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Comic | Sascha Hommer, Kalle Hakkola (Hrsg.): Comic Atlas Finnland

Kein weißes Kaninchen, sondern ein Nilpferd und ein Krokodil sitzen am Steuer des Flugzeugs auf dem Cover des ›Comic Atlas Finnland‹, mit dem der Verlag Reprodukt und die Finnish Comics Society den deutschen Leser in eines der nördlichsten Länder der Erde entführen wollen. Wer sich wie BORIS KUNZ auf die Reise einlässt, wird gemeinsam mit vielen kindlichen und adoleszenten Reisegefährten ein Land voller melancholischer Schönheit, absurder Traumlandschaften und düsterer Abgründe entdecken – und einiges über Art House Comics lernen.

Comic Atlas FinnlandAufgrund der geringen Bevölkerungszahlen, so erfährt man aus dem Vorwort der Herausgeber, war die finnische Comicszene schon immer erstens klein und zweitens am internationalen Markt orientiert. Eine eigene »Schule« wie etwa in Frankreich, Belgien oder Italien hat sich nicht etabliert. Doch so unterschiedlich die zwölf ausgewählten Beiträge finnischer ComickünstlerInnen in diesem Band zunächst auch wirken mögen: Wer genau hinschaut, kann Gemeinsamkeiten entdecken. Fast alle in diesem wuchtigen Band versammelten Comics zeugen von einem sehr persönlichen, oftmals wohl autobiografisch geprägten Zugang des jeweiligen Künstlers zu seinem Stoff – auch wenn dies, wie z.B. bei Marko Turunen sehr verklausuliert daherkommt. Auf der einen Seite findet man viele sehr persönliche Geschichten von Kindheit, Familie und Erwachsenwerden, auf der anderen Seite eine große Lust am Träumen und an absurdem Humor. Bei den Zeichnungen steht oft weniger die handwerkliche Perfektion als die Stimmigkeit für das jeweilige Sujet im Vordergrund. Während bei den inhaltlich bodenständigeren Geschichten ein eher imperfekter und impressionistischer Zeichenstil vorherrscht, driften die grafisch ausgefeilteren Storys gerne so sehr ins Absurde, dass man als Leser nicht mehr beurteilen kann, ob man nur einen Auszug aus einem Album oder eine abgeschlossene Geschichte vor sich hat.

Von buntem Alltag, trister Jugend und herbstlicher Melancholie

MARKO TURUNEN etwa erzählt die absurden Abenteuer eines knuffigen Nasenmännchens, das genauso heißt wie sein Zeichner. Obwohl die in jeweils halbseitige Episoden (gleich Sonntagsseiten von Zeitungsstrips) gegliederten Abenteuer sogar so etwas wie einen groben roten Faden haben (Turunen langweilt sich in verschiedenen Jobs, gerät dabei von Finnland nach Afrika, wo er zusammen mit Professor A die Suche nach dem legendären Tarzan beginnt) wirkt die Erzählung eher wie das Werk einer fortlaufenden, lockeren Improvisation mit dem Zeichenstift, nicht wie eine durchkomponierte Geschichte. Davon abgesehen erinnern die mit filigranem, simplifizierten Strich gezeichneten Figuren schon sehr an Trondheim oder Jason, allerdings auf einem Level von Absurdität, die eher an Krazy Kat oder Jim Woodrings Frank denken lässt. Dahinter blitzt gelegentlich bitterböse Gesellschaftskritik auf, bleibt aber schwer fassbar.

Bild: Reprodukt
Bild: Reprodukt
REETTA NIEMENSIVU dagegen kommt mit ausdrucksstarken, kindlichen Bildern daher und erzählt eine kleine, humorvolle Geschichte von der Annäherung eines jungen Mädchens an einen jungen Burschen. Niemensivus einfache, naive und dennoch sehr vitalen Zeichnungen in kräftigen Tuschestrichen mit Wasserfarbenkolorierung passen gut zum Lebensgefühl einer Protagonistin, deren Blick durch erste romantische Gefühle eingefärbt ist und die sich von der Dorfältesten zu so zweifelhaften Liebeszaubern raten lässt, wie ihr Kleid in einem Ameisenhaufen zu vergraben. Sowohl was das naturverbundene Setting, das Thema Jugendliebe oder den gekonnten Umgang mit ausgewählter Farbgebung angeht, ist Mittsommer beispielhafter Vorreiter für weitere Storys in diesem Album. Niemensivu und Turunen öffnen mit diesen ersten beiden unterschiedlichen Beiträgen das Spannungsfeld, in dem sich auch die meisten anderen Comics des Albums bewegen.

Auch TOMMI MUSTURI gelingt bei einer sehr reduzierten Farbpalette eine lebendige und stimmungsvolle Naturdarstellung. Doch sein ›Handbuch der Hoffnung‹ ist eine weitaus erstaunlichere Angelegenheit, glaubt man doch zunächst, es mit einem lustigen Comicstrip zu tun zu haben. Die Seiten sind in ein Raster von 4 x 4 hochkantigen Rechtecken eingeteilt, das niemals durchbrochen wird, und die Zeichnungen bestehen aus klaren, einprägsamen, fast schon symbolhaften Linien und erinnern damit etwa an Chris Wares ›Jimmy Corrigan‹. Im krassen Gegensatz zur Linienführung ist die Erzählweise fragmentarisch und impressionistisch: Musturi montiert Ausschnitte von Naturstimmungen und Alltagsmelancholie zu dem Portrait eines alten Mannes, der im Herbst seines Lebens angekommen über den Sinn desselben reflektiert. Bittere Melancholie durchzieht jede Seite wie ein kühler Herbstwind und der Leser fühlt sich in eine überaus seltsame Stimmung versetzt…

VILLE RANTA, den deutschen Comiclesern vielleicht durch ›Paradies‹ bereits ein Begriff, setzt in seinen Heldentaten, in denen ein voll ausstaffierter Ritter auf der Suche nach Ruhm und Ehre durch unsere moderne Welt zieht, wieder auf den absurden Humor eines Trondheim, der sich aus der Konfrontation von Märchengestalten mit modernem Alltag ergibt: Die schwarze Hexe hat ihre düstere Trutzburg verlassen, weil es »Unsinn ist, so viel Miete für ´ne Riesenburg auszugeben, wenn man auch das Darlehen für ´ne eigene Wohnung abzahlen kann«. Auch Ville Ranta zeigt eine Begabung für stimmige Kolorierung, wenn er seine Krakelzeichnungen mit Wasserfarben ausmalt.

Eine besonders originelle Arbeitsprobe liefert ANNA SALIAMAA mit der kurzen Geschichte ›Papa‹, die eigentlich nur beschreibt, wie ein gestresster Familienvater mit seinen drei Kindern im Auto unterwegs ist, um Schuhe für die älteste Tochter zu kaufen. Saliamaa macht vor, was es heißen kann, einen Comic konsequent aus dem Blickwinkel eines Kindes zu erzählen: Nicht nur der herrlich lakonische Erzähltext stammt von der ältesten Tochter, auch die Zeichnungen sind – obwohl sehr exakt – in den Gesten der Figuren und der Beobachtung von Alltagsabläufen, aber auf eine ganz merkwürdige Art perspektivisch verzerrt und verzogen, so als würden sie eben von einem Kind stammen. Dann sind sie mit Filzstiften grob und sehr selektiv ausgemalt, so wie das Zielpublikum von Malbüchern auch gerne vorgeht. Das Knallrot von Papas Auto wird ebenso betont wie das Braun seines Hemds oder das Rosa der eignen Strumpfhose, weniger interessante Dinge wie die Farbe der Häuser oder des Fußbodens werden in vielen Panels einfach weggelassen.

Ähnlich verfährt JARNO LATVA-NIKKOLA, nur ist seine Geschichte ›Blüte meiner Jugend‹ ein Lebensalter später angesiedelt und beschreibt eine Episode aus dem Landleben eines Teenagers, in der es sich, wie zu erwarten, natürlich um den ersten Sex dreht – und um die Angeberei derer, die ihn schon hatten. Passend zur Phantasie der adoleszenten Protagonisten wirkt hier alles ein wenig schmuddelig: Die krakeligen Zeichnungen sehen aus, als wären sie mit Filzstift hingeschmiert, die Figuren haben hässliche Nasen, hervortretende Glubschaugen und schlimme Vokuhilas. Das Ganze sieht ein wenig aus wie Seyfried auf Koks, versehen mit der in Finnland offenbar beliebten, ins Monochrome tendierenden Wasserfarben-Kolorierung. Die zunächst auch eher impressionistisch erzählte Geschichte offenbart nach ein paar Zeitsprüngen eine komplexere, auf eine feixende Schlusspointe zulaufende erzählerische Komposition.

Schwarz, weiß, und die Welten dazwischen

Bild: Reprodukt
Bild: Reprodukt
Die Comicseiten von MIKA LIETZÉN dagegen wirken in ihrem schlichten grau in grau ungeheuer nüchtern gegenüber den eher im- und expressionistisch ausgemalten, mit Verve hingeworfenen Zeichnungen der Kollegen. In sehr klaren Bildern schildert er den ersten Tag im Betrieb eines neu eröffneten Supermarktes, in dem die Mitarbeiter einer merkwürdigen, beinahe geisterhaften Kundin begegnen. Die Geschichte erweist sich dann als ein zurückhaltender, melancholischer Kommentar zum Lauf der Welt, und auch etwas Kapitalismuskritik kann man darin lesen – nicht umsonst machen die klaren Konturen und Kompositionen, die Reduktion der Details und das Fehlen von Farbe ausgerechnet aus einem normalerweise so bunten und überbordenden Ort wie einem Supermarkt einen abweisenden Ort von kühler, moderner Tristesse.

Auch die Erzählung ›The Trophy‹ Hunters von JAAKKO PALLASVUO ist gänzlich ohne Farbe belassen, mutet ästhetisch dennoch komplett anders an: Er präsentiert seine naiv gehaltenen aber teilweise in der Panelaufteilung recht kunstvollen Seiten mit Bleistiftzeichnungen als unkorrigiertes Faksimile, in denen sogar die ausradierten Zeichnungen und Konturen noch als Schemen zu sehen sind. Damit erzielt er teilweise recht eigenartige und wohl stellenweise auch sehr bewusst eingesetzte Verfremdungsmomente. So ausgestellt laienhaft die Zeichnungen sind, so ambitioniert ist die Geschichte und erzählt auf vergleichsweise wenigen Seiten ein vielschichtiges Familiendrama, das auch für ein Filmdrehbuch reichen würde: Ein Schriftsteller kehrt in das Dorf seiner Jugend zurück, um an der Beerdigung seines tragisch verunglückten Bruders teilzunehmen. Dabei wird er damit konfrontiert, dass er mit seinem autobiografischen Roman über seine Jugend einen Graben zwischen sich und seine Familie gezogen hat, die sich von ihm in seinem Buch ausgestellt und verraten fühlt.

Dann ein wuchtiger Stilbruch: MATTI HAGELBERG hat seine Comicseiten mit aufwendiger Schabkartontechnik gestaltet und baut seine Bilder und Figuren aus geometrischen Formen zusammen, denen er mit grober Schraffur Konturen verleiht. Der Text erzählt die Geschichte mit ans Absurde grenzender Lakonie und wunderbarem Wortwitz, die Zeichnungen illustrieren und überhöhen. Die Beschreibung einer derben Sauftour der drei Kumpane Atte Naula, Masa Laakso und Esa Kukkula gewinnt in dieser symbolhaft überzogenen Kunstwelt, in der Kräne im Herbst nach Süden ziehen und die Leiche des gelynchten Sozialstaates vor den Stadttoren hängt, beinahe Orwellsche Dimensionen. Die stilistische Nähe zu Max Andersson sowie zum experimentellen Underground-Comic ist nicht zu übersehen. Die hier publizierte Geschichte stammt dann auch aus dem Magazin Strapazin.

Der Beitrag der Zeichnerin HANNERIINA MOISSEINEN dagegen ist ein Auszug aus dem Album ›Isä‹ (Papa), und erzählt mit großer Liebe zum Realismus Fragmente aus ihrer eigenen Kindheit, in einer Zeit, als Digitaluhren noch der letzte Schrei waren. Wo zunächst versponnene Mädchenträumereien im Vordergrund stehen, bahnt sich bald schon ein bitteres Familiendrama an. Die Seiten sind wie bei ›The Trophy Hunters‹ als unverfälschtes Bleistiftoriginal zu sehen, wobei Moisseinens Zeichnungen jedoch filigraner, naturalistischer und viel sorgfältiger ausgearbeitet sind, passend zur Perspektive eines zurückblickenden Erwachsenen. Als mit dem Verschwinden von Hanneriinas Vater ihre Welt zusammenbricht, reduzieren sich die vorher greifbar gestalteten Hintergründe auf wenige gestrichelte Linien. Was mit dem Vater geschehen ist, erfährt man in diesem Auszug nicht mehr – was natürlich ein wenig ärgerlich ist, weiß man doch nicht, ob und wann das Album jemals vollständig auf Deutsch erscheinen wird.

›Muttertag‹ von AMANDA VÄHÄMÄKI wirkt wie eine konsequente Fortführung dessen, was Niemensivu und Moisseinen vorgelegt haben. Auch hier sind die unbearbeiteten Seiten zu sehen, bei denen hin und wieder noch ausradierte Vorzeichnungen durchspitzen, doch sind diese nun noch einmal ein Stück genauer ausgearbeitet und aufwendig und liebevoll komplett mit Buntstift koloriert worden. Wieder geht es um das Heranwachsen, wieder changiert die Geschichte zwischen lebendiger Schilderung vom Familienleben und den Ausbrüchen hinaus in die Natur einerseits und traumhaften Phantasiesequenzen andererseits. Doch in Muttertag sind die Grenzen fließend: Ist die Fernbedienung, die Johannes seinem strengen Opa abgeknöpft hat, nun tatsächlich eine Zeitmaschine? Oder ist das nur ein Spiel, mit dem er und seine Freundin sich ihre langweilige Jugend auf den kleinen, finnischen Inseln spannender erträumen, als sie ist?

Bild: Reprodukt
Bild: Reprodukt
In der abschließenden, kurzen Geschichte vom Luchs kommen Phantasie und Absurdität noch einmal voll zum Zug. Auch ROOPE ERONEN hat sich dem naiven Zeichenstil verschrieben, in seinem Fall jedoch, um damit eine komische Wirkung zu erzielen. Brav mit Filzstift schön bunt ausgemalt, schildert er in seiner kleinen Fabel den beschwerlichen Einkauf eines Luchses, der ständig rechnen muss, wie er seine 30 Euro am effektivsten in einen Saufabend investiert, und wie teuer der Tabak sein darf, wenn er sich noch ordentlich Bier zum Vorglühen leisten will.

Finnland als Spiegel der Comic-Kultur

Verrät uns diese vielseitige Geschichtensammlung nun etwas über die Finnen? Etwa, dass die meisten von ihnen wohl eher in der Natur als in der Stadt aufgewachsen sind? Oder, dass sie sich einen sehr speziellen, lakonischen und leicht düsteren Humor zugelegt haben, der fast in jedem dieser sehr unterschiedlichen Werke spürbar bleibt? Denn was die persönliche Hinwendung des Künstlers zum Stoff oder die sehr spezielle Wahl der grafischen Mittel angeht, ist der ›Comic Atlas Finnland‹ eigentlich eher eine Sammlung von Beispielen, was das Medium Comic abseits der bekannten französischen Funnys und amerikanischen Erfolgsserien alles so kann.

Wo immer Comicschaffende als Autor und Zeichner in Personalunion und abseits von kommerziellen Genrevorgaben tätig sind, entstehen Werke wie diese. Der Beweis dafür ist ein Blick in das Verlagsprogramm von Reprodukt oder Avant, wo sich viel findet, was auch gut dieser Anthologie entstammen könnte. Wer mit der Produktpalette genannter Verlage vertraut ist, den erwarten also keine Offenbarungen, aber doch abwechslungsreiche und kurzweilige Lektüren und ein paar ganz besondere Perlen.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Sascha Hommer, Kalle Hakkola (Hrsg.): Comic Atlas Finnland (Finnish Comic Atlas)
Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat
Berlin: Reprodukt 2014, 240 Seiten, 34 €

Reinschauen
Guter Überblick über die finnische Comiclandschaft

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