/

Generation Nestbau

Kulturbuch | Nicole Maalouf: Das neue SoLebIch Buch

Der Reiz einer ästhetischen Innenarchitektur verfängt immer. Bislang schien es, als ob nur hochpreisige Zeitschriften und Bücher guten Geschmack vermitteln könnten und damit dem Otto-Normal-Verbraucher der Zugang zum illustren Zirkel der Vorzeigeimmobilien verwehrt wäre. Wie weit dieses Klischee der Wirklichkeit hinterher hinkt, zeigt der zweite, neue Bildband der Wohncommunity SoLebIch.de, der unter der Ägide von Initiatorin Nicole Maalouf Einblick in die privaten Gefilde designverliebter Normalos gewährt. ›Das neue SoLebIch Buch‹ ist ein echtes Schmankerl für alle Voyeure und Ästheten. VIOLA STOCKER blättert sich staunend durch die Privatresidenzen der Republik.

Das neue SoLebIch Buch von Nicole MaaloufZugegeben, der inhaltliche Gehalt des Bildbands lässt zu wünschen übrig. Am meisten wird noch im Vorwort geschrieben, doch nicht unbedingt gesagt. Doch ist diese Tatsache eigentlich kein Problem, denn im ›neuen SoLebIch Buch‹ sammelt und verewigt Nicole Maalouf hauptsächlich die gelungensten Beiträge aus ihrer Online Wohncommunity. Für Kenner ist es wohl eher ein wohlwollendes Blättern in einem Familienfotoalbum, für alle, die bis dato noch keinen Kontakt zu SoLebIch.de hatten, eine ordentliche Portion Voyeurismus.

Manifest einer Online Community

Dank des Buches dürfen sich einrichtungsbegeisterte Community-Mitglieder im Druck verewigt sehen. Dass auch dies ästhetisch ordentlich gemacht ist, zeigen die einleitenden Illustrationen von Larissa Bertonasco. Maalouf konzentriert sich auf die Themenbereiche Flur, Küche, Essplatz, Wohnzimmer, Arbeitsplatz, Schlafzimmer und Kinderzimmer, die jeweils mit einem kurzen Vorwort vorgestellt werden. In jedem Kapitel werden außerdem Angaben zu DIY-Projekten, Designklassikern und aktuellen Trends gegeben.

Die redaktionelle Bearbeitung der Fotos ist der Hauptunterschied zur Internetseite. Jeder, der möchte, kann sich ein Profil auf der Community anlegen und eigene Fotos teilen. Maalouf hat sozusagen die Beiträge der Gemeinschaft gefiltert und konzentriert in diesem Bildband. Die Kommentare zu den Fotos haben meist erklärenden Charakter, oft werden sie begleitet von Zitaten der Urheber. Wer mag, erfährt hier also mehr über die gezeigten Stücke und deren Erwerbsmöglichkeiten. Ein Paradies für Nachahmer also.

Betörende Ästhetik ohne weiteren Anspruch

Insgesamt ist der Bildband sehr schön anzusehen und die abgedruckten Fotos regen zum Tätigwerden an. Schließlich sind es ja Privatfotos, die Nachahmbarkeit suggerieren. Wer sich für einzelne Markennamen interessiert, erhält die notwendigsten Informationen und im Anhang ein Register für Kaufinteressierte. Man muss leider anmerken, dass beide Tatsachen ›Das neue SoLebIch Buch‹ nur wenig von herkömmlichen Zeitschriften abheben. Selbst ein ›Architectural Digest‹ liefert mehr Hintergrundinformationen zu Stil, Material oder Herstellungsart.

Dass man trotzdem sehr gerne durch das Buch blättert, ist der soliden Aufmachung und den tollen Fotos zu danken. Maalouf hält sich sehr zurück mit den Erläuterungen, was aber gleichzeitig den Bildern und Originalkommentaren der Mitglieder entsprechend mehr Raum gibt. ›Das neue SoLebIch Buch‹ hat damit alles Potential für ein hübsches Wohnzimmertischbuch, in dem hauptsächlich geblättert und weniger gelesen wird und kann auch eine Quelle der Inspiration für jene werden, die gerne selbst Hand an ihre Wohnung legen würden.

| VIOLA STOCKER

Titelangaben
Nicole Maalouf: Das neue SoLebIch Buch. Für ein schönes Zuhause
München: DVA 2014
192 Seiten. 29,99 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Einige ziehen blank, andere Bilanz

Nächster Artikel

Some New Music To Turn That Frown Upside-Down

Weitere Artikel der Kategorie »Kulturbuch«

Wir alle sind Fiktion

Kulturbuch | Doris Dörrie: Leben, schreiben, atmen Schreiben kann ein hochkonzentrierter und selbstvergessener Zustand sein, wenn man es schafft, die innere Zensur zu überlisten. Doris Dörrie scheint eine Meisterin darin zu sein. Ihr neuestes Buch ›Leben, schreiben, atmen‹ klingt wie ein Mantra und verheißt doch eine spannende Schule der Wahrnehmung. Von INGEBORG JAISER

War Gaddafi Existentialist?

Kulturbuch | Charlie Nash: »Gaddafi, Existentialist«

Vor 50 Jahre, am 14. Mai 1973, hielt Muammar al-Gaddafi in Tripolis eine Rede über Existentialismus. Libyen sei daran nicht interessiert, weil man das letzte Geheimnis der Existenz, das auch die Wissenschaft nicht erklären kann, mit Religion beantworte. Der britische Journalist Charlie Nash tritt den Gegenbeweis an. Sein kurioses Büchlein »Gaddafi, Existentialist« entdeckt einen existentialistischen Faden in Leben und Werk des libyschen Revolutionsführers, Despoten, Außenseiters und Visionärs. Eine faszinierende Neuinterpretation – die das schillernde Gaddafi-Enigma durch das Prisma der Philosophie betrachtet. Von SABINE MATTHES

Plattenbau und Karussell

Kulturbuch | Ulrich Burchert: Bunte DDR. Bilder aus einem lebendigen Land Manche mögen den Titel des Buches für paradox halten. Die DDR? Die war doch bekannt für ihre Grundfarbe grau, dunkelgrau, wie die vom Braunkohleruß gefärbten Hausfassaden. Und dann für einen Band mit Schwarzweißbildern? Aber der Fotograf Ulrich Burchert weiß schon genau, warum er sein Buch ausgerechnet ›Bunte DDR‹ genannt hat. Von PETER BLASTENBREI

Die späten Geständnisse des Wilhelm Genazino

Kulturbuch | Wilhelm Genazino: Die Belebung der toten Winkel

Nachdem er vor zwei Jahren den Büchner-Preis erhielt, zählt der Schriftsteller Wilhelm Genazino zu den bekanntesten deutschen Autoren. Mit seinen nun publizierten Frankfurter Poetikvorlesungen gibt er tief reichende Einblicke in sein Schaffen und dessen geistige Hintergründe. Von WOLFRAM SCHÜTTE

Der Zauber der Stoffe

Avalon Fotheringham: Der Zauber Indiens

Stellen sie sich einfach vor, sie wären in London, genauer gesagt, im Westen der Stadt, in Kensington, im Victoria and Albert Museum. Hier lagern rund 10000 indische Stoffe. Textilien, die in Farbe und Form, in Materialien und Machart ein langes und spannendes Stück Geschichte Indiens erzählen. In diesem Buch werden rund 700 Stoffe präsentiert. BARBARA WEGMANN lädt ein zu einem kleinen Museumsrundgang, Pardon, zu einer Buchbesichtigung.