/

Politisch nicht opportun

Menschen | Wolfgang Held: Ich erinnere mich

Bevor man Wirklichkeit erkennt, muss man den Informationsmüll beiseite räumen, den Mainstream täglich auswirft, und es ist nicht bloß Müll, es ist Manipulation, es ist Täuschung, wer findet sich da zurecht, oh weh, Ende Gelände. Wir arbeiten die Dinge auf, so nennen wir das, wir bahnen uns einen Weg durch dichtesten Nebel, überall herrscht »schlohweißer Tag« (Tamara Danz). Von WOLF SENFF

Wir haben noch längst nicht zu Ende gewürgt an unser faschistischen Vergangenheit, da hetzt uns die Frage: DDR, was warst du? Warst du ein »Phänomen«, warst du »sogenannt«, warst du »Zone«, warst du »Unrechtsstaat«?

Verbale Abrüstung tut not

DanzWer weiß das schon. Gut, wer ernsthaft interessiert ist, konnte beispielsweise 1997 eine spannende und ergreifende Biographie der oben erwähnten Tamara Danz, der mitreißenden Leadsängerin von ›Silly‹, lesen und sich davon überzeugen, dass in der DDR normales Leben stattfand – doch will das überhaupt jemand wissen?

In Wolfgang Helds persönlichen Erinnerungen, Erinnerungen an Freunde und an Reisen herrscht ein anderer Ton, der uns hilft, die Hitze in den Köpfen zu lindern, verbal abzurüsten und den gemeinsamen Alltag nüchtern und mit gebotener Vernunft zu betrachten.

Ein Lesevergnügen

»Die Wendehälse von einem Tag zum anderen ekelten mich an. Ich blieb mit meinen fünfzehn Jahren ein Suchender«, bekennt er, als der Krieg zu Ende ist und in Weimar nach kurzzeitiger Besatzung durch US-Truppen die sowjetische Armee die Ordnung stabilisiert. Er schildert Wegmarken seines Lebens, etwa das Kriegsende, seine politische Überzeugung und seine Arbeit im Schriftstellerverband, das Jahr 1989, und er weist auf das Altwerden als den naturgegebenen Rückzug aus der umtriebigen Mitte.

Wolfgang Heldt lässt uns das nicht nacherleben, er macht weder Sensation noch Alarm und legt es nicht darauf an, uns gefühlsmäßig zu packen und in Richtungen zu führen. Darin liegt ein beträchtliches Lesevergnügen, diesem ruhigen Buch fehlt alles, was eine politische Debatte so gehässig und niederträchtig erscheinen lässt.

Ein Silberner Bär

Er stellt auch nicht den Anspruch, sich nun rechtfertigen zu wollen, sondern allenfalls dass er sich fragt, weshalb er in bestimmten Situationen nicht wachsam hingesehen und vielleicht doch eingegriffen hätte.

Er war in der DDR ein geschätzter Autor, geboren 1930, den das nach 1989 neu formierte Deutschland nicht wirklich aufnahm, oder erinnern wir uns daran, dass ›Uns hat Gott vergessen‹ (2000), in dem er die Alzheimer-Erkrankung seiner Frau zum Erzählanlass nimmt, in den Feuilletons des Mainstream Widerhall gefunden hätte? Sein Film ›Einer trage des anderen Last‹ (1988), ein Welterfolg, gewann einen Silbernen Bären für den Darsteller.

Eine unsichtbare Mauer

ich-erinnere-mich_wolfgang-heldAber was sagen wir dazu, dass bei einer Aufführung im Rahmen einer Filmreihe des Ökumenischen Arbeitskreises Prenzlauer Berg im Juni 2013 die Gäste Schlange standen und längst nicht alle in das UCI-Kino ›Colosseum‹ hineingingen und der Andrang auch nicht gestillt war, als ein zweiter Saal zur Vorführung bereitgestellt wurde? Ist das so etwas wie der Andrang des Westens nach kostbaren Bananen, die uns der eigene Kulturbetrieb vorenthält?

Doch war Wolfgang Held niemand, der geklagt, gar gejammert hätte. »Wie dürftig und dürr ist doch eine Literatur, die ihre Qualität allein damit erreicht, dass ein Werk durch alle Medien gezerrt und ausgesaugt wird, bis selbst der Kenner nicht mehr zu werten in der Lage ist.« Diese Äußerung von 1975 zeigt die Abgründe bzw. macht die Mauer kenntlich, die ihn auch noch nach dem Fall der sichtbaren Mauer vom hiesigen Literaturbetrieb trennte, wir finden diesen Satz in den beigefügten Aphorismen und Tagebuchnotizen.

Wann »wächst zusammen, was zusammengehört«?

Kommunist. Kein Wendehals. Wir dürfen annehmen, dass sich niemand veranlasst sah, ihn in den Kultur- und Literaturbetrieb zu integrieren. Unsere schöne Sprache kennt dafür das Wort »schneiden«, was so viel heißt wie »nicht ganz abschneiden« – jeder kennt ihn, doch niemand redet mit ihm, er wird »geschnitten«.

Er nennt Freunde und findet auch hier einen angenehmen, fast intimen Tonfall. Auf ein Gedicht von Louis Fürnberg bezieht sich das ›Alt wie ein Baum‹ der Puhdys. Walter Victor lebte nach seinem Exil in den USA in Berlin. Für Bruno Apitz (›Nackt unter Wölfen‹, 1958) beschaffte Held unter Umgehung der bürokratischen Gepflogenheiten einen lindgrünen Wartburg. Walter Janka, der einige Jahre in Bautzen inhaftiert war, wurde ein vertrauter Gefährte, und auch an dessen Biographie – er starb 1994 – lässt sich ablesen, dass ein »Zusammenwachsen« (Willy Brandt) von BRD und DDR real nicht stattfand und gar nicht beabsichtigt war.

Ein schmaler Band Vermächtnis

Es gibt dennoch Anfänge, dass sich die Nebel lichten. Erwin Strittmatter, den Held ebenfalls zum Freundeskreis zählt, wurden für seinen Film ›Der Laden‹ (1998) der Adolf-Grimme-Preis und der Deutsche Fernsehpreis zugesprochen. Armin Müller, der als Dichter und Maler bekannt wurde, erhielt 1997 den Eichendorff-Literaturpreis und wurde 2004 zum Ehrenbürger seiner polnischen Geburtsstadt Swidnica ernannt.

Harry Thürk, einer der populärsten Autoren der DDR, wurde auch nach 1989 publiziert, konnte aber an seine Erfolge nicht anknüpfen, er verstarb 2005 in Weimar. Walter Stranka war »ein netter Kerl«, der jedoch leider »agitierte, wo er ging und stand«, man durfte ihn »nicht zu Wort kommen lassen« – und wir fragen uns, weshalb die Toleranz und weltläufige Integrationsbereitschaft, die diesen Freundeskreis prägte, nicht auch leitendes Prinzip im Umgang der Deutschen miteinander sein konnte bzw. sein kann. So verstanden, hat dieses schmale Bändchen viel von einem Vermächtnis (Wolfgang Held starb im September).

Positive Zeugnisse sind nicht genehm

Ach, die Reisenotizen. Nein, nichts für mich. Man kann diesen Teil gegen den Strich lesen und stößt auf einen Zug Eitelkeit eines privilegierten Repräsentanten der DDR. Trotzdem bleibt dieses Buch ein aufschlussreiches Lesevergnügen.

Das nicht zuletzt deshalb, weil positive Zeugnisse aus dem Alltag der DDR ›hierzulande‹ politisch nicht opportun sind.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Alexander Osang: Tamara Danz
Berlin: Christoph Links Verlag 1997 (Erstauflage)
223 Seiten, 39,80 DM
| Leseprobe

Wolfgang Held, Ich erinnere mich
Aufzeichnungen, Reisen und Tagebücher. Hg. von Ulrich Völkel
Weimar: Eckhaus Verlag Rogge 2014
208 Seiten, 19,95 Euro
| Hörprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Die Welt als Tollhaus

Nächster Artikel

Genießen, wenn alles schläft

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Egotrip mit Kulissen

Menschen | Andreas Altmann: Verdammtes Land Palästina und die Palästinenser erleben augenblicklich einen Boom. Zahlreiche Bücher und Medienberichte sprechen plötzlich aus, was zumindest in Deutschland und auf Deutsch lange Zeit tabu gewesen war. So wichtig und begrüßenswert das ist, so liegt doch ebenso auf der Hand, dass nicht alle Resultate eines Booms befriedigend ausfallen. Gerade hat der bekannte Reisejournalist Andreas Altmann seine Sicht der Dinge unter dem Titel ›Verdammtes Land‹ veröffentlicht. Von PETER BLASTENBREI

Die ganze Welt ist voller Barrieren

Gesellschaft | Andreas Pröve: Abenteuer Mekong. Mit Audio-Interview In seinem Buch Abenteuer Mekong. 5700 Kilometer von Vietnam bis ins Hochland von Tibetberichtet Andreas Pröve von seiner Reise entlang der Lebensader Südostasiens. Fünf buddhistische Länder durchquert er mit seinem indischen Reisegefährten Nagender, um dem Mekong vom Mündungsdelta in Vietnam stromaufwärts bis zu seiner Quelle im tibetischen Hochland nachzuspüren. Dabei tauchen die beiden Weltenbummler tief ein in fremde Kulturen mit all ihren Besonderheiten. Der Klappentext verspricht ein eindringlich und leidenschaftlich erzähltes Abenteuer. Von STEFAN SCHALLES

Und sie bewegt sich doch?

Gesellschaft | Wolfgang Streeck: Aufsätze und Interviews, 2011-15 Wolfgang Streeck ist ein renommierter Soziologie, bis Oktober vergangenen Jahres leitete er das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Ende der neunziger Jahre war er an der Vorbereitung der Schröderschen Agenda 2010 beteiligt, er wirkte aktiv an der Politik sozialer Kürzungen mit. Von WOLF SENFF

Sadness With A Dash Of Beats: An Interview With Emika

Music | Bittles’ Magazine: The music column from the end of the world

In a world which celebrates uniformity and mediocrity it is refreshing to find someone actively striving to create something interesting and new. In art, moulds are meant to be broken and stereotypes cast to the ground. One artist who understands this is Berlin resident Emika. Born Ema Jolly, and raised in Milton Keynes, Emika has utilized her classical training in piano and composition to form the foundation for a body of work which has taken in pop, classical, electronica, ambient and more. Never one to settle for the status quo, her music could resemble the gothic pop of Fever Ray one minute, the futuristic electro of Drexciya the next. By JOHN BITTLES

Das Verhängnis einer Liebe

Menschen | Ingeborg Bachmann, Max Frisch: »Wir haben es nicht gut gemacht«

Von Juli 1958 bis zum Frühjahr des Jahres 1963 dauerte die Liebesbeziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch – zum Ende hin war sie vergiftet und zerbrach. Immer wieder ist über sie in der literarischen Öffentlichkeit gestritten worden mit Frisch in der Rolle des Böswichts und Bachmann in der des Opfers. Ein neues Editionswerk verlangt nach einer Korrektur der Sicht auf diese unheilvolle Beziehung der österreichischen preisgekrönten Lyrikerin und dem schweizerischen Erfolgsautor. Von DIETER KALTWASSER