/

Der kosmopolitische Charme des Commissario Brunetti

Sachbuch | Elisabeth Hoffmann, Karl-L. Heinrich: Auf den Spuren von Commissario Brunetti /
Katharina Holtmann: Auf den Spuren von Donna Leon in Venedig

Erklären, aus welchen Gründen Commissario Brunetti bei den Deutschen so außerordentlich beliebt ist? Bei Lichte betrachtet ist er doch gar kein Italiener. Der Schein trügt, denn Brunetti hat unverkennbar preußische Züge. All die komplizierten Verbrechen aufzuklären, die ja oft weit über die Landesgrenzen hinausreichen, dazu gehört logisches Denken, ein hohes Maß an Disziplin, präzise Organisation. Von WOLF SENFF
brunetti1
Brunettis Hang zur Gemütlichkeit? Die Neigung, sich mit Dottor Rizzardi und Dottor Niccolini in der Bar Rosa Salva am Campo Santi Giovanni e Paolo mit einem Caffe zu stärken (Donna Leon, Reiches Erbe), bevor die Ergebnisse der Obduktion erörtert werden? Diesem Hang trauern wir nach in den Hochleistungssektionen Europas, wo wir die Überstunden nicht mehr zählen, wo die Leute sich von einem Projekt zum nächsten hangeln, wo sie an Werksverträge gekettet sind oder im Niedriglohnsektor darben, und »die deutsche Wirtschaft« lädt derweil ein zu Empfängen und Partys und lässt sich allüberall als Exportweltmeister feiern.

Der sture Heidjer, der Eulenspiegel

Brunettis Familie mit großbürgerlichem Flair in der Wohnung gegenüber der Kirche Madonna de l’Orto in der Calle dei Mori weckt unsere Sehnsüchte. Brunetti selbst ist ein zurückhaltender Mann ohne die Ambition, über seine wohlhabenden Schwiegereltern – die am Canal Grande im Palazzo Falier in der Calle Vitturi leben – in die betuchten Zirkel aufgenommen zu werden. Nein, wie gänzlich unitalienisch!

Und sein Starrsinn, seine Dickköpfigkeit? Brunetti hat viel vom ungebeugten Ostfriesen, vom sturen Heidjer, vom wackeren Mecklenburger. Er arbeitet in der Questura am Ufer des Rio San Lorenzo und blickt aus dem ersten Stock auf die renovierte Chiesa San Lorenzo. Mit List und Tücke, die an Till Eulenspiegel erinnern, gewinnt er seinen Vorgesetzten, Vice-Questore Patta, stets für seine eigenen Pläne. Dieser Patta, Sie erinnern sich, er wird von seiner Frau nach siebenundzwanzig Jahren Ehe mit einem Pornofilmproduzenten betrogen (Donna Leon, Venezianische Scharade), und sein jüngerer Sohn Roberto verdient ein Zubrot als Drogendealer (Donna Leon, Feine Freunde). So etwas, selbstverständlich, ereignet sich nur in Italien.

Brunetti ist eine durch und durch europäische Figur. Und dennoch müssen wir ihm einen typisch deutschen Zug anhängen: Er kennt den Weltschmerz, kennt das Gefühl, dass uns kostbare Teile unserer Welt unwiederbringlich verloren gehen, und ohnmächtig trauern wir ihnen leise nach. Vielleicht ist es das, weshalb Commissario Brunetti besonders in Deutschland so sehr geschätzt wird.

Brunettis Leichen I und Leichen II

So sehr geschätzt, dass seine Fälle verfilmt werden. Leider jedoch hat der Commissario, der im Fernsehen auftritt, hat rein gar nichts mit dem Commissario der Romane gemein, es ist eine unendliche Enttäuschung, diese Figur bereitet Bauchgrimmen und Kopfweh, sie ist so unglaublich plump, die Sendeanstalten sollten aufschreien vor Schmerz. Die zwei ersten Folgen – Venezianische Scharade (1999) und Vendetta (2000) – waren genug, niemand muss sich das ein drittes Mal antun.
brunetti2Letztlich darf man sich den Commissario Brunetti der Romane Donna Leons nicht verbiegen lassen, ein gutes Buch darf auch einmal einen schlechten TATORT ersetzen, und wenn Sie vorhaben sollten, Venedig einmal zu besuchen – scheuen Sie sich nicht, auf Guido Brunettis Spuren zu wandeln. Sie werden die bereits oben genannten sowie zahllose weitere Schauplätze finden.

Inzwischen werden sogar »Krimispaziergänge« angeboten à la »Brunettis Weg zur Arbeit« über »Brunettis Bars und Restaurants« bis hin zu »Brunettis Leichen I« und »Brunettis Leichen II«. Wir wundern uns über gar nichts mehr. Fiktion überschwemmt das wirkliche Leben. Es gibt – darauf möchte diese Rezension hinweisen – seit Neuestem diesbezüglich hilfreiche Venedig-Führer wie: Auf den Spuren von Commissario Brunetti oder Auf den Spuren von Donna Leon in Venedig.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Elisabeth Hoffmann, Karl-L. Heinrich: Auf den Spuren von Commissario Brunetti. Die Schauplätze
Lindhöft: Harms 2012
224 Seiten, 19,80 Euro

Katharina Holtmann: Auf den Spuren von Donna Leon in Venedig. Commissario Brunettis Romanschauplätze
Essen: books&friends 2013
184 Seiten, 19,99 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Kein Leben wie ein Gürteltier

Nächster Artikel

Mt. Wolf Live at Heaven 12th November 2013.

Neu in »Krimi«

Der gehörlose Ermittler

Roman | Emma Viskic: No Sound. Die Stille des Todes

Australische Thrillerautoren haben in den letzten Jahren bei uns Konjunktur. Garry Disher, Candice Fox oder Jane Harper (um nur drei der interessantesten zu nennen) – sie alle werden gelesen und haben mit ihren Büchern mehr zu sagen über das Leben auf dem fünften Kontinent, als dass es ab und an auch mal gefährlich werden kann Down Under. Jetzt hat sich eine neue Stimme zum ohnehin schon eindrucksvollen Chor der australischen Kriminalschriftsteller hinzugesellt: Emma Viskic. Von DIETMAR JACOBSEN

Zwischen Glaswolle und Gummiknüppeln

Roman | Frank Goldammer: Juni 53

Mit seiner Reihe um den Dresdener Kriminalpolizisten Max Heller hat Frank Goldammer (Jahrgang 1975) es längst in die Bestsellerlisten geschafft. Band 5 heißt Juni 53 und spielt mit seinem Titel auf die Tage der Arbeiterproteste in der DDR an. Auch in Dresden gehen aufgebrachte Werktätige auf die Straße. Man protestiert gegen kaum erfüllbare Produktionsnormen, Versorgungsengpässe und eine Regierung, die ihre Direktiven gnadenlos nach unten durchdrückt und vor der bedrückenden Realität die Augen verschließt. Dass der brutale Mord im VEB Rohrisolation, den Heller und sein Kollege Oldenbusch aufklären sollen, etwas mit den am 17. Juni in vielen Städten in Gewalt umschlagenden Aufständen zu tun hat, steht für einen mitermittelnden Stasi-Offizier schnell fest. Doch Max Heller verfolgt eine andere Spur. Von DIETMAR JACOBSEN

Unter Sündern

Comic | J.Muñoz/C.Sampayo: Alack Sinner

Die im Avant-Verlag erschienene Gesamtausgabe der vielfach prämierten Crime Noir-Comicreihe ›Alack Sinner‹ kompiliert erstmals alle 20 Storys um den New Yorker Privatdetektiv in deutscher Übersetzung. Die Straßen New Yorks werden da zur Echokammer der jeweiligen Fälle – und plätten die Leser*innen mit wimmelnder Wucht. Von CHRISTIAN NEUBERT

Der 100-Millionen-Coup

Roman | Lee Child: Der Ermittler

Die Nachricht sorgte für einige Unruhe. Lee Child will sich nach mehr als 20 Jahren und zwei Dutzend Romanen von seiner Figur Jack Reacher trennen. Da der Ex-Militärpolizist freilich inzwischen an der Schwelle zur Unsterblichkeit steht, soll Childs – der im bürgerlichen Leben den Namen James Grant trägt – Bruder Andrew Grant als Andrew Child Reacher übernehmen und die Saga fortsetzen. Kann das funktionieren? Man wird sehen. Oder auch nicht, sollte der Plan wieder aufgegeben werden. Für seine deutschen Leser wäre das im Übrigen momentan nicht ganz so dramatisch. Denn noch warten drei Reacher-Romane auf ihre hiesige Erstveröffentlichung. Enough time to say Good-bye! Von DIETMAR JACOBSEN

Volltreffer

Comic | Matz (Text) / Luc Jacamon (Zeichnungen): Der Killer

Der »Killer« wird von Szenarist Matz und Zeichner Luc Jacamon seit 1998 von reichen Auftraggebern auf seine Opfer losgelassen. Als Leser folgt man seinem Blick auf die Welt entlang seines Gewehrlaufs. Das fesselt und packt – und lässt sich nun mit dem ersten abgeschlossenen Band einer dreibändigen Gesamtausgabe neu erleben. Von CHRISTIAN NEUBERT