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Pracht und Prunk vergangener Zeiten

Kulturbuch | Norbert Wolf: Art Deco

Der Prestel Verlag hat mit Norbert Wolf den Richtigen getroffen, um Glanz und Elend des ›Art Deco‹ in seiner Gesamtheit darzustellen. Eingebettet in die Kreativität und die Unruhe der zwanziger Jahre hat das Design des Art Deco unseren Geschmack auf Jahrzehnte geprägt, ohne jemals aus seiner Zwitterstellung zwischen Kunst und Kunsthandwerk ausbrechen zu können. VIOLA STOCKER ließ sich gerne erklären, warum das so ist.

Norbert Wolf: Art DecoNorbert Wolfs ›Art Deco‹ ist, wie der Stil selbst, ein prachtvoll aufbereiteter Kunstband. Im Silberschnitt gebunden und dank der Silberprägung, ist er schon an sich ein würdiges Beispiel des Art Deco. Doch hätte der Prestel Verlag nur einen weiteren schönen Kunstband verlegt, wäre auch die prunkvolle Aufmachung keiner Erwähnung wert. Es ist der fundierten Expertise Norbert Wolfs zu danken, dass der Augenschmauß auch von einem fachlichen Festmahl begleitet wird.

Eine Definition der Ästhetik

Wolf tut den Lesern viel Gutes. Er verzichtet zum Beispiel nicht darauf, gleich zu Beginn auf jene Vertreter des Art Deco hinzuweisen, die gerade für uns späte Rezipienten des Stils prägend waren. Die augenscheinliche Ästhetik der gezeigten Werke von z.B. Lempicka und Cassandre ist immer wieder atemberaubend. Dennoch stellt sich für Norbert Wolf bereits hier die Frage, ob der Art Deco denn überhaupt als eigenständiger Stil gesehen werden könne, oder ob er als Modeerscheinung nur eine Ausprägung von vielen in einer äußerst kreativen und vielseitigen Epoche sei.

Dieser Zwiespalt zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Opus. Wolf nähert sich der Antwort von außen, indem er zunächst vorangehende Kunstrichtungen wie Jugendstil, Kubismus, Futurismus und Historismus betrachtet, aber gleichzeitig nicht vergisst, den Art Deco in die politisch-kulturellen Geschehnisse der bewegten Jahre zwischen 1920 und 1940 einzubetten. Woraus setzt sich der Art Deco zusammen, wie grenzt er sich ab von künstlerischen Parallelwelten wie der Neuen Sachlichkeit?

»Who is Who« des guten Geschmacks

Schnell wird deutlich, wie handwerkslastig der Art Deco ist. Seine Geburtsstunde ist die Pariser Ausstellung ›Exposition des Art Décoratifs‹ von 1925, der Ausstellungstitel wird in seiner Abkürzung künftig synonym verwendet für eine neue Stilrichtung. Der Art Deco ist tatsächlich in seinem Grundprinzip auf das dekorative Moment und dessen Ästhetisierung fixiert, jede Art von Gesellschaftskritik bleibt außen vor. Kunsthandwerk bietet sich hier als Plattform, die nicht hinterfragt, besonders an.

Während auf der einen Seite Norbert Wolf alle Hände voll zu tun hat, den Art Deco in seiner internationalen Komplexität umfassend darzustellen, lässt ein Blick auf die künstlerischen Parallelwelten von Bauhaus, Neuer Sachlichkeit oder amerikanischem Präzisionismus erahnen, wie schwer es Künstlern des Art Deco gefallen sein muss, angemessene Anerkennung zu finden. Viele von ihnen fanden sich wieder bei der Ausstattung luxuriöser Herbergen, wie Kreuzfahrtschiffen, Hotels oder Botschaften. Den Kritikern missfiel dagegen der offensichtliche Hang zum Luxus und dessen unreflektierte Zurschaustellung.

Auf dem schmalen Grat zwischen Luxus und Prahlerei

Gerade der amerikanische Art Deco ist uns in seiner architektonischen Ausprägung in Erinnerung geblieben. Stadtverändernde Gebäude wie das Chrysler Building oder das Empire State Building gelten mittlerweile als Meilensteine des Art Deco. In seiner internationalen Sichtweise zeigt Norbert Wolf, wo die Grenzen von Ästhetik zur Gigantomanie liegen. Während Hotels in Marokko im Stil des Art Deco das Publikum ansprechen, gewinnt er in den Händen der Diktatoren verstörend an Macht. Viele Bauten und Kolossalstatuen der Sowjetunion und des Dritten Reiches orientierten sich am Art Deco und verursachen mittlerweile doch kaum mehr als ein beklemmendes Gefühl in der Magengegend.

Das Hauptverdienst Wolfs aber ist es, zu zeigen, wie sehr der Art Deco das ästhetische Empfinden der Massen beeinflusst hat. Im aufstrebenden Amerika bereitet die Industrialisierung der Werbeästhetik den Boden. Selbst Haarföns gibt es im Art Deco Design, Werbegrafiker verwenden fast ausschließlich Gestaltungsprinzipien des Art Deco. Gerade weil der Art Deco den Geschmack der Moderne so nachhaltig beeinflusst hat, spricht Wolf ihm immer wieder das Recht ab, ein eigener Kunststil sein zu dürfen. Art Deco bedeutet für ihn mehr Design und Ästhetik als stilprägende Kunstrichtung. Er verweist hier passenderweise auf Tamara de Lempicka, die den Art Deco als Künstlerin entscheidend mitgeprägt und sich doch auf massenkompatible Darstellungen mit geringem Aussagewert beschränkt hatte.

Bleibender Einfluss

Dass der Art Deco dennoch Einfluss nahm, vor allem auf Industriedesign, Mode und Werbegrafik, bleibt unbestritten. Auch, dass sein Hang zu extravaganten Materialien und zum Luxus das Wunschdenken vieler Zeitgenossen immer noch anregt, sei dahingestellt. Wie sehr sich Design aber von Kunst unterscheidet, merkt man spätestens beim Durchblättern des wunderbar gestalteten Kunstbands, in dem Norbert Wolf gekonnt Abbildungen der Interieurs von Luxuslinern Gemälden von Matisse und Picasso gegenüberstellt. Erst im direkten Vergleich wird der Unterschied zwischen Kunst und Handwerk überdeutlich.

Solche Einschränkungen tun aber dem visuellen Genuss des Kunstbands keinen Abbruch, sie enttäuschen auch nicht beim Lesen. Im Gegenteil fühlt man sich dank der offensichtlichen Expertise Norbert Wolfs grundlegend informiert und kann den Art Deco als Design ebenso genießen wie zeitgleiche künstlerische Strömungen, die ebenfalls kurz in ihren Eigenheiten vorgestellt werden. ›Art Deco‹ umfasst damit sehr viel komplexere Fragen, als man es auf den ersten Blick vermuten möchte und die prunkvolle Aufmachung ist eine angemessene Entlohnung für die erledigte Lesearbeit.

| VIOLA STOCKER

Titelangaben
Norbert Wolf: Art Deco
München: Prestel 2013
288 Seiten. 69 Euro

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