Eine kontrastreiche Eröffnung

Musik | Katarakt – Festival für experimentelle Musik, 15.-18. Januar

Einen Eindruck vom ersten Tag des Festivals? Der Besuch ist ein Gewinn; man muss auf Kontraste vorbereitet sein. Im Mittelpunkt standen, wie bereits erwähnt, Kompositionen Phill Niblocks, der in der New Yorker Musikszene eine zentrale Figur ist. Gut, solche Formulierung gehört zur üblichen Ankündigungsrhetorik. Von WOLF SENFF

Klub Katarakt Motiv A Energy pattern isolated on black (c) Mark Bond
Foto: (c) Mark Bond
Niblocks Werke zu hören, ist definitiv anstrengend. Von Anfang bis Ende zieht sich ein aufdringlich dröhnender Ton, von dem ein unvoreingenommener Hörer nicht definitiv erkennt, ob er computergeneriert ist oder doch von den Instrumenten erzeugt und elektronisch gemischt; die Klangfarbe der jeweiligen Instrumente geht im Einheitston auf. Weshalb dennoch Instrumente eingesetzt werden, bleibt unklar. Ach, und auf Leinwänden liefen Szenen vom Arbeitsalltag in Vietnam: fischen, Boote bauen. Der Zusammenhang mit der Musik war wenig sinnfällig. Aber das mag eine Geschmacksfrage sein.

Programmatik und Hörerlebnis

Wenn (Tow by Tom, 2005) dieser »Sound« konzeptionell als Tristan-Akkord C-E-Fis-A, transformiert in C-Es-G-A, erläutert wird, bleibt dem eher ratlosen Hörer allerdings nur der Hinweis darauf, dass Ohren selten Programme lesen. Die Tatsache, dass Tow by Tom in sämtlichen drei verfügbaren Räumen eingespielt wurde – »Wandelkonzert« –, erzeugte den Eindruck von Enge und Bedrängnis und verkehrte das Musikerlebnis in sein wenig willkommenes Gegenteil.

Nicht ganz unähnlich war das Eröffnungskonzert, ein Stück des diesjährigen composer in residence Matthias Kaul, Do nothing, just wait, the singing will start … sooner or later (2012); beim Instrument handelt es sich laut Aussage des Komponisten um eine japanische Zahnbürste, doch dabei dürfte es sich um eine durchaus übermütige Auskunft handeln. Auch in diesem Konzert ein Tongemisch, das jedoch von drei Geräten elektronisch eingegeben wurde, sodass drei Klangfarben – eine grollende, eine mit hochtonigen Tendenzen, eine mit Sympathien zum Pfeifton – miteinander konkurrierten.

Diese Spannung war sensibel, sie buhlte um Hinwendung seitens des Publikums. Der Unterschied zwischen den beiden Konzerten mag geringfügig erscheinen. War er nicht. Der Ton im Werk Niblocks war aggressiv und drängend, bei Kaul war er ein zurückhaltendes, beinahe liebenswürdiges Angebot, auf das man sich einlassen durfte. Unübersehbare Kontraste.

Musik ist auch Stille

Gänzlich anders wiederum der Auftritt des Trio Scordatura und dessen Uraufführung eines Werks von Guy de Bièvre, Time Zones 0.5 (Blue Light/Red Light, the sequel (2013). Das Trio hat eine Singstimme (Alt), die Musik war dezent rhythmisch strukturiert, und nach Niblock und Kaul fiel vor allem auf, wie intensiv Musik durch stille Phasen gestaltbar ist.

Auch das Konzert des norwegischen Ensemble neoN führte einen Grundton durch (Alvin Lucier, Two Circles (2012); dieser Grundton wurde von Klarinette, Flöte, Violine, Violoncello und Klavier gedehnt, gezerrt und ausgefranst – eine spannende und erneut angenehm meditative Angelegenheit.

Das Festival Katarakt auf Kampnagel/Hamburg dauert bis Samstag, das Programm ist sichtlich abwechslungsreich, die Konzerte sind gut besucht – man darf sie empfehlen.

| WOLF SENFF

klub katarakt 2014
Festival für experimentelle Musik, Hamburg

Metathema: Antipoden
15. bis 18. Januar 2014, Kampnagel (kmh, P1, K4)
www.klubkatarakt.net

OST
Do, 16. Januar

19:30 La Monte Young: Just Charles & Cello in The Romantic Chord (2003)

NORD
Fr, 17. Januar

18:00 Podiumsgespräch mit Matthias Kaul
19:30 Matthias Kaul, Relax (2006)
21:30 Nachtkonzert Ensemble neoN (Oslo)

LANGE NACHT
Sa, 18. Januar

20:00 Neue Kompositionen des katarakt-Netzwerks
00:00 Makino Takashi
01:00 Sutsche DJ-Kollektiv

Mehr zum Katarakt-Festival auf TITEL kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Funky, Funky

Nächster Artikel

Slut auf Tour

Weitere Artikel der Kategorie »Live«

Sind Conventions nur für »echte Fans«?

Messe | Comic Con Dortmund Spring Edition Dortmunds Westfalenhallen öffneten erneut ihre Tore für einige Stars und Sternchen der Comic- und Serienszene. Zwischen Assassinen, Jedi-Rittern, K.I.T.T. und Gotham-Cosplayern. An verschiedenen Orten der Welt finden die Messen der Popkultur bereits länger großen Zulauf. ANNA NOAH war dabei – und legte den Schwerpunkt ihrer Betrachtung auf »Gotham«.

Weniger Gequatsche, mehr Action bitte!

Bühne | Elvis – The Musical Elvis – hieß nicht mal ein berühmter amerikanischer Sänger so? Genau 42 Jahre ist es her, dass er tot aufgefunden wurde, ironischerweise im Alter von 42. Seit seiner Abwesenheit aus dem Showgeschäft gibt es keinen Star, der öfter parodiert, imitiert oder geehrt wurde. Wer war dieser Elvis Aaron Presley wirklich? ANNA NOAH sucht Antworten in einer Tribute-Show.

Geschichten über Pierrot

Musik | Pierrot in der Musik und im Musiktheater Der Pierrot, 1816 aus dem Pedrolino der Commedia dell’arte entwickelt, entsprang der Fantasie des Pantomimen Jean-Gaspard Deburau. Eigentlich gab es solche Figuren, die zu Zirkus-Weißclown wurden, schon im Straßentheater des 15. Jahrhunderts. Eine einfache Figurine für’s Volk. Der Sänger Alexsander Wertinski erfand einen schwarzen Pierrot. Von TINA KAROLINA STAUNER

Wahrer Mut braucht kein Geschlecht

Bühne | Ben Hur im Theater das Zimmer Hamburg Die Drei Weisen kommen mit Gaben, um das Christkind zu beschenken. Sie bringen Gold und Weihrauch. Doch was ist mit dem vierten Darsteller, der auch gerne einer von ihnen wäre? Er nimmt es nicht ganz so ernst mit der Legende und treibt die Regie in den Wahnsinn. Und das ist nicht das einzige Detail, das das Heldenepos auf den Kopf stellt. Von MONA KAMPE

Fantasy-Metal-Abenteuer der Extraklasse

Bühne | Symphonic Metal: Avantasia Avantasias neues Album ›Moonglow‹ kam Mitte Februar raus und stieg in den deutschen Albumcharts sofort auf Platz 1 ein. Damit machen sie den seit 1989 existierenden ›Oomph!‹ und den 2004 gegründeten ›Powerwolf‹ gewaltige Konkurrenz. Das Metal-Oper-Projekt von Gründer Tobias Sammet dürfte eines der größten Unterfangen sein, das in der Metalmusikwelt verwirklicht wurde. ANNA NOAH will wissen, ob der Liveauftritt von Avantasia so erstklassig ist, wie im Promotrailer behauptet wird.