Das Erbe der Eskimos

Digitales | Never alone

Ehe der Frühling in Deutschland einkehrt, die Blumen blühen und der Heuschnupfen plagt, werfen wir einen Blick auf das Volk im ewigen Eis. Im Nordwesten Alaskas leben die Iñupiat, ein Volk mit 3000-jähriger Geschichte und zahlreichen Sagen. Eine haben sich die Entwickler von Upper Games und E-Line Media zu Eigen gemacht: ›Never alone‹. FLORIAN RUSTEBERG und EVA HENTER-BESTING begleiteten die mystische Reise von Nuna und ihrem besonderen Begleiter durch die eisige Kälte – im warmen Wohnzimmer.

Box_art_1080x1080

»Kommt näher, dann erzähle ich euch eine Unipkaaq, eine Geschichte, die seit Generationen überliefert und schließlich an mich weitergegeben wurde. Ich habe diese Geschichte vor vielen Jahren von Nasruk gehört. Er lehrte mich, dass in Geschichten große Weisheit zu finden ist, wenn man bereit ist, zuzuhören. Denkt daran: Wenn ihr zum Volk der Iñupiat gehört, seid ihr niemals allein«. Niemals allein – Kisima Inŋitchuŋa, ›Never alone‹ – heißt das bereits im November 2014 erschienene Puzzle-Jump&Run der Entwickler von Upper One Games. Sie visualisieren kunstvoll eine gängige Sage der Iñupiat, eines Inuitvolkes im Nordwesten Alaskas, und verfolgen damit einen interessanten Ansatz: Durch die direkte Zusammenarbeit mit den Stammesangehörigen wird das Spiel zur erfahrbaren Folklore, zur Geschichtsstunde aus erster Hand.

Mit List und Fuchs

›Never alone‹ wird uns in echtem ›Eskimodialekt‹ erzählt. Aus den deutschen Untertiteln erfahren wir, dass sich die Fabel um das junge Mädchen Nuna dreht, die sich auf die gefährliche Reise macht, die Ursache eines nie enden wollenden Blizzards zu ergründen. Auf ihrem Weg begegnet sie nicht nur einem hungrigen Polarbären, einem großmäuligen Wal und einem bösen Mann, sondern auch einem extrem niedlichen Polarfuchs, der ihr nicht mehr von der Seite weicht.

E-Line_NeverALone_7

Mit Nuna und ihrem namenlosen Pelzkollegen streifen wir durch eine malerische Eislandschaft mit tanzenden Nordlichtern, auseinanderberstenden Eisbergen und frostigen Schneestürmen. Untermalt wird das Ganze mit virtuosen Klangteppichen, die sich mit der Stille der Kälte und dem Knacken des Eises abwechseln. Als 2,5D-Plattformer erleben wir eine wunderschön visuelle 3D-Arktis, können unsere Figuren aber lediglich seitwärts und vertikal bewegen. Damit erfindet Upper Games das Rad sicherlich nicht neu, setzt das Spiel aber solide um. Leider holpern die Animationen an einigen Stellen, werden aber dank geschickt eingesetzter Effekte und Unschärfe-Momenten schnell verziehen. Unscharf ist auch die Steuerung – einige Sprungmanöver gehen trotz richtigen Timings reichlich schief und wir müssen Nuna oder Meister Pelz in den Schnee beißen sehen. Das ist nicht besonders schön, doch lässt sich das Problem durch kurzes Rumprobieren bewältigen.

Manuell spirituell

Insgesamt ist das Handling kinderleicht: Nuna läuft, klettert und springt auf Knopfdruck. Später können wir auch noch eine Bola einsetzten, allerdings weniger um Gegner zu bekämpfen, sondern als Werkzeug für die eingestreuten Rätselpassagen. Interessant werden die einfachen Mechanismen im Zusammenspiel mit Nunas flauschigen Gefährten, der entweder von uns oder einem Mitspieler im Koop-Modus gesteuert werden kann. Das Mädchen ist dabei vorwiegend für das Manuelle zuständig; Kisten verschieben, Leitern klettern oder mit ihrer Bola Hindernisse aus dem Weg räumen. Unser kleiner Fellkumpel kann zwar auch hervorragend springen und klettern, ist aber eher für die spirituelle Reise zuständig. Er kann Tiergeister sichtbar machen und sie in seine Richtung lenken, damit Nuna sie als Sprungplattformen nutzen kann. Dieses Zusammenspiel ist gut gemacht, wird aber nie richtig fordernd, sodass selbst ungeübte Spieler nach spätestens vier Stunden die Geschichte der Iñupiat in Gänze erlebt haben.

Kulturelles Vermächtnis

Nichtsdestotrotz ist ›Never alone‹ ein gutes Spiel. Neben grafischer Schönheit und nettem Spielprinzip ist es ein gelungener Versuch, eine kleine, sehr eigene Kultur in einem Spiel darzustellen. Die Iñupiat wurde Raum gegeben, ihre Ethnologie, ihr Leben und Geschichte in ein modernes Medium zu transportieren. Nicht nur die im Verlauf der Reise freigeschalteten Videoclips, in denen Stammesangehörige zu Wort kommen und von sich, ihren Mythen und Traditionen sowie der Lebensweise ihres Volkes erzählen, tragen zur Erfahrbarkeit bei. Auch die Umsetzung des Spiels, das Eis, die Kälte und der Schnee sind unmittelbar zu spüren und absolut authentisch. Die 24 Videos lassen sich auch nach Beenden des Spiels anschauen und ergeben zusammen eine knapp 40-minütige Dokumentation über das indigene Volk. Upper Games schafft mit ›Never alone‹ ein interessantes und durchaus gelungenes Konzept, das zum Spielen und Erleben einlädt.

| FLORIAN RUSTEBERG, EVA HENTER-BESTING

Titelangaben
Never alone
Upper Games, E-Line Media
erhältlich seit November 2014 für
PC, Playstation 4 und XboxOne
14,99€

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Eine Art neue Inquisition

Nächster Artikel

Das Leben ist eine Landstraße

Weitere Artikel der Kategorie »Digitale Spiele«

Orbital Obliteration, Oida!

Digitales | Games: Dawn of War 2: Retribution ›Dawn of War 2: Retribution‹ ist ein reines Destillat aus Overkill. Angesiedelt im finsteren Universum des Table-Top-Spiels ›Warhammer 40.000‹ kennt der neueste Spross der Reihe Dawn of War nur Eines: Krieg. PETER KLEMENT hat die Kontrolle über einen Schnauzbartträger, einen Haudegen und eine sehr inquisitive Dame übernommen, um die Feinde des Gottimperators in Munition zu begraben.

Ehrenrunde – Update: The Crew

Digital | Update: The Crew Es passiert oft, dass die Veröffentlichung eines Spieles um eine beliebige Zeit verschoben wird. So erscheint auch ›The Crew‹ erst am 2. Dezember, drei Wochen nach dem ursprünglich gesetzten Ziel. Der Grund ist eine weitere geschlossene Beta-Phase im November, um das Spiel final auf Herz und Nieren zu testen und weiteres Feedback vor dem Release zu erhalten. Von PHILIPP LINKE.

Eine ganz neue Welt

Digitales | Games: No Man’s Sky Es fühlt sich schon wieder an, als sei ein halbes Jahrhundert vergangen, seitdem Developer Hello Games ›No Man’s Sky‹ zum ersten Mal bei den VGX Awards präsentierte. Und dennoch: Die Versprechen, die das kleine Team aus Guildford an diesen Tagen für ihre Weltraum-/Überlebenssimulation gegeben hatten, sind vielen Menschen lange Zeit in Erinnerung geblieben. Ein Spielraum, so groß, dass es niemandem möglich sei, ihn jemals komplett zu erkunden; Ganze 18 Trillionen (1018) Planeten sollte es geben, jeder mit einer einzigartigen Flora und Fauna, mit seinen eigenen klimatischen Bedingungen, die es zu erforschen und zu überwinden galt, kurz und gut: ein Traum

Vom Darmwinde verweht

Digitales | Games: South Park 2: Die rektakuläre Zerreißprobe Manche Helden werden mit einer speziellen Gabe geboren, manche erhalten sie im Laufe ihres Lebens – und manche denken sie sich einfach aus. ›South Park 2‹ stellt sich in der Tat als spektakuläre Zerreißprobe dar. Von DANIEL MEYER.

Wortreiche Zeiten

Digitales | Games: Torment: Tides of Numenera ›Planescape: Torment‹ hat seinen Platz in der Geschichte der Computerspiele sicher. Im Dezember 1999 (Januar 2000 in Deutschland) erschien das Spiel – entwickelt von Black Isle Studios –, das an den Erfolg von ›Baldur’s Gate‹ (Dezember 1998) anschließen sollte, aber bis auf die Äußerlichkeiten (Party mit sechs Figuren, pausierbare Echtzeit, vorgefertigte NPCs mit eigener Geschichte) eigentlich alles anders machte. Von JULIAN KÖCK.