Dinge wie von selbst ihre harmonische Ordnung finden.

Wie schön. Ich und du entwirft eine Utopie, und zwar nicht etwa ein Leben in Glanz und Gloria, in Saus und Braus mit Freibier und Schlaraffenland, sondern ein Leben abseits der Welt des glitzernden Konsums und jenseits der wachsenden Ansprüche, die uns, was wir ja längst wissen, den erwartungsvoll blickenden Ärzten in die Arme treiben.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Ich und du, Italien 2012, 97 Min.
nach dem Roman Io e te von Niccolo Ammaniti
Kinostart: 21.11.2013
Regie: Bernardo Bertolucci
Darsteller: Jacopo Olmo Antinori, Tea Falco

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Aller guten Dinge sind drei (oder vier)

Nächster Artikel

Der kosmopolitische Charme des Commissario Brunetti

Weitere Artikel der Kategorie »Film«

Über den Tellerrand blicken!

Kommentar | über die Notwendigkeit einer umfassenden Film-Kritik Einem Artikel auf der Medienseite der SZ vom 9.3. entnehme ich, dass sich deutsche Kleinverleiher – nach der viel beredeten Überproduktionskrise der Degeto – an die ARD in einem Brief gewandt und die Befürchtung geäußert hatten, dass die Sender des 1. Programms nun weniger »Arthouse«-Filme einkaufen würden – wie diese ja auch »kaum noch im Programm des ZDF« vertreten seien. Von WOLFRAM SCHÜTTE

Krass kann hilfreich sein

Film | Im TV: ›TATORT‹ – Das verkaufte Lächeln (BR) 28. Dezember, 20.15 Uhr Kinder sind ein heikles Thema. Enorm vorbelastet, Kinderschänder und so, aber manche Themen werden eben überstrapaziert. Kinder kommen ebenfalls gut im Drehbuch, wenn das ausgewachsene Publikum gerührt werden soll, gab’s alles, hatten wir neulich erst, so mancher Sender barmt um sein Profil zwischen Qualität und Quote. Von WOLF SENFF

Am Sabbat greift niemand zum Telefon

Film | Im Kino: Youth, Israel 2013; Filmstart 23. Januar »Kaum zu glauben, dass Nessie schon in der ersten Klasse ist.« – »Ist nicht wahr.« – »Kommt mir vor wie gestern, als ich in die Schule musste, weil du hingefallen warst. Weißt du noch?« – »Ach, Mama, jetzt nicht noch mal die Story.« – »Sag bloß, ihr kennt sie. Echt? Hab‘ ich die schon mal erzählt?« usw. usf. ad inf. Das sind so die Gespräche bei Familientreffen. Man will feiern, dass Jakie (Eitan Cunio) sich für die Armee hat rekrutieren lassen. Von WOLF SENFF

Auf anspruchsvollem Niveau

Film | TATORT – Eine andere Welt (WDR), 17. November Soll man anfangen mit den Peinlichkeiten Fabers (Jörg Hartmann), die uns befristet aufregen dürfen, bis wir uns am Zügel einer souveränen Regie (Andreas Herzog) hinreichend aufmerksam, erleichtert gar, der Handlung zuwenden? Hm. Ebenso überzeugend ist die Idee, Bildfolgen von Nadine Petzokats (Antonia Lingemann) Mobiltelefon leitmotivisch einzuspielen und damit dem Geschehen ein Gerüst zu verleihen, originell und tragfähig, das die Ereignisse faszinierend ätherisch ausbalanciert. Von WOLF SENFF